Das Ende der Gemütlichkeit

Der Erste Weltkrieg brachte nicht nur massenhaft Tod und Elend. Er veränderte auch die Gesellschaft nachhaltig. Ihren Zustand vor diesem Bruch schildert der Historiker Günther Sanwald am Beispiel Ulm.

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  • Ulmer Geselligkeit im Neu-Ulmer Gesellschaftsgarten: Bis Ende Juni 1914 war die Welt noch in Ordnung - zumindest vordergründig. Dass auch die Ulmer Gesellschaft damals höchst ungemütliche Züge aufwies, hat Günther Sanwald in seinem Buch "Ulm 1914" herausgearbeitet. Fotos (2): Stadtarchiv Ulm 1/3
    Ulmer Geselligkeit im Neu-Ulmer Gesellschaftsgarten: Bis Ende Juni 1914 war die Welt noch in Ordnung - zumindest vordergründig. Dass auch die Ulmer Gesellschaft damals höchst ungemütliche Züge aufwies, hat Günther Sanwald in seinem Buch "Ulm 1914" herausgearbeitet. Fotos (2): Stadtarchiv Ulm
  • Günther Sanwald hat herausgearbeitet, wie es am Vorabend des Ersten Weltkriegs in Ulm aussah. 2/3
    Günther Sanwald hat herausgearbeitet, wie es am Vorabend des Ersten Weltkriegs in Ulm aussah.
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"Das Leben in Ulm ist gemütlicher und geselliger als in irgend einer anderen Stadt Schwabens, billig und ungezwungen." Dieser Satz, den Günther Sanwald in der Einleitung zu seinem Buch "Ulm 1914" zitiert, steht im Ulmer Adressbuch von 1910.

Um diesen Satz zu konterkarieren, muss der Historiker in jenem Adressbuch nur ein paar Seiten weiterblättern. Dort sind die über 260 Vereine aufgelistet, die damals das gesellige Leben prägten. Und von denen pflegten eine ganze Menge ein recht ungemütliches Gedankengut: nationalistisch, antidemokratisch, antisozialistisch, zum Teil antifeministisch und auch antisemitisch, so resümiert Sanwald. Er hat die Ulmer Zeitungen, Vereinszeitschriften und Archivalien der damaligen Zeit durchforstet und ausgewertet.

Was dabei herauskam, ist ein Überblick über die Ulmer Gesellschaft am Vorabend des Ersten Weltkriegs - einer Gesellschaft, die mehrheitlich so geprägt war, dass sie diesen Krieg billigte. Freilich gab es auch Ausnahmen, die in Sanwalds Arbeit ebenfalls zu Wort kommen.

Ulm war als Garnisonsstadt stark vom Militär geprägt. Die Offiziere waren in hohem Maße in das gesellschaftliche Leben integriert. Das war durchsetzt nicht nur mit Militär- und Veteranenvereinen, sondern auch mit politischen Vereinen von einer stramm nationalistischen Ausrichtung wie etwa der Alldeutsche Verband. Dessen Ulmer Ortsgruppe wurde geführt von Gymnasiallehrern, welche den Schülern ihre völkisch-konservative Weltanschauung einimpften.

Diese Vereinigung arbeitete eng zusammen mit dem Allgemeinen Deutschen Schulverein - Verein für das Deutschtum im Auslande sowie mit dem Deutschen Wehrverein. Und im Bibliotheksverzeichnis der Ulmer Bürgergesellschaft hat Sanwald wüste antisemitische Hetzschriften aus der Feder von Mitgliedern des Alldeutschen Verbands entdeckt. Er nimmt auch den Flottenverein unter die Lupe sowie die Ulmer Ortsgruppe der Kolonialgesellschaft, die 1904 Weihnachtsgaben "für unsere Helden in Südafrika" sammelten, während die gerade den Aufstand der Herero blutig niederschlugen. Er vergisst auch nicht, den Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband zu erwähnen, der jüdischen Angestellten die Mitgliedschaft verwehrte.

Immerhin gab es in Ulm auch eine Ortsgruppe der deutschen Sektion der Internationalen Friedensgesellschaft. Die rekrutierte sich aus dem kleinen und mittleren Bürgertum, und ihre Vorträge scheinen vor allem bei den Frauen starken Anklang gefunden zu haben, wie aus den Berichten der sozialdemokratischen Tageszeitung "Donauwacht" hervorgeht. Doch ansonsten muss der Einfluss der Friedensgesellschaft in Ulm marginal gewesen sein, wie Sanwald feststellt. Ebenfalls eher unfreundlich wurde die Frauenbewegung behandelt, deren emanzipatorische Bestrebungen auch in Ulm auf Widerstand stieß.

Zum Erfolg der Frauenbewegung, der in Ulm zur Folge hatte, dass 1919 zwei Frauen in den Gemeinderat einzogen, wäre es möglicherweise nicht gekommen ohne den Zusammenbruch des Kaiserreiches. Der war eine Folge des katastrophalen Krieges - dessen Ausbruch und dessen lange Dauer anscheinend niemand so recht hatte kommen sehen, wie Sanwald aus der Lektüre der damaligen Zeitungen schließt.

Als am 28. Juni 1914 der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gattin Sophie in Sarajewo einem Attentat zum Opfer fielen, löste das offenbar keine nennenswerte Beunruhigung aus. Die Lokalpresse berichtete über das Wetter, die Nordlandreise des Kaisers, über die Wasserfahrt der katholischen Unitas nach Günzburg und andere Belanglosigkeiten.

Von Kanonendonner ist erstmals die Rede auf einer Versammlung des Bundes der Landwirte im Juli. Und das Wort "Krieg" hat Sanwald im Ulmer Tagblatt zum ersten Mal am 23. Juli entdeckt. Vier Tage später meldete das Tagblatt dann: "Krieg zwischen Österreich und Serbien". Die Erklärung des Kriegszustandes hing am 1. August aus. Und am 18. August stand die erste Todesanzeige eines Gefallenen im Ulmer Tagblatt.

Beitrag zum Weltkriegs-Gedenken im kommenden Jahr
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