Erinnerung an jüdische Bürger in Ulm: Aus der Gesellschaft ausgeschlossen

Wie eine geschätzte Ulmer Familie diskriminiert, ausgegrenzt und zur Flucht gezwungen wurde. Das Beispiel der Familie Nathan, deren Sohn Erich gegen das Hitler-Regime kämpfte und starb.

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Das letzte gemeinsame Foto Anfang 1939 in Ulm: August, Margarete, Luise und Erich Nathan.  Foto: 

Am D-Day, dem Tag der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944, sprang Eric Howarth, mit dem Fallschirm bei Caen ab. In den nachfolgenden Kämpfen wurde er schwer verwundet, er erholte sich in einem Lazarett, ging wieder zurück an die Front, erlitt dort einen Zusammenbruch und kam erneut ins Lazarett. Dort hielt es ihn nicht lange, er kehrte zurück zur Front: Als die Britische Armee am 3. April 1945 auf Osnabrück vorstieß, starb er. Getötet von einem deutschen Heckenschützen.

Eric Howarth hieß eigentlich Erich Nathan. Er war Ulmer, ein Ulmer, der sich entschieden hatte, gegen Hitler und den Nationalsozialismus zu kämpfen. 1922 geboren, wuchs er in der Heimstaße auf, er ging in die Kepler-Oberschule, er spielte Fußball und Klavier. Sein Vater, Dr. August Nathan, gehörten zu den am „meisten geschätzten und aufgesuchten Rechtsanwälten“, war in einem Nachruf in der Schwäbischen Donauzeitung vom März 1962 zu lesen. August Nathan spielte Kontrabass, er war Mitglied im Ulmer Ruderclub Donau, er hatte als Leutnant im Ersten Weltkrieg gekämpft und war mit mehreren Orden ausgezeichnet worden.

All das sollte nichts mehr bedeuten, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen. Die berufliche und gesellschaftliche Ausgrenzung gegenüber Juden setzte sofort ein, August Nathans Name stand auf der Boykottliste, die der Ulmer Sturm am 1. April 1933 veröffentlichte. „Mit der Umstellung unseres Staates im Jahr 1933 war plötzlich alles anders geworden. Für mich gibt es keinen Unterschied von arisch und nichtarisch, sondern nur von anständig und unanständig“, sollte August Nathans Frau Margarete Anfang 1934 an Dekan Theodor Kappus schreiben. Sie erkannte frühzeitig und klar, wohin Hitler-Deutschland steuerte. Und sie gab in dem Brief ihr Unverständnis und ihre Enttäuschung darüber zum Ausdruck, dass die Kirche ihre Kinder nicht schützte.

Beide, Erich und die ein Jahr ältere Luise, hatten die Nathans im christlichen Glauben erzogen. August Nathan war zwar Jude, aber nur auf dem Papier; Margarete Nathan war Protestantin. „Die Nathans waren sehr assimiliert, die jüdische Religion spielte bei ihnen keine Rolle. Sie heirateten fast alle in christliche Familien ein“, sagt Mark Tritsch von der Ulmer Stolperstein-Initiative. Er hat die Biografien der Familie Nathan recherchiert – und damit auch Forschungen innerhalb der übernächsten Generation ausgelöst. Nicole Strate-Lanz, Enkelin von August und Margarete Nathan, hat die eigene Familiengeschichte aufgerollt und eine kleine Chronik, „Das Schicksal der Familie Nathan“, veröffentlicht.

Den beiden Kindern wurde als Halbjuden der Schulbesuch verwehrt, Luise ging bereits 1936 zur Ausbildung in die Schweiz, Erich verließ Ende 1938 Deutschland in Richtung England. Die „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. Oktober war der Auslöser gewesen, auch den Sohn nach England in Sicherheit zu bringen. August Nathan war in jener Nacht misshandelt worden – nicht hier in Ulm, sondern in Baden-Baden, wo er, gesundheitlich angeschlagen, eine Kur machte. Am Tag darauf wurde er mit vielen weiteren Juden ins KZ Dachau verfrachtet: „Dass er schon nach neun Tagen das KZ verlassen konnte, ist wohl unter anderem auf den großer Einsatz seiner Frau zurückzuführen“, schreibt die Enkelin in ihrem Buch. August Nathan war in schrecklicher Verfassung, physisch und psychisch angeschlagen sowie abgemagert.

Freiwillg bei der Spezialeinheit

Wie gesagt: Die Kinder waren in Sicherheit, dem Ehepaar selber sollte auch noch die Flucht nach England gelingen – kurz vor knapp. Eine Woche vor Kriegsbeginn, am 23. August 1939, erhielten die Nathans das „Affidavit“, eine Art Bürgschaftserklärung, von einem Neffen. Alles schien gut auszugehen. Doch mit Kriegsbeginn ereilte August und Erich Nathan das Schicksal aller deutschen Immigranten: Sie wurden interniert. Von der Isle of Man wurde Erich nach Kanada transportiert. Von dort kam er erst weg, als er sich freiwillig zur Armee meldete und 1942 schließlich in der X-Troop landete, einer Spezialeinheit aus deutschen Juden, die Sabotageakte durchführten.

Erich Nathan hatte aus Sicherheitsgründen einen anderen Namen annehmen müssen. Dennoch, das Risiko, hinter den feindlichen Linien enttarnt zu werden, war groß. Nicht von ungefähr mussten die Männer der X-Troop eine Erklärung unterschreiben, die mit dem Satz begann: „I understand the risks.“ 21 Männer der X Troop, alle gut ausgebildet, bezahlten ihren Kampf gegen das NS-Regime mit dem Leben – unter ihnen Erich Nathan. Für „Tapferkeit vor dem Feind“ war er noch zum Offizier befördert worden, das Patent erhielt er nicht mehr. Er liegt auf einem Soldatenfriedhof bei Kleve begraben.

1948 bekamen August, Margarete und Luise die britische Staatsbürgerschaft. Luise wurde Modedesignerin, sie heiratete in die Schweiz, wohin 1957 auch ihre Eltern zogen. Von Erich blieben Briefe, im letzten von Weihnachten 1944 beruft er sich auf Gott: „Und vergesst nie all dieses Glück und den Sonnenschein, welche Er im Laufe des letzten Jahres in unser Leben gebracht hat, wenn es in der Zukunft Schwierigkeiten und Probleme vor uns gibt.“

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