Das Auto als Tatwaffe: Prozess gegen 41-Jährigen

Mordversuch am helllichten Tag, mitten in der Stadt? Diesem Vorwurf geht die 2. Große Strafkammer nach. Ein 41-jähriger Kurde soll versucht haben, vier Personen zu überfahren – darunter eine Schwangere.

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Tatort: Tamoil-Tankstelle an der Ecke Olga-/Keplerstraße. Tattag: Sonntag, 17. März 2013. Tatzeit: 15.51 Uhr. Tatwerkzeug: ein Ford Galaxy. Tatvorwurf: versuchter Mord in vier Fällen. Davon jedenfalls geht die Staatsanwaltschaft Ulm in ihrer Anklageschrift aus. Der Kurde soll versucht haben, mit dem Auto vier Personen zu überfahren – darunter sein Schwager und dessen im siebten Monat schwangere Ehefrau sowie ein Freund des Schwagers und dessen siebenjähriger Sohn. Ali B. habe sein Auto beschleunigt und sei mittig auf die Gruppe zugefahren, die sich unmittelbar in der Einfahrt zur Tankstelle befunden habe.

Passiert ist indes nichts, sprich: Es gab keine Verletzten. Zum Glück, wie zwei Zeugen sagten, die den Vorfall beobachtet hatten. Denn der Fahrer habe keinerlei Anstalten gemacht zu bremsen. Wer mit dieser Geschwindigkeit in eine Tankstelle fahre, nehme bewusst in Kauf, dass er jemanden verletzte, sagte eine Zeugin. „Das Kind wäre unters Auto gekommen, wenn es nicht von einem der beiden Erwachsenen weggezogen worden wäre.“

Zur Tat selber schwieg sich der 41-jährige Angeklagte vor der 2. Großen Strafkammer aus. Zweierlei sprach jedoch am ersten Verhandlungstag gegen Ali B., der 1996 als politisch Verfolgter in Deutschland Zuflucht gefunden hatte: zum einen die Aussage des Schwagers, der die Familienverhältnisse des Angeklagten als zerrüttet beschrieb. Seine Schwester habe sich von Ali B. getrennt, nicht zuletzt, weil dieser sie verprügelt habe. „Ich habe zwar nie gesehen, wie er sie geschlagen hat, aber ich habe die Verletzungen gesehen. Einmal ist auch etwas mit einem Messer vorgefallen.“ Er habe seine Schwester mit zwei der drei Kinder aufgenommen – was dem 41-Jährigen wiederum ein Dorn im Auge gewesen sein soll. Offensichtlich machte Ali B. seinen Schwager und dessen Freund für die Trennung verantwortlich, weil die beiden sie in ihrem Trennungs-Entschluss bestärkten. Darin ist wohl auch das Tatmotiv zu suchen.

Was ferner gegen den Angeklagten sprach: das Überwachungsvideo der Tankstelle. Der kurze Ausschnitt, der im Schwurgerichtssaal eingespielt wurde, zeigte, dass zumindest der siebenjährige Junge und dessen Vater Glück hatten, nicht vom Auto erfasst worden zu sein. Das Tempo? Der Gutachter bezifferte es auf 17 bis 19 km/h, „eine Geschwindigkeit, die auch zu tödlichen Verletzungen führen kann. Ein Auto als Waffe kann jemanden töten.“

Die Verteidiger sahen dies naturgemäß anders. Sie krittelten beide an dem Gutachten herum. Weder auf den Tatort, noch auf den Ford Galaxy und schon gar nicht auf die Personen sei in dem Gutachten eingegangen worden. Beide kritisierten, dass keine Wahrscheinlichkeitsberechnung für einen tödlichen Ausgang der Tat vorliege, „das ist alles, bloß kein Gutachten“. Was der Sachverständige konterte: „Es ist nichts passiert, aber es hätte tödliche Verletzungen geben können.“

Gerd Gugenhan blieb als Vorsitzender Richter langmütig und brachte das Beispiel des schlechten Schützen, der nur bei jedem zehnten Schuss trifft. „Würden Sie sich vor ihn hinstellen?, fragt er in Richtung der beiden Verteidiger, denen er eines anheimstellte: Ein neues Gutachten dürften sie gerne beantragen.

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