Arbeitsgericht: Kündigung eines Basketball-Nachwuchsspielers unwirksam

Nach den sportlichen Rückschlägen in letzter Zeit haben die Ulmer Basketballer jetzt auch juristisch das Nachsehen. Lange befristete Verträge für Nachwuchsspieler sind möglicherweise alle unwirksam.

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Arbeitsrichter Thomas Taubert betrat am Mittwoch thematisch gesehen Neuland. Der Augsburger Jurist, der einmal in der Woche in der Außenstelle Neu-Ulm verhandelt, kennt sich als Augsburger nach eigenem Bekunden im Fußball aus. Von Basketball aber, das räumte der Arbeitsrechtler unumwunden ein, habe er keine Ahnung.

Nun ging es in der Verhandlung am Mittwoch Vormittag aber nicht um die sportlichen Belange des Basketballvereins Ulm/Alb-Donau, sondern um dessen Vertragsgestaltung mit seinen Nachwuchsspielern. Ein interessanter Fall, sagte der Richter, der vor dem Hintergrund des Projektes Orange-Campus (Nachwuchs- und Leistungszentrum) von großer Tragweite ist. Und wie auf dem Parkett, haben die Ulmer Bundesligabasketballer am Mittwoch auch vor Gericht eine Niederlage einstecken müssen. Einer jener Nachwuchsspieler hatte gegen seine vorzeitige Kündigung geklagt – und Recht bekommen.

Der junge Mann, der am Mittwoch mit seinem Söflinger Rechtsanwalt Thomas Schmid als Kläger vor Gericht aufgetreten ist, war mit 19 Jahren aus Kaiserslautern nach Ulm gekommen und hat zum 1. August 2013 einen auf drei Jahre befristeten Arbeitsvertrag als Lizenzspieler unterzeichnet.

Zu dem Konzept der Nachwuchsarbeit gehört, jungen Talenten neben einer beruflichen Ausbildung optimale Trainingsmöglichkeiten zu bieten, um sich für die Profimannschaft zu empfehlen. Doch im vorliegenden Fall schätzte der Verein die Entwicklung anders ein und kündigte wegen „fehlender Eignung“. Das Kündigungsrecht hatten sich beide Parteien nach zwei Jahren im Vertrag festgeschrