Beständig wie Stein: Emil Kräß ist dienstältester Steinmetz am Münster

Seit 30 Jahren arbeitet Emil Kräß als Steinmetz am Ulmer Münster - und damit der Dienstälteste. Zu seiner Arbeit sagt er: "Das ist praktizierte Religion."

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    Emil Kräß 30 Jahre Steinmetz Münsterbauhütte Foto: 
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    Augenmaß und Geduld braucht man als Steinmetz: Erstes hat Emil Kräß gelernt. Das andere liegt in seinem Gemüt. Foto: 
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Emil Kräß geriet nur wenige Male in seinem Leben aus dem Rhythmus: Einmal gleich bei seiner Geburt. Während sein Zwillingsbruder Rudolf in Holzschwang schon längst in trockenen Tüchern lag, verpasste Emil den Augenblick und erblickte erst eine Stunde später im Weißenhorner Krankenhaus das Licht der Welt. Spätestens mit Beginn seiner Lehre vor rund 41 Jahren verläuft sein Alltag jedoch überwiegend in Konstanten: Dazu gehört, dass er die Arbeit mit dem Glockenschlag um 7 Uhr beginnt. „Das ändere ich jetzt auch nicht mehr“, sagt er. „Obwohl wir in der Münsterbauhütte nun auch Gleitzeit haben.“

Wer wie Kräß als Steinmetz seit 30 Jahren  am Münster arbeitet, – gerade wurde das unspektakulär mit einem Kasten Bier gefeiert – hat noch mehr Konstanten als den Arbeitsbeginn. Das Bauwerk selbst ist schließlich Synonym für Beständigkeit, seine Renovierung eine Generationenaufgabe, das Hauen der Steine eine Tätigkeit, die Feingefühl, Geschick, Augenmaß, Konzentration, Genauigkeit und Geduld erfordert. Letzteres vor allem war kein Problem für den freundlichen Mann, der mit dem langen Bart, der Steinmetzschürze und der Baskenmütze auf dem Haupt wie aus der Zeit gefallen aussieht. Die habe er auch gebraucht, um seinen Traumjob in der Münsterbauhütte zu bekommen: „Ich wollte schon meine Lehre dort machen“, erinnert er sich an die Zeit, als er als 15-Jähriger nach der Schule alle infrage kommenden Betriebe in Ulm und Umgebung abklapperte.

Aber wie das eben so war in Bauhütten: „Wer dort arbeitete, blieb sein Leben lang.“ Es liegt wohl einerseits in den Genen vieler, die dort Kreuzblumen, Wasserspeier, Wimperge und Krabben aus dem groben Stein hauen, um die imposanten Bauwerke für die Ewigkeit zu erhalten. Aber es war vor allem vom Arbeitgeber so gewünscht: „Heute ist das allerdings anders, die Gesellen bekommen meist nur befristete Verträge. Wenn sie endlich so weit fit sind, müssen sie oft wieder gehen.“ Kräß schüttelt den Kopf.

Für den jungen Kerl war damals kein Lehrplatz frei in der Münsterbauhütte. So landete er bei einem Steinmetz in Söflingen und durchlief drei Jahre eine harte Schule – „man war nicht zimperlich mit den  Lehrlingen“. Um 7 Uhr musste er da sein. Von Holzschwang her fahrend mit dem Bus dauerte ein Arbeitstag bis 17 Uhr. Er lernte, wie man Treppen macht, Einfassungen, wie man in einen ebenen Stein eine gleich tiefe Fläche klopft, was Randschläge sind und wie man mit den Augen Maß nimmt.  Der Beruf gefiel Kräß, die Umstände damals nicht. Auch sein Gesellenstück hatte einen traurigen Anlass: „Einen Grabstein für meinen Vater, der mit dem Moped tödlich verunglückt war.“  Mit der Arbeit am Stein, verarbeitete Kräß auch seine Trauer: „Das war hilfreich.“

