Bezwingende Spurensuche im Museum

Spurensuche: Das SchererEnsemble begab sich auf eine einzigartige Klangreise zum jüdischen Musikleben Ulms im 19. und 20. Jahrhundert.

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Die Besucher mussten geahnt haben, dass dies ein Konzertabend wird, wie man ihn nur ganz selten erlebt - ein Abend, der sehr lange im Kopf herumgehen wird, weil er so vollgepackt mit neuen Eindrücken war. Im vollbesetzen Ulmer Museum war Thomas Müller mit seinem wahrhaft hervorragend disponierten Scherer-Ensemble angetreten, um "Jüdische Spuren in der Ulmer Musikgeschichte", so der Titel des Programms, freizulegen.

Müller ist aber nicht nur der Leiter des Ensembles, sondern auch ein veritabler Sänger - und ein fesselnder Moderator. Das geballte Wissen, was er zwischen den Werken wie aus Füllhörnern über seine gebannt lauschenden Zuhörer ergoss, könnte, nein, sollte Bücher füllen.

Und dann natürlich die Musik! Mendelssohn, Meyerbeer und Mahler, diese drei berühmten, in der NS-Zeit besonders geächteten jüdischen Komponisten - sie mussten es sich an diesem denkwürdigen Abend gefallen lassen, weitaus unbekannteren Meistern den Vortritt zu überlassen, die das jüdische Musikleben Ulms mitgeprägt haben: Moritz Henle, Adolf Kern und Peter Ury, ihres Zeichens Synagogenkantoren und -organisten.

Während Henle noch hörbar auf den Spuren Mendelssohns und anderer Vorbilder wandelt, ohne dabei jedoch epigonal zu wirken, gewinnen die Werke von Kern schon ein ganz anderes Profil: "Suchet den Ewigen" für Sopran und Klavier, "Genieße das Leben" und "Nachwort & Schlusschoral" aus "Sechs a cappella Chöre nach Texten aus dem Buch des Predigers" für gemischten Chor waren vielleicht die Höhepunkte, auf jeden Fall aber die Entdeckung des Abends - polyphone, komplexe und nachdenkliche Werke, die es wert sind, viel häufiger aufgeführt zu werden.

Ebenfalls eine Entdeckung: die "Holderlieder" von Peter Ury. "Holderbeeren" und "Zweiter Frühling" erklangen aus diesem Zyklus, den man, so viel steht nach diesen beiden Appetit machenden Kostproben fest, unbedingt einmal vollständig hören will. Erwähnt werden müssen auch noch Andreas Weils fesselnde "Improvisationen über eine Improvisation von Peter Ury" und - die Uraufführung des Abends - seine kongeniale Bearbeitung von "Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen" für Chor aus Gustav Mahlers "Kindertotenliedern".

Nach einem solchen exzeptionellen Konzertabend bleiben zwei Wünsche: Die jüdische Spurensuche in Ulm muss fortgesetzt und idealerweise auch auf Tonträger gebannt werden. Und Thomas Müller muss sein Buch schreiben. Unbedingt.

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