Beispiel Sedelhöfe: "Geiz ist geil" schadet, Handel als Erlebniswelt

Handel im Wandel: Nach Ansicht des Wirtschaftsberaters Dr. Joachim Will hat der Innenstadthandel der Zukunft nur als bunte Erlebniswelt eine Überlebenschance. So wie sie in den Sedelhöfen vorgesehen ist.

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Weil das Thema der Sedelhofbebauung ein sensibles und obendrein nicht unumstrittenes ist, veranstaltet die Ulmer Stadtverwaltung zur argumentativen Untermauerung des Vorhabens derzeit eine dreiteilige Vortragsreihe. Es geht um die "Herausforderungen an den Einzelhandelsstandort Ulm in Zeiten neuer Konkurrenzen". Denn die Stadt müsse zukunftsfest gemacht werden", sagte Baubürgermeister Alexander Wetzig zum Auftakt. Daher beschränke sich die Stadtverwaltung nicht auf die Rolle einer Genehmigungsbehörde, vielmehr betreibe man traditionell "eine aktive Strukturpolitik".

Den Weg in die Zukunft aus seiner Sicht skizzierte Dr. Joachim Will, Geschäftsführer und Einzelhandelsexperte eines Wiesbadener Beratungsunternehmens, das sich unter anderem auf Standortgutachten und Marktanalysen spezialisiert hat. Im Kornhausfoyer sprach Will von sich rasant verändernden Rahmenbedingungen. Mit dem technologischen Fortschritt habe sich das Einkaufsverhalten dramatisch verändert - flankiert von strategischen Marketingentscheidungen, die sich als Bärendienst erwiesen hätten: "Geiz ist geil hat dem Handel geschadet." Zu Lasten der Qualität sei alles auf billig gebürstet worden.

Was die Schnäppchenmentalität befeuere, sei die "allgegenwärtige Preistransparenz" durch den Einsatz von Smartphones, mit denen im Laden Codes gescannt und noch vor Ort Online-Preisvergleiche angestellt würden. Laut Will ist dies erst der Beginn eines Weges, auf dem die "Technologie zum Entwicklungstreiber" des modernen Einkaufens gerate - von der virtuellen Kleideranprobe über "Socken aus dem 3-D-Drucker" bis zum Bezahlen per Fingerabdruck. Für Warenhäuser zeichnet Will ein düsteres Zukunftsbild. "Die meisten Standorte sind in der Krise, diese Vertriebsform hat sich weitgehend überlebt. Von den 196 Warenhäusern in Deutschland sind nur 70 zukunftsfähig."

Was kann der Fachhandel dem entgegen setzen, wie an Anziehungskraft gewinnen? Durch Sortimentsqualität, Innovation und Bündelung der Kräfte zur Schaffung von Erlebnisräumen in "Urban Villages", sagt der Gutachter. Konzepte eben, wie sie den Sedelhöfen zugrunde liegen. "Im Verbund ist man magnetisch." Weg vom Einkaufsvorgang und hin zum "Erlebnispaket" aus Einkauf, Bummel, Besichtigung und Gaumenfreuden - der Stadtbesuch als gesamtheitliches Shopping- und Freizeiterlebnis, an dessen Ende man "nach Hause kommt und sagt: Das war ein toller Tag, der Preis war nicht so wichtig". An der Kommune sei es nun, mit entsprechenden Quartieren die städtebaulichen Voraussetzungen zu schaffen.

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Kommentare

24.03.2014 10:50 Uhr

Knapp am Problem vorbei

Ganz prinzipiell ist an der Idee der Sedelhöfe absolut nichts auszusetzen. Kein Kritiker stellt in Frage, dass das eine scheußliche Ecke war und eine Entwicklung des Areals die Innenstadt aufwertet. Insofern geht auch der Vortrag und die Vortragsreihe knapp am Problem vorbei; als Idee müssen einem die Sedelhöfe nicht mehr verkauft werden. Es geht um andere Aspekte, die dann aber natürlich nicht zur Sprache kommen. Trotzdem wird man danach sagen können: Schauen Sie, wir haben doch darüber gesprochen, wir haben informiert...

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24.03.2014 09:16 Uhr

Liebe Stadt und Unternehmer, ...

... spart das Geld für solche "Berater" und baut für das Geld endlich ein Glasdach und ein paar Sitzgelegenheiten in die Hirschstraße. Das wäre billiger und die Leute flüchten nicht bei schlechten Wetter in die Einkaufzentren. ;)

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