Nach der Lehre sprach Kräß wieder in der Münsterbauhütte vor. Und wieder bekam er eine Absage vom damaligen Münsterbaumeister Karl Friedrich. Er landete im Nördlinger Ries – „in der St.Georg-Bauhütte“. Dort restaurierte man sowohl die gleichnamige Kirche in Nördlingen wie auch denkmalgeschützte Objekte in weiten Teilen Bayerns. „Immer im Winter wurden wir ausgestellt.“ Dann ging er in die Berge: Skifahren.  Oder auf  Reisen. Sieben Jahre zogen ins Land, bis Kräß aus seinem Rhythmus ausscherte: „Ich habe mich für die Meisterschule in München beworben und auf eine freie Stelle in der Münsterbauhütte.“

Er wartete. Bis zum Osterwochenende im Jahr 1986. „Zwei Briefe lagen im Briefkasten: mit zwei Zusagen.“  Das Ulmer Münster lag ihm näher. Zu Beginn musste er 14 Kreuzblumen nacheinander schaffen, bis er sie im Schlaf konnte. „Die Ansprüche hier sind unvergleichlich.“  Im Grunde habe er nochmal eine dreijährige Lehre durchlaufen. Solange Schablonen den Schlag am Stein vorgeben, geht es, sagt er. Danach aber geht es an die Details, es wird in einem gewissen Rahmen bildhauerisch: „Man muss sich überwinden, wenn es ans freie Arbeiten geht.“ Die Angst vor Fehlern sei anfangs groß.

 Die Details – an ihnen erkennt man die Handschrift der Steinmetze, sagt Kräß. „Der eine arbeitet runder, der andere eckiger, wieder einer geht mehr in die Tiefe.“ Er liebe die Tiefe, weil sie schöne Schattenwürfe erzeuge. Kräß hegt eine tiefe Bewunderung für die alten Baumeister des Münsters: „Ich frage mich oft, was die sich gedacht haben.“ Jedenfalls gab es keine halben Sachen. Kräß nennt ein Beispiel: Einmal habe er eine Wandkreuzblume hoch oben an der Fassade nachgearbeitet – „man sieht sie kaum“. Sie sei bis zur Wandseite hin perfekt ausgestaltet worden. „Das sieht nur der liebe Gott. Aber für den haben sie das gemacht.“ So sehe er seine Arbeit im Übrigen auch: „Es ist praktizierte Religion.“

Mit einer gewissen Wehmut betrachtet Kräß den Wandel in der Bauhütte in den vergangenen 30 Jahren – auch wenn sich einige Traditionen erhalten haben. „Früher haben wir alles gemacht: Gerüste zum Beispiel, Sturmschäden am Dach behoben.“ Heute wird das an Firmen vergeben, was nicht zur originären Steinmetzarbeit gehört. Die Vielfältigkeit der Arbeit sei verloren gegangen.

Oder: „Zeichnungen von Stücken werden heute vom Polier am Computer gemacht, früher waren die Zeichnungen wertvoll, da durfte man nicht drauf rumkritzeln.“ Die Logistik sei anders. Vieles war damals mühsamer: Wasser auf den Turm bringen etwa „mit der freischwebenden Milchkanne am Seil“, der nicht ungefährliche Transport der Steine mit Seilen nach oben: „Wir haben den Kollegen festgehalten, der den Stein auf die Plattform zog.“ Das täglich mehrmalige Hinauf und Hinuntergehen der Treppen des Hauptturmes. Heute gebe es Lastenaufzüge, die Maschinen sind moderner, aber auch lauter: „Früher hörte man den Schlag der Hämmer und Meißel, heute den Lärm.“ Die Arbeit hat einen anderen Rhythmus: Kreuzblumen dauerten damals 400 Stunden, heute etwa die Hälfte.

Beständig gewachsen ist jedoch die Beziehung des 55-Jährigen zum Münster und die Freude, wenn mal wieder ein Stück saniert ist – „als wir 2015 den Chorturm abrüsten konnten“.  Bleiben werden auch die Ansichten im Münster, die der Steinmetz liebt. Wenn er auf dem Glockenboden ist und die Sonne morgens von Osten her scheint: „Dann sind die Glocken golden – das sind Momente, die gehören einem allein.“

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