Aussitzen geht nicht

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Die neun Jahre an der Schule mit möglichst wenig Aufwand abreißen und dann endlich Geld verdienen. Das war Jeromes Plan. Sein Onkel ist sein Vorbild: Zwei Ausbildungen angefangen, keine zu Ende gebracht. „Braucht er nicht. Online hat er Geschäft gemacht“, erklärt der 17-Jährige: „Jeden Monat neues Smartphone, zwei fette Autos und eine Maschine.“ Jerome hat keinerlei Migrationshintergrund, sein Deutsch ist dennoch gewöhnungsbedürftig. Dass es eine Berufsschulpflicht gibt, wollen weder er noch seine Eltern gewusst haben. Bis die Polizei vor der Tür stand.

50 bis 60 Fälle gibt es in Ulm im Jahr. Kümmern muss sich um sie der geschäftsführende Schulleiter der beruflichen Schulen. „Das zieht sich bis Januar, Februar“, sagt Gerhard Braunsteffer, der diese Funktion jahrelang inne hatte und sie vor kurzem an Lorenz Schulte übergeben hat. Die abgebende Schule meldet, was der Jugendliche im Anschluss macht. Beginnt er eine Ausbildung oder besucht eine weiterführende Schule, ist zunächst einmal alles gut. Wenn nicht, muss dem nachgegangen werden. Denn wer noch keine 18 Jahre alt ist, unterliegt der Berufsschulpflicht.

Drei Warnungen

„Zuerst werden die Eltern angeschrieben“, sagt Schulte. Manchmal lösen sich die Probleme von selbst, etwa, wenn sehr spät ein Ausbildungsplatz gefunden wird, der noch dazu nicht in Ulm liegt. „Wenn jemand Parkettleger lernt, dann ist die Berufsschule in Ehingen zuständig. Deshalb schlägt er hier nicht auf“, nennt Schulte ein Beispiel. Aber das sind nicht die Jugendlichen, die Sorgen bereiten.

„Leider gibt es trotz abnehmender Schülerzahl im dualen System immer mehr schwierige Fälle“, sagt Braunsteffer. Jugendlichen, bei denen die Eltern „total abgetaucht“ seien, sich gegenüber dem Sprössling nicht durchsetzen können oder eine Ausbildung für überflüssig halten. „Ich kann das persönlich nicht nachvollziehen. Wenn mein Kind zu Hause auf dem Sofa rumlungert, muss ich doch reagieren“, sagt Schulte.

Jerome lebt in einer Gemeinde auf dem Land. Er ist das jüngste von drei Kindern. Der Vater, früher als Kraftfahrer unterwegs, ist wegen eines Herzinfarkts vorzeitig in Rente. Die Mutter bringt mit zwei Mindestlohn-Jobs die Familie über die Runden. „Er war immer ein bisschen anders“, sagt sie über Jerome. Der Vater zuckt mit den Schultern: „Der Junge macht seinen Weg. Die sollen sich nicht so haben.“ Mit „die“ meint er Lehrer, Polizei, „den Staat eben“. Was er noch zu sagen hat, ist wenig druckreif. Kurzfassung: Rechtschaffene deutsche Bürger solle man in Ruhe lassen.

Ziel müsse es immer sein, gemeinsam mit den Jugendlichen und ihren Eltern eine passende Lösung zu finden, sagt Schulte. Alternativen gibt es einige: Es gibt immer noch nicht besetzte Ausbildungsplätze. Wenn nichts Passendes dabei ist, kann mit dem Besuch des Vorbereitungsjahrs Arbeit und Beruf, nicht nur die Berufsschulpflicht erfüllt, sondern auch Orientierung gegeben werden. Eine andere Chance sind auch Berufsfachschulen. „Man muss vielen erst einmal klar machen, wie wichtig eine Ausbildung ist“, sagt Braunsteffer.

Dass ihre Bemühungen oft vergebens sind, das ist den Schulleitern klar. Auch Jeromes Lehrer waren chancenlos. Die drei schriftlichen Aufforderungen zum Gespräch hat seine Mutter ihm gegeben. Er hat sie ignoriert. Im Januar haben ihn dann Polizisten abgeholt und in die Berufsschule gebracht. Es folgten zwei Zwangs-Praktikums-Versuche, weil es zu spät war in die Vorbereitungsklasse einzusteigen. Beide hat er abgebrochen. Wieder kam die Polizei. „Das hat mich genervt“, sagt Jerome. Deshalb geht er seit September zur Schule: „Körperlich bin ich anwesend“, meint er grinsend: „Nebenher verticke ich einiges.“

Vollzeit Vier Jahre Grundschule, danach fünf an der weiterführenden Schule. Das ist Pflicht für Jugendliche im Land. Wer sitzen bleibt, kann demnach auch nach der 8. Klasse fertig sein, allerdings ohne Abschluss.

Berufsschule Ein Jugendlicher muss drei Jahre zur Berufsschule oder zumindest bis zum Ende des Schuljahrs, in dem er das 18. Lebensjahr vollendet. Ersatzweise kann er das einjährige Vorbereitungsjahr besuchen oder eine weiterführende Schule.

Flüchtlinge Wer ein Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse (VAB-O) besucht, hat damit die Berufsschulpflicht noch nicht erfüllt. Es muss ein weiteres Jahr drangehängt werden.

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Kommentare

23.10.2016 21:47 Uhr

einiges verticken

so stellt man sich also die Zukunft vor. Dem Herrn sollte mal die Polizei einen Besuch abstatten und nachsehen was er so alles vertickt.

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