Betriebsübergabe: Nur einmal im Leben

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Im Grunde muss man nur mich austauschen.“ Thomas Lahl sitzt in seinem Schmuckgeschäft in der Hafengasse und spricht über die Zeit, in der er nicht mehr den Laden und die dazugehörende Werkstatt führen möchte. Ihn auszutauschen scheint aber nicht so einfach zu sein. „Seit gut sechs Jahren schaue ich nach einem Nachfolger.“ Gefunden hat der gelernte Goldschmied bislang noch niemanden. Kein Einzelfall, wie die Zuständigen bei Industrie- und Handelskammer und dem Handwerk berichten. Für Unternehmer und Handwerker wird es mitunter immer schwerer ihren Betrieb zu übergeben. „Nachfolger sind rar“, sagt Roman Gottschalk, Moderator im Zentrums für Betriebsnachfolge bei der Handwerkskammer Ulm.

Früher seien häufig die Kinder in den elterlichen Betrieb eingestiegen und hätten ihn schließlich übernommen. „Das ist zwar glücklicherweise heute nicht mehr so“, sagt Gottschalk. Denn Kinder sollten ihren beruflichen Weg frei bestimmen können. „Mehr als die Hälfte findet aber innerhalb der Familie oder des Betriebs keinen Nachfolger mehr.“ Hinzu komme, bedingt durch den demographischen Wandel, dass es mehr übergabewillige Firmeninhaber als übernahmewilligen Nachwuchs gibt. Für die Inhaber werfe das zunehmend Probleme auf. „Deshalb müssen wir sie sensibilisieren, dass sie sich früh genug um die Nachfolge kümmern“, erklärt Gottschalk den Ansatz der Handwerkskammer.

Fünf Jahre Vorlauf optimal

Dem kann Joachim Rupp, bei der IHK Ulm zuständig für Existenzgründung und Unternehmensförderung, nur zustimmen. „Die Unternehmer beginnen zu spät, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.“ Manche Firmeninhaber kämen erst mit 75 oder 77 Jahren zu ihm, um sich über eine mögliche Übergabe zu informieren. „Das ist viel zu spät. Gut zwei Jahre dauert so ein Übergabeprozess meistens. Es kann aber auch länger dauern, – oder gar nicht funktionieren.“ Fünf Jahre Vorlauf rät Rupp den Inhabern. „Das wäre ideal.“

Einer von der IHK Ulm in Auftrag gegebenen Studie des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) zufolge stehen in Ulm, dem Alb-Donau-Kreis und dem Landkreis Biberach im Zeitraum von 2014 bis 2018 jährlich etwa 770 Unternehmen zur Nachfolge an. Jedoch sind nur etwa 170 dieser Unternehmen übergabewürdig, sprich unter objektiven Gesichtspunkten so aufgestellt, dass sie für einen potenziellen Nachfolger von Interesse sind.

Früh genug Gedanken gemacht hat sich Thomas Lahl. In den vergangenen sechs Jahren war ihm zufolge aber noch kein geeigneter Kandidat dabei. Wichtig ist dem Goldschmied, dass der Neue seinen Laden zunächst so belässt, wie Lahl ihn konzipiert hat. „Peu à peu kann man Dinge verändern, aber nicht radikal.“ Darauf legt der Goldschmied wert. „Am besten so, dass der Kunde erst einmal gar nichts merkt.“ Zudem müsse sein Nachfolger bereit sein, viel Zeit in den Betrieb zu stecken. „In den vergangenen beiden Jahren hatte ich jeweils eine Woche zu. Davor nie“, erklärt Lahl, der bereits seit 38 Jahren den Betrieb führt. „In dieser Zeit habe ich weder Hobbys noch große Freundschaften gepflegt.“

Diesen Einsatz scheuen, auch angesichts einer guten Arbeitsmarktlage und attraktiver Arbeitsplätze, derzeit viele, sind sich Gottschalk und Rupp einig. Die aktuelle Situation könne aber auch ein Vorteil sein, um gerade jetzt die Selbstständigkeit zu wagen, sagt Gottschalk. „Das Angebot ist groß und man hat die Auswahl.“ Dennoch sei der Trend gegenläufig, deutschlandweit wollten drei von vier Gründungswilligen lieber selbst gründen als einen bestehenden Betrieb zu übernehmen oder sich an einem zu beteiligen. Der Berater der Handwerkskammer ist aber überzeugt, dass mit genügend Vorlauf jeder Handwerker einen Nachfolger für seinen Betrieb finden kann. „Entscheidend ist aber immer der Faktor Zeit“, betont Gottschalk. „Man kann Glück haben, aber darauf verlasse ich mich ungern.“

Substanzwert zählt wenig

Für die Industrie und den Handel sieht Joachim Rupp die Lage nicht ganz so optimistisch. Der IAW-Studie zufolge werden rund 40 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen in den kommenden zehn Jahren keinen Nachfolger finden, sagt Rupp. Was nicht nur in der Region zu Problemen führen könne. „Das geht an die mittelständische Substanz, – in ganz Deutschland.“

Besonders schwierig sei die Situation für Dienstleister, das Gastronomie- und Hotelgewerbe sowie den Einzelhandel. „Was hat ein Einzelhändler seinem Nachfolger zu verkaufen?“ Der Substanzwert zähle bei Verkaufsgesprächen wenig. Vielmehr zähle bei der Bewertung eines Unternehmens der Ertrag, mit dem der künftige Inhaber rechnen kann. „Die zukünftigen operativen Erträge sind entscheidend“, erklärt Rupp, für mögliche Investitionen und die Tilgung des Kredits.

