Biete Brot, brauche PC-Kenntnisse: Der Talent-Tauschring

Ware kann materiell oder immateriell sein. Beides hat einen relativen Wert. Den einer Packung Gummibärchen kann man einfach einschätzen.

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Dem Tauschgeschäft sind keine Grenzen gesetzt: Ingrid Heigele und Sascha Turge schlagen dem Kapitalismus ein Schnäppchen.  Foto: 

Ware kann materiell oder immateriell sein. Beides hat einen relativen Wert. Den einer Packung Gummibärchen kann man einfach einschätzen. Beim Wert einer Stunde Arbeit ist es schon schwieriger, denn Arbeit ist nicht gleich Arbeit. Am Schwierigsten ist es, eine spezielle Fähigkeit zu berechnen, und fast unmöglich, die besondere Gabe eines Menschen in einen materiellen Wert umzurechnen. Es gehört viel Geschick, Toleranz und Bereitschaft dazu, derart unterschiedliche Werte dann auch noch untereinander zu verwursteln, damit bei einem Tauschgeschäft beide Beteiligten zufrieden sind. Das schafft der Ulmer Talent-Tauschring.

Letztlich bewegen sich die Akteure in einem Zustand wie vor 700 Jahren, bevor geprägte Münzen als allgemeine Geldwährung akzeptiert wurden. Damals wurde getauscht. Nicht nur Gleiches mit Gleichem, also Lebensmittel gegen Lebensmittel und ein Rindviech gegen ein Schwein. Es wurden auch unterschiedliche Sachen getauscht, das Schwein beispielsweise gegen die Fähigkeit des anderen, Leder zu gerben.

Als eine Art Alternative zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung und als Modell einer sozialen Marktwirtschaft im eigentlichen Sinne des Wortes wird im Tauschring getauscht. Der eine hat etwas, was der andere brauchen kann. Oder er kann etwas, das der andere nicht kann. Und das „Haben“ ist nicht nur ein materielles Haben. Manch einer hat Zeit, der andere nicht. Dieser hat dafür eine Fähigkeit, die der andere nicht hat. Und so tauschen die beiden, was dem jeweils anderen fehlt: Der eine erledigt eine zeitintensive Tätigkeit, der andere hilft ihm bei etwas, wozu er speziell befähigt ist. Und um die Sache zwar komplizierter, aber dennoch praktikabler zu gestalten, funktioniert das Ganze als Ring. Das heißt, dass mehr als zwei Personen bei einem Geschäft beteiligt sind. Mindestens drei, sonst wäre es kein Ring. In Wahrheit sind es 50 Mitglieder im Talent-Tauschring. Jeder unterhält eine Art Konto. Darauf ist ein immaterielles Guthaben. Das könnte lauten: Maier hat Zeit und kann gut Rasen mähen oder Autos polieren. Müller braucht dringend PC-Hilfe. Und Schmitt führt gerne Hunde Gassi, wozu Schulz, weil viel beschäftigt, keine Zeit hat. Dafür hat er prima PC-Kenntnisse. Und ein Auto, das dringend einer Politur bedarf. So schließt sich der Kreis. Natürlich bedarf dies einer ausgeklügelten Organisation. Sie obliegt nicht einem Chef, den der Talent-Tauschring hat keinen solchen. „Wir sind basisdemokratisch organisiert“, sagt Hans Kloos.

Kloos ist Rentner und sein Hobby sind Kunstschlosserarbeiten, ursprünglich nur für den Eigenbedarf gedacht. „Erst durch den Tauschring bin ich auf die Idee gekommen, mein Können auch anderen anzubieten und ich sehe, dass meine Arbeit anerkannt wird. Das tut mir richtig gut.“

Im Ulmer Talent-Tauschring sind Menschen jeden Alters dabei. Sascha Turge ist Informatiker und Elektriker. Er bringt anderer Leute Computer auf Vordermann. Dafür bekommt er von Ingrid Heigele selbst gebackenes Brot. „Ich backe seit 30 Jahren Brot. Die Kinder sind aus dem Haus und im Tauschring habe ich immer dankbare Abnehmer“, sagt sie. Hans Kloos hat einen großen Garten, dafür hat er jetzt fachliche Hilfe. Thomas Kutzner kommt manchmal vorbei und schneidet die Hecken oder verjüngt die Bäume. Selbst Trommelunterricht bekommt man im Tauschring, denn Gabi Cooper bietet diesen an. Sie wiederum nimmt von Ingrid Heigele die Marmelade und das Brot ab. „Das ist auch eine Vertrauensbasis. Man kennt sich und weiß, woher die Sachen kommen“, sagt Sascha Turge.

Info Der Talent-Tauschring Ulm wurde 1997 gegründet. Er ist unter der Internetadresse www.talent-tauschring-ulm.de erreichbar. Der nächste Treff im Weststadthaus ist am 4. September um 10 Uhr.

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