Berührende Extreme: Das Neue-Musik-Festival "Spaces" im Ulmer Stadthaus

Ein heftig sprudelndes, teils auch überraschend harmonisierendes Wechselbad der Neuen Musik bot das Festival "Spaces" im Ulmer Stadthaus: sechs Tage mit Kompositionen von Nono bis Stockhausen.

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Stimmgewaltig und raumfüllend in Karlheinz Stockhausens Meisterwerk "Capricorn" für Stimme und Elektronik: der Sänger und Vokalkünstler Nicholas Isherwood im Stadthaus.  Foto: 

So unterschiedlich können Klangräume gefüllt werden. Wurden die Woche über in den Abendstunden im Rahmen des Festivals für Neue Musik teils wohlig schöne, perkussiv pulsende und fast schon meditative Klänge geboten, war bei der von Antonis Anissegos live gestalteten Elektronik-Attacke "Unununium" nicht an Entspannung zu denken. Brachial, kompromisslos, laut war das - die Stille spendende "Nix Box" im Stadthaus hatte Hochkonjunktur.

Wenig später sollte der Saal allein von einer Viola intensiver gefüllt werden. In Ali N. Askins "String Street", für Miriam Götting geschrieben und von ihr gespielt, wurde das Publikum auf die "Seitenstraße" mitgenommen. Besonders die Klammer-Stücke dieser Sonate wurden, virtuos gespielt, zu einem idealen Einstieg in den Konzertabend.

Luigi Nonos "sofferte onde serene. . ." für Klavier und Zuspielung war dann eines dieser Stücke, das Anissegos geradezu auf den Leib geschrieben zu sein schien. Hellwach am Flügel mit dem Klavier aus dem Off spielend - und die "durchlittenen, heiteren Welten" lebend, einst ein Stück Trauerarbeit der Freunde Nono und Maurizio Pollini. Überraschend luftig war das trotz dramatischer Wucht, einen eigenen mehrdimensionalen Kosmos aufzeichnend.

Projektleiter Jürgen Grözinger verknüpft die Neue Musik ja oftmals mit Lyrik, hier nun also mit Architektur. Bernd Bess, bekannt für die Gestaltung von Museen, zeigte in seinem Vortrag über die "Unsichtbare Wirklichkeit" mit Beispielen von Kollegen wie Tomás Saraceno, Sou Fujimozo oder Antôn Garcia-Abril wie Wolkenstrukturen zu einem Lebensraum werden können oder die Idee der Urhütte in einer waldähnlichen Situation genauso wie in einem amorphen Trüffel aus Beton und Erde realisierbar ist.

Ein Exkurs mit raumprägenden Blitzlichtern, der rasch von einem Solostück für Cello und Elektronik überblendet werden sollte. Mathis Mayr setzte Michael Gordons "Industry" in seiner schlüssigen Dynamik famos um, vom fein gestrichenen Etwas bis hin zum extrem verzerrten Harmonie-Gewitter.

Die "gestreckte Zeit" ist ein wichtiges Merkmal der Spektralmusik, im Stadthaus schien sie am langen "Spaces"-Samstag fast stillzustehen. Zunächst in einer fast schwerelos-geisterhaften Komposition für Ensemble aus der Feder von Tristan Murail, dann im "Streichquartett No 2" von Georg Friedrich Haas. Ein ständiges Übergeben und Überlagern von Notensträngen, Abwärtsspiralen, radikale Bruchstellen vom Cello eingeleitet, kristalline Momente und Oberton-Schwebeflächen, mikrotonale Verzahnungen, sanft Aufblühendes, Heranwachsendes. Ein Husarenritt, Bravorufe im gut besuchten Saal.

Gleich zwei Meisterstücke der elektronischen Musik des 20. Jahrhunderts von Karlheinz Stockhausen wurden im Spaces-Kontext im Originalformat geboten. Mit dem "Gesang der Jünglinge im Feuerofen" erlebte man die Verbindung von synthetischen mit gesungenen Klängen, im Studio erzeugt durch Sinus- und Impulsgeneratoren, eine Knabenstimme vervielfacht, durch Halleffekte und mit Einsatz verschiedenster Tonbandtechniken ins Surreale getrieben. Die Zuhörer sozusagen akustisch eingefasst vom Feuer des Ofens, auf dem einst die Ursuppe der elektronischen Musik zubereitet worden war. Nicht minder eindrucksvoll: Stockhausens "Capricorn" für Stimme und Elektronik als 8-Kanal-Zuspielung, und dies mit dem stimmgewaltigen Nicholas Isherwood, der bereits bei der Uraufführung diesen Part übernommen hatte. Was für eine Stimme, was für eine Erscheinung. Gestenreich, im Fantasie-Anzug, mit rollenden Augen und ebensolchem "Rrrr". Ein Souverän, gefeiert an großen Opernhäusern dieser Welt, scheinbar vom Himmel gefallen und zuhause im Stockhausen-Kosmos wie kaum ein anderer. Eine Sternenreise zwischen profundem Bass und Oberton-Gesang. Am Ende schien gar das Stadthaus komplett abzuheben.

Ein so schon mehr als abendfüllendes Programm, doch da war ja noch Friedemann Dähn, der als Herr des elektronischen Rings mit der Klang-Performance "Voyage. Enter!" Akzente im "Urbanen Leuchten" setzte. Ein Aha-Moment mit tanzenden Bohnen, zugleich ein Atemholen vor dem zweiten Teil des Abends. Hilary Jefferys "Evening Borderland" für Posaune, Tablas, Perkussion und Elektronik zog das Publikum meditativ gestimmt und breitflächig in den neuen Raum hinein. Ein Juwel: John Dowlands "Time Stands Still" für Stimme, Cello und Elektronik, wie hingehaucht, pianistisch getupft, tastend den Raum füllend, geprägt von Iris Lichtinger, Sängerin in Weiß, die später auch als expressive Vokalistin zu überzeugen wusste.

Selbst ein indisch geprägter Raum wurde geöffnet. Ravi Srinivasan an den Tablas und Cellist Mathis Mayr, sicherlich der prägendste Solist der Festival-Ausgabe, wussten zu überzeugen. Allein das vermeintliche große Finale mit den Beteiligten des "European Music Project" uferte dann nach starkem konzeptionellem Beginn doch zu sehr aus. Gestern endete das Festival mit einer Matinée, die Luigi Nono in den Blickpunkt stellte.

Projektleiter Grözinger kommt bei einer hoffentlich auch weiterhin aus dem Stadtsäckel geförderten Fortsetzung dieser großartigen Festival-Reihe nicht umhin, ein wenig am Konzept zu feilen. Ein derart übervoller, mit hochkomplexen Werken gefüllter Samstagabend wurde letztendlich auch den Werken und hervorragenden Musikern nicht gerecht. Weniger wäre hier mehr. Vorbildhaft könnten etliche der Kompositionen sein, die bei diesem Festival zu hören waren.

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