Brotfabrik ist gerettet - Italiener kaufen Werk von Lieken-Konzern

Die Schließung ist bereits verkündet worden – aber es kommt nicht soweit: Die Brotfabrik in Weißenhorn produziert unter neuen Eigentümern weiter. Dank eines italienischen Großkunden.

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Beinahe wäre die Weißenhorner Brotfabrik dem Kahlschlag im Lieken-Konzern zum Opfer gefallen – so wie die Werke in Essen, Stockstadt und Garrel. Es kam anders: Die Fabrik hat als einzige einen Käufer gefunden. Italienische Investoren waren auf die Lieken AG zugekommen und hatten ihr Interesse geäußert. Unlängst wurde der Vertrag unterschrieben, wie das Unternehmen auf Anfrage bestätigt. Der Betrieb wird aus dem Konzern herausgelöst und geht am 1. Januar an die neuen Eigentümer über.

Dazu wurde Anfang November die Firma Jaus Bakery gegründet. Sie übernimmt nach Informationen von Tim Lubecki, Regional-Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die Arbeitsverhältnisse und damit die verbliebenen 150 Mitarbeiter in der Fabrik: Bäckermeister und Lebensmitteltechniker, außerdem angelernte Zuwanderer. Für alle gilt von Gesetzes wegen ein Jahr Bestandschutz. Sprich: Sie bekommen den gleichen Lohn, die gleichen Zuschläge. Da Jaus Bakery nicht im Arbeitgeberverband ist, gelten nach einem Jahr die Tarifverträge nicht zwangsläufig für alle Mitarbeiter weiter, sondern nur für Gewerkschaftsmitglieder, die aber die überwiegende Mehrheit ausmachen; tariflich geregelt sind zum Beispiel die 38-Stunden-Woche und sechs Wochen Urlaub.

Die Stimmung im Betrieb ist laut Lubecki ambivalent. „Einerseits ist es natürlich eine gute Botschaft, dass das Werk nicht geschlossen wird. Die Arbeitnehmer haben eine Perspektive“, sagt er, „andererseits herrscht eine gewisse Skepsis: ob das Geschäftsmodell aufgeht und das Werk schwarze Zahlen schreibt.“ Hinter Jaus Bakery steht nach NGG-Informationen ein italienischer Großkunde namens Cea, der seit Jahrzehnten Ware aus Weißenhorn bezieht und sich diese Qualität offenbar weiterhin sichern möchte. Mit der geplanten Schließung des Werks wäre dieser Vertriebsfirma ein Teil des Umsatzes weggebrochen. Es handelt sich um eine reine Vertriebsgesellschaft, die selbst nicht produziert und somit auch kein eigenes Produktions-Fachwissen hat. „Die haben ein ureigenes wirtschaftliches Interesse an der Weiterführung des Betriebs“, meint Lubecki. Er sieht in der Übernahme einen „sehr ernsthaften Ansatz“. Und er sagt, schon um irgendwelchen Spekulationen vorzubeugen: „Dass die das Werk herauslösen und schließen, ist Unsinn.“

Die neuen Eigentümer arbeiten mangels eigener Kompetenz bei der Produktion in Weißenhorn mit einem erfahrenen deutschen Nahrungsmittelhersteller zusammen: Kuchenmeister, einer Großbäckerei mit Sitz in Soest (Nordrhein-Westfalen). Sie stellt vor allem Kuchen, Stollen, Waffeln und Tortenböden her, aber auch Pumpernickel und Vollkornbrot. Kuchenmeister beteiligt sich mit Knowhow, nicht mit Geld, betont Prokurist und Mitinhaber Thomas Trockels. Das Familienunternehmen stellt in Weißenhorn die Produktionssoftware zur Verfügung und berät bei den Fertigungsabläufen. Alle Produkte werden auch weiterhin hergestellt, versichert Trockels. Also Hamburger-Brötchen, Baguettes, Ciabatta-Brote, Schnittbrot und Brotlaibe.

Um die Auslastung zu verbessern, werden neue Varianten und neue Geschmacksrichtungen entwickelt. Außerdem sollen neue Märkte erschlossen werden. Es gibt laut Trockels schon Vereinbarungen mit großen deutschen Handelsketten, die an der guten Qualität aus Weißenhorn interessiert seien und bewusst kleinere Hersteller unterstützen möchten, um nicht von großen Monopolisten abhängig zu sein. Die bayerische Brotfabrik ihrerseits steht und fällt somit nicht mit dem Wohl und Weh der Cea. Die nimmt laut Trockels nur ein Drittel der Produktion ab – somit seien Sorgen vor einer zu großen Abhängigkeit unbegründet. Am Rande bemerkt: Trockels hätte einen guten Ruf zu verlieren, ginge der Plan nicht wirklich auf.

Was aus den 40 Mitarbeitern in der Logistik wird, ist indes unklar. Die Logi-K, ein Tochterunternehmen der Lieken-Gruppe, wurde nicht verkauft. Aus der Pressestelle heißt es, das Depot bleibe erhalten – ohne Angabe zu welchem Zweck. Es war bislang ausschließlich für die Auslieferung der Lieken-Produkte aus Weißenhorn zuständig, sagt NGG-Geschäftsführer Lubecki. Die neuen Eigentümer bewerkstelligen den Transport ihrer Ware jedenfalls mithilfe von Speditionen.

Eigentümer-Wechsel

Vorgänger Die Brotfabrik in Weißenhorn hat schon zig Eigentümer-Wechsel und Namensänderungen hinter sich. Aktueller Eigentümer ist der tschechische Agrofert-Konzern, der vor einigen Jahren die Lieken-Gruppe übernahm. Die Vorgänger hießen Barilla, Kamps, Wendeln, Weber und Jaus. Die neue Eigentümerin Jaus Bakery erinnert in ihrem Namen an alte Zeiten.

Strategie „Lieken setzt auf Tiefkühlware und auf große Sortimente. Die haben kein Interesse mehr an Nischenprodukten“, sagt Thomas Trockels als Berater von Jaus Bakery, „was für die zu klein ist, ist für uns gerade groß genug.“

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