Beeindruckend, bewegend: Antje Thoms inszeniert "Der gute Tod" im Podium

"Der gute Tod" im Podium: kein Diskurs über Sterbehilfe, sondern ein starkes Stück über Liebe und Leiden, Nähe und Distanz und die Kostbarkeit der Zeit - gewissenhaft inszeniert und beeindruckend gespielt.

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So innige wie schmerzhafte Momente: Maximilian Wigger-Suttner und Johanna Paschinger als Vater und Tochter in "Der gute Tod".  Foto: 

Laut tickt die Uhr. "Das ist echt eine Scheißuhr", entfährt es Sam. Denn gnadenlos schreitet die Zeit voran. Am nächsten Morgen, Punkt neun, wird Sams Vater sterben.

Antje Thoms hat im Podium des Theaters Ulm "Der gute Tod" inszeniert, ein Schauspiel des Holländers Wannie de Wijn. Am Ende, wenn alles so gekommen ist, wie es kommen soll und muss, ist lautes Schniefen im Publikum zu hören. Und dann noch kräftigerer Applaus.

Die Story des preisgekrönten Stücks ist einfach. Bernhard hat Lungenkrebs jenseits von "Das wird schon wieder". Er will sein Leben und Leiden, wie es in den Niederlanden rechtlich erlaubt ist, beenden - mit der Hilfe des befreundeten Arztes Rob. Am Vorabend kommt die Familie zusammen.

Da ist die tieftraurige, auch wütende Tochter Sam, die den Vater noch so vieles hätte fragen wollen.

Da ist Bernhards Bruder Michael, der in letzter Minute aus Peking anreist, der allem und jedem misstraut, sarkastisch reagiert und nicht mit der Situation umgehen kann - aber wer kann das schon?

Da ist der behinderte Bruder Ruben, der eigentlich nicht dabei sein soll: Er verstehe das ja nicht. Ach, niemand versteht das.

Da ist Hannah, Bernhards Freundin, die ihn pflegt, früher aber mit Michael zusammen war. Kein Wunder, dass die Nerven blankliegen.

Und da ist der Arzt Rob, der schon einige Male den Tod mit der Spritze gebracht hat, das eigentlich nicht mehr will: "Jedes Mal wird es schwieriger." Er hat nicht Angst vor dem Tun, sondern vor dem Danach.

"Der gute Tod" ist kein ideologischer Diskurs über Sterbehilfe, sondern ein Stück über Leben, Sterben und alles andere. Es zeigt, wie eine Familie in einer unfassbaren Situation um Fassung ringt. Schweigen, Streiten, Schreien, Smalltalken, Singen. Welches Wort ist das richtige? Vielleicht keines. Womöglich jedes.

"Was für ein Festtag", findet Bernhard. Es klingt nicht mal zynisch. Nach einen Krach sagt er: "Das hörte sich gut an." Denn selbst Reibereien bedeuten Leben. Whiskey und Champagner fließen, Tränen sowieso. Erinnerungsfotos misslingen. Abrocken zu "Born to Be Wild", ein Totentanz. Und plötzlich sind sich alle - "Yesterday" und "Wandrin Star" singend - ganz nah, wie ein Riesenembryo unter einem Tisch. "Es ist gut", heißt es mehrfach. Sie würden es so gern glauben.

Antje Thoms lässt mit ihrer klaren Regie ohne Schnickschnack (Raum, Kostüme: Britta Lammers) keinen Betroffenheits-Kitsch aufkommen, trotz des emotionalen Musikeinsatzes. Die 100 Minuten sind fein rhythmisiert: Mal intensiviert Thoms heftig das Geschehen, steigert Dynamik und Dramatik, mal sorgt sie für intensive Momente der Ruhe, Stille. Sie spart auch nicht mit Humor: wohltuend, ein Ventil.

Eine Qualität des Stücks: Jede Rolle hat Substanz. Maximilian Wigger-Suttner ist der geschwächte, geschmerzte Bernhard, der Schatten eines Mannes: sich die Seele aus dem Leib hustend, am Boden krümmend, schließlich urmüde im Bett. Doch würdevoll - und ein paar Mal glimmt das Leben in ihm auf.

Jörg-Heinrich Benthien hat als autistischer Ruben anrührende Momente, wenn er kindhaft bohrend "warum?" fragt, wenn er seine Gefühle an der Gitarre ausdrückt.

Michael ist aufbrausend, grimmig und hart, aber dank Fabian Grövers Spiel wirkt dies nicht eindimensional: Er macht diese Aggressionen als Selbstschutz kenntlich.

Johanna Paschinger zeigt als Tochter Sam das Erschüttertsein eines jungen Menschen, der sein Leben noch vor sich hat und dennoch nicht weiter als bis neun Uhr am nächsten Morgen sehen kann.

Tini Prüfert beeindruckt als Hannah: Sie wahrt die Haltung und doch sieht man, wie all das an ihr nagt und zehrt.

Schließlich Wilhelm Schlotterer als Arzt Rob: hadernd, mit sich ringend. Er will nur helfen. Einer muss das doch tun. Und gut, wenn es ein solcher Mensch, ein Freund, tut.

Ein starker Theaterabend. Und, ja, die Uhr tickt weiter.

Info
Nächste Vorstellungen: 10., 11. und 23. April sowie 2., 8. und 17. Mai. Karten: 0731/161 44 44.

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Kommentare

07.04.2014 11:29 Uhr

Immer dieselbe Leier

Frönten weniger Bürger nach Kräften dem Unfug, den physisch unabweisbar eintretenden Tod, der lediglich dem stets vorausgehenden sozialen folgt, in ungeheuren Anflügen eines zutiefst umnachteten Geistes und daher verboten eigenmächtig negativ aufzuladen, gäbe es das im Podium des Ulmer Theater gezeigte Irrlichtern kaum noch und dem Einzelnen fiele infolge dessen gleichsam wie von Geisterhand ein längeres Leben zu. Dadurch aber, dass realiter kaum welchen unter der hiesig ansässigen Bevölkerung die Wirkmächtigkeit ökonomisch-gesellschaftlicher Mechanismen bewusst ist, wiederholt sich derselbe Fehler nahezu unendlich bis als unausweichliche Konsequenz davon der nächste Mensch früh zu versterben hat.

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