Darts in Ulmer Kneipen – wo die wilden Pfeile fliegen

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Schwere Jungs, leichte Pfeile und ein Publikum, welches an so eine Art Ballermann des kostümierten Karnevals erinnert: Die Darts-Weltmeisterschaften rund um Weihnachten im Alexandra Palace in London sind jedes Jahr eine große und seltsam anmutende Party. Und sie wird von Jahr zu Jahr beliebt.

„Die Turniere sind der Wahnsinn“, sagt auch Alexander Baptist. Während seines Physikstudiums spielte er in Kneipen mit Kommilitonen Darts; ein knappes Jahrhundert, nachdem ein englisches Gericht den Pfeilewerfern den Grad eines Geschicklichkeitssports zuerkannt hatte. „Mit Zufall hat das wirklich nichts zu tun, eher mit Geduld, Konzentration und gutem Kopfrechnen“, sagt Baptist, der mittlerweile Vorsitzender des ersten Ulmer Darts-Clubs ist.

1986 gründete sich der Club; zu einer Zeit, als es den Darts-Spielern daran gelegen war, das Kneipen-Image loszuwerden. Seit 1991 trainieren die Ulmer in ihren Räumlichkeiten in einem Studentenwohnheim im Fischerviertel – im Keller. An den Wänden hängen sieben Darts-Boards, Holzbalken stehen im Raum und neben einer Wand, die geschmückt ist mit unzähligen Pokalen, zieht sich eine lange Theke lang: Kneipenatmosphäre, nur ohne Zigarettenrauch. Drei Mal die Woche trainieren die Mitglieder dort für ihre Ligaspiele: Oberliga und Kreisliga, aus der Bezirksliga sei man schon vor fünf Jahren abgestiegen, bedauert Baptist.

Kostüme sieht man in dem Vereinsheim keine, es wird auch nicht gegrölt. Ganz konzentriert werden die Boards mit den kleinen spitzen Pfeilen von Jugendlichen, Frauen und Männern anvisiert, die so gar nicht den tätowierten und bulligen Vorbildern entsprechen, die mittlerweile so häufig auf Sport 1 zu sehen sind.

Der Weltmeister im Darts, Michael van Gerwen – genannt „der Triumphator“ – ist in den Niederlanden ein Nationalheld. Auch seine Glatze und seine derben Sprüche haben zum Aufschwung der Sportart beigetragen. Allein 2016 heimste der gelernte Dachdecker mehr als zwei Millionen Euro Preisgelder ein. Der beste deutsche Darts-Profi, Max Hopp, der mit seinen 20 Jahren derzeit die Nummer 38 der Weltrangliste belegt, schied schon in der zweiten Runde aus. Erst kürzlich forderte er, den Dartssport olympisch zu machen. Auch, damit das Spiel mit den wilden Pfeilen in Deutschland mehr Anerkennung finde.

Mann gegen Mann

In Holland, England, Belgien und Schottland versammeln sich zur Darts-WM Zuschauer zum Public-Viewing, euphorisch wie in Deutschland während der Fußball-WM. „In Deutschland gibt es nur eine Handvoll Spieler, die mit Darts Geld verdienen können“, sagt Dirk Rabe, Vorsitzender des Clubs in Blaubeuren. „Was in Deutschland fehlt ist ein Spieler, der begeistert.“ Die Show allerdings, die um die großen Turniere veranstaltet wird, zieht bei den Zuschauern. Der Sender Sport 1 spricht von besten TV-Quoten. Die Dramaturgie der Wettkämpfe, Mann gegen Mann, ständiger Führungswechsel und ein ausgelassen feierndes und schräges Publikum: all das macht Darts im Fernsehen zu einer faszinierenden Veranstaltung. Dabei ist noch nie ein deutscher Spieler über die zweite Runde der Weltmeisterschaft hinausgekommen.

„Die Veranstaltungen sind etwas schräg, aber es macht unsere Sportart populär und zeigt gleichzeitig, dass der Sport frei ist von Aggressionen“, sagt Alexander Baptist. Immer passiert etwas beim Darts, ganz ohne Abseits, ohne Fouls, nur Spieler gegen Spieler, die versuchen in das eigentliche Schwarze des Darts zu treffen, in die dreifache Zwanzig. Eine Fläche, so groß wie der Umfang eines Bleistifts. Es gebe mittlerweile sogar eine Kleiderordnung bei den Turnieren, sagt der Blaubeurer Rabe. Allerdings erst von der Baden-Württemberg-Liga an. Auch der Alkoholkonsum werde dort kontrolliert. Es sei den Verantwortlichen Ernst damit, das Kneipenimage von Darts endlich abzulegen.

„Die neue Generation der Jugend sieht Darts ausschließlich als Sport“, meint Rabe, dessen 16-jähriger Sohn bereits in der Deutschen-Darts-Liga spielt, vergleichbar der Erste Fußball-Bundesliga. Trotzdem hat der Ulmer Darts-Club immer noch Nachwuchsprobleme. Gerade mal drei Jugendliche spielen im Verein. Einer von ihnen ist Mario Lang, 17 Jahre alt und bereits zum besten Jugendlichen im Verein gekürt worden.

Jeden Tag trainiere er, sagt Lang. An eine Zukunft für sich bei dem Sport glaubt er aber nicht wirklich, obwohl er gut ist: „Erst mach ich mal die Schule fertig und dann kann ich immer noch schauen wie´s läuft.“

Ein bisschen von der Darts-Begeisterung hat er aber schon selber erlebt: „Dann wenn ein High Finish – das Finale mit drei Pfeilen –  geworfen wird.“ Da komme Stimmung auf: „Egal ob auf einem großen Turnier oder hier bei uns im Keller.“

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