Bingo: Vegan unterwegs

Das Vegan-Experiment geht in die dritte Woche: Zu Hause vegan kochen und essen kann jeder. Aber wie halte ich einen langen Arbeitstag durch, wenn ich zum Beispiel geschäftlich unterwegs bin und die Hoheit über den Kochtopf abgeben muss?

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Das vegane Notfallpaket für unterwegs: Obst, Reiswaffeln, Trockenfrüchte und Knabbersoja.  Foto: 
„Das oben drauf ist nur ein bisschen Crème Fraiche-Dressing.“ Ich bin privat unterwegs, es war ein stressiger Tag mit Überstunden, und an der Hotelbar, an der ich jetzt sitze, gibt es noch nicht einmal ein vegetarisches Gericht, geschweige denn ein veganes. Also habe ich den Putenbrust-Salat mit Nüssen bestellt, „aber ohne Putenbrust, und statt Dressing bitte nur Essig und Öl.“ – „Darf ich Ihnen unser Joghurt-Hausdressing anbieten?“ –„Danke, nein, ich vertrage keine tierischen Eiweiße.“ Eine Notlüge, die ich mir von Gabriele Lendle abgeschaut habe. Die Kellnerin kommt, bringt Essig und Öl in Silberkännchen, dann den Salat mit dem freundlich gemeinten Hinweis auf die Créme Fraiche. Weil es also spät ist und ich müde und hungrig, seufze ich nur, sortiere die Blätter mit Dressing aus und stürze mich auf den spärlichen Rest. Freue mich auf die Nüsse, wenigstens etwas, und merke erst beim Draufbeißen, dass sie in Honig geröstet sind. Verflixt und zugenäht.
 
Seit bald drei Wochen sind Uwe und ich Veganer auf Zeit. Zu Hause klappt das super: Warme Gerichte sind überhaupt kein Problem; vegane Brotaufstriche gibt es fertig zu kaufen; und bei den Pancakes zum Sonntagsfrühstück hat niemand gemerkt, dass weder Milch noch Ei in den Zutaten waren. Unterwegs sieht die Sache schon anders aus. Etwas Warmes essen im Provinzgroßstädtle? Geht verlässlich bei genau einem Thailänder in Laufnähe, dessen Gerichte ich schon jetzt nicht mehr sehen kann. Ein Snack auf dem Kurzstreckenflug? Schokokeks geht sowieso nicht, und in den Paprikachips lauern Süßmolken- und Käsepulver, die erst das genaue Studium der Zutatenliste entlarvt. Ein geschäftliches Mittagessen mit eingeschränkter Karte, auf der noch nicht mal ein Salat steht? Hoffen wir mal, dass im roten Pesto zwischen den Makkaroni mit Aubergine kein Parmesan versteckt war.

Immerhin, die Bedienung versteht mein Dilemma: „Meine Tochter ist auch Veganerin.“ Überhaupt stoße ich mit meiner momentanen Ernährungsweise in Restaurants und Cafés auf weniger Unverständnis, als ich gedacht hätte. Was aber nicht heißt, dass es deshalb ein besseres Angebot gäbe. Also behelfe ich mir so gut es geht: Wenn ich weiß, dass ich länger unterwegs bin, habe ich frisches Obst dabei, Maiswaffeln oder eine Nussmischung. Macht mehr oder weniger satt, ist aber auf die Dauer wenig befriedigend und auch nicht immer praktikabel: Ist man geschäftlich oder in einer Gruppe unterwegs, gehört es zum sozialen Ritus, gemeinsam zu essen. Wer daran nicht teilnimmt, gerät automatisch zum Sonderling. Und natürlich wird die Ernährungsweise das Gesprächsthema am Tisch - währenddessen ich, langsam resignierend, innerlich das vegane Bullshit-Bingo abhake.
 
Im nächsten Flieger gibt es wieder Chips. Ich gebe mein Päckchen an meinen Nebensitzer ab. Auf einmal taucht ein Steward auf, die Hände voller quadratischer rosa Päckchen. Ich quietsche laut auf. „Neapolitaner! DIE KANN ICH ESSEN!“ Man wird recht genügsam als Veganer.
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Kommentare

05.03.2013 21:31 Uhr

Unverständlich

Mir ist unverständlich, wie man derart unvorbereitet vegan "ausprobieren" kann. Es gibt genügend Aufschnitte, mit denen man sich z.B. Brote mit Vurst, Gemüse, veganer Mayo etc. pp. machen kann und diese mitnehmen. Oder einfach was vorkochen, z.B. Spaghetti Bolognese, Chili sin carne, Eintopf, etc. pp. Was Schokolade anbelangt gibt es sogar vegane Trüffel- Nougatschokolade die nicht nach Zartbitter schmecken, wie bspw. die Vivani dunkle Nougat oder Rapunzel Nirwana Noir.

Würde ich zur Arbeit nur Obst und Reiswaffeln mitnehmen könnte ich überhaupt nicht arbeiten, zudem würde man mich als Sonderling abtun (irgendwie zurecht). Warum Sie nicht einfach sagen, dass Sie vegan auf Zeit leben, sondern stattdessen lügen, ist mir ebenso ein Rätsel - ist ja nichts Verbotenes.

Insgesamt kommt es mir so vor, als ob dieser "Selbstversuch" darauf abzielt, durch (bewusstes oder unbewusstes) Fehlwissen und entsprechender Darstellung die vegane Lebensweise zu diskreditieren. Gehts nur mir so?

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Das Vegan-Experiment

Verzicht zur Fastenzeit: Von Aschermittwoch bis Ostersonntag wollen unsere Autoren vegan essen, also keine tierischen Produkte verzehren. Hier erzählen sie, wie sie damit zurecht kommen: Von der leckersten Sorte Sojamilch, von Ersatzprodukten wie veganen Tintenfischringen und falscher Ente, von den Reaktionen im Freundes- und Kollegenkreis und natürlich von den besten Rezepten.

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