Zudem müsse eine der wichtigsten Fragen für einen potenziellen Übernehmer sein: „Schafft das Unternehmen es, die Digitalisierung zu stemmen?“

Häufig könnten auch die Erwartungen was den Kaufpreis betrifft nicht erfüllt werden. Und wenn dann auch die Altersversorgung des Inhabers am Kaufpreis hänge, „wird es verheerend. Die Inhaber haben meistens eine sehr hohe emotionale Bindung an ihren Betrieb“, sagt Rupp. Das mache die Sache nicht einfacher.

Der Kaufpreis ist Roman Gottschalk zufolge beim Übergabeprozess nach der Suche nach einem Interessenten die zweithöchste Hürde im Handwerk. „Den meisten Handwerkern geht es um den Erhalt ihres Betriebs und um ihre Mitarbeiter. Das ist eine Herzensangelegenheit und für die Betroffenen ja auch jeweils das erste Mal. Einen Betrieb übergibt man nur einmal im Leben.“

Langer Atem nötig

Vor diesem Schritt steht auch ein Ulmer Zahntechniker, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, da er befürchtet,  dass etwa Kunden abspringen. Vor rund einem halben Jahr hat sich der 60-Jährige an Roman Gottschalk gewandt. Seither ist sein Gesuch in der Betriebsbörse im Internet zu lesen, gemeldet hat sich aber noch niemand bei ihm. „Man braucht einen langen Atem“, ist sich der Zahntechniker bewusst. Vor allem in seinem Gewerk fehle der Nachwuchs. „Die Bezahlung ist eher schlecht“, erklärt er. Hinzu komme der ständige Preisdruck. Das animiere junge Leute nicht, sich für den Beruf zu entscheiden. Seine Wunschvorstellung wäre eine fließende Übergabe, bei der ein junger Techniker zunächst bei ihm mitarbeitet und langsam in die Aufgabe hineinwächst. „Dann kann auch die Bindung zwischen Arzt und Labor bestehen bleiben.“ Finanziell sieht der Zahntechniker die Lage nüchtern. Auch wenn er und seine knapp zehn Mitarbeiter derzeit einen Umsatz von rund 700 000 Euro erwirtschaften, erhofft er sich nicht zu viel. „Die Zeiten, in denen man sich durch den Verkauf die Altersversorge sichert, sind vorbei.“

Beim Kaufpreis wäre auch Thomas Lahl gesprächsbereit. Von der Wirtschaftlichkeit seines Geschäftes ist Lahl überzeugt. Mit zwei zahlenden Kunden pro Tag, die im Schnitt rund 1000 Euro bezahlen, sei er ganz zufrieden.„Ich will das Geschäft nicht an die Wand fahren. Das geht gegen meine Berufsehre und ich habe jahrelang dafür gebuckelt. Das möchte ich auf jeden Fall erhalten.“ Zwischen 300 000 und 400 000 Euro liegen seine Erwartungen. Lahl, der derzeit zwei Mitarbeiter beschäftigt, würde aber auch Abstriche machen. „Zunächst will ich erst einmal jemanden finden.“ Dann könnte sich der 72-Jährige auch vorstellen, noch ein paar Jahre im Geschäft mit zu helfen. „Das wäre mir am allerliebsten, dann könnte ich mich langsam rausziehen.“

Unterstützung Handwerkskammer und IHK beraten jeweils ihre Mitglieder beim Übergabe- und Übernahmeprozess.

Handwerk Im Zentrum für Betriebsnachfolge erhalten die Handwerksmeister Informationen etwa zu Betriebsanalyse, Unternehmensbewertung, Übergabe und Übernahme oder Finanzierung. Die Beratungen sind für Mitgliedsunternehmen und Existenzgründer kostenfrei und dem Grundsatz der Neutralität und Vertraulichkeit verpflichtet. Ansprechpartner ist Roman Gottschalk, der den Prozess der Übergabe begleitet. Zudem können die Betroffenen anonymisierte Anzeigen in einer Betriebsbörse der Kammer und überregional im Internet schalten.

Industrie und Handel Die IHK berät und begleitet ihre Mitglieder ebenfalls während des Übergabeprozesses. Die Kammer ist Teil des Moderatorenkonzepts Unternehmensnachfolge in Baden-Württemberg, einer Kooperation mit dem Ministerium für Wirtschaft Arbeit und Wohnungsbau. Nachfolgemoderator Joachim Rupp berät übergabewillige Unternehmen und mögliche Nachfolger frühzeitig, dazu gehören neben der Planung und Suche nach einem Nachfolger auch die Ermittlung des Unternehmenswertes und Beratung in Finanzierungsfragen.

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