Barbara Anna Husars Installation im Schuhhaussaal

Verrückt wirkt das zunächst, was Barbara Anna Husar im Kunstverein aufgebaut hat. Der Titel machts nicht besser: "Am Rumpf des Weltalls brüten". Wer sich auf die Installation einlässt, erkennt ihren Witz.

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Zunächst hat Barbara Anna Husar in der Sinai-Wüste nur gezeichnet. Das machte die Menschen, mit denen sie in den vergangenen 18 Jahren immer wieder für Wochen oder Monate auf der Wanderschaft durch diese karge ägyptische Region zog, neugierig. Langsam bauten sie eine Beziehung zu der Künstlerin auf, fassten Vertrauen, auch wenn die sprachliche Verständigung bis heute schwierig ist.

Irgendwann fielen der Österreicherin Schuhe auf, die ausrangiert im Sand steckten. Sandalen, Schlappen - Kunststoffsohlen und Leder durch Schnallen zusammengehalten. Diese Schnallen faszinierten sie. Später kamen Friteusen hinzu, halbkreisförmige metallene Netze. Schließlich waren es Nabelschnüre, an denen sie im übertragenen Sinn hängenblieb. Über sie wird durch alle Zeiten und Kulturen hindurch alles Lebenswichtige vermittelt. Alles drei steht in ihrer Vorstellungswelt für Schnittstellen, für Vernetzung und Informationsfluss - bis hin zum kosmischen.

So reifte ab 2006 die Idee, Nabelschnüre zu sammeln. So viele, dass sie daraus eine Hängematte flechten könnte. Es wäre ein Sinnbild, in dem sich Informationstechnologie und Nomadentum, Urbanität und Archaik, die beiden Pole, zwischen denen die 38-Jährige mit den beiden Wohnsitzen lebt, vereinigen ließen. Um an die Nabelschnüre zu kommen, kaufte sie eine Herde Ziegen. Von fünf Tieren ist die mittlerweile auf rund 35 angewachsen. Ist sie selbst nicht vor Ort, sondern in ihrem Atelier in einer alten Wiener Bonbonfabrik oder irgendwo anders auf der Welt unterwegs, wird ihre Herde von Beduinenfrauen gehütet, die sie gut bezahle. Die trocknen die Nabelschnüre für sie und bewahren sie in Tupperdosen auf.

Lässt es die politische Lage dort zu, hofft sie bis Ende dieses Jahres genügend Material für die Hängematte beisammenzuhaben. Als eine Art Zwischenstandsbericht dieser "aus einem inneren Impuls heraus" entstandenen, Jahre umspannenden Arbeit hat sie jetzt im Schuhhaussaal des Ulmer Kunstvereins eine multimediale Installation aufgebaut.

Die umfasst zwei "Reliquienräumen", ummantelt von einem "multimedialen Fries" - und wirkt auf den ersten Blick einschüchternd, um nicht zu sagen verrückt. Die "Reliquienräume" in der Mitte versinnbildlichen erneut die beiden Pole, zwischen denen sich ihr Leben abspielt. Sie bestehen aus skulptural arrangierten Artefakten zwischen Messingleuchter und Friteusensieb, Kamelgurten und Datenkabeln. Die stehen auf weißen Platten, die wiederum auf je vier Wasserflaschensixpacks ruhen. In Deckennähe umgeben sie als eine Art Baldachin um die Säulen gespannte Rettungsdecken und am Boden ein wie ein durchlässiger Schutzwall wirkender Kreis aus 22 "kosmischen Brocken".

In Wahrheit sind das auch nur in die silbrig-gold-glitzernden Rettungsdecken gehüllte Wassersixpacks. Doch was bei Barbara Anna Husar zählt, ist nicht das Material, auch nicht die Technik, sondern "das Ausloten von Dimensionen".

Der "Fries" an den Wänden wird gegliedert durch neun Textblätter. Auf denen stehen gestempelte Begriffe wie "querverbindend" und "nonlinear" stehen. Die stellen sich als Schlüssel heraus zum Verständnis dieser emotional viel fassbareren als mit dem Intellekt begreifbaren Arbeit. Sätze wie "In goats we trust" zeigen den (wort-)spielerischen Witz, den die Österreicherin einsetzt, "wer hütet wen" macht nachdenklich. Den Verstand soll der Fries aber "aushebeln", erklärt Husar. Die überlappenden Ebenen - Grafik, Malerei, Schrift, Fotografie, Video und Schlappen - führen zur Übersättigung, im Informationswirrwarr den Internet-Surf-Erfahrungen moderner Menschen gleich.

Das Werk wie auch dessen Titel, "Am Rumpf des Weltalls brüten", wirkt zunächst sperrig, einschüchternd, schwer zugänglich. Doch wer sich hineinbegibt, geht mit reichlich Stoff zum Nachdenken und einem Kichern im Herzen wieder hinaus. Wie im Rumpf eines mächtigen Tiers habe sie sich im weiten Raum des Schuhhaussaals gefühlt, erklärt die Künstlerin.

Kunstverein Ulm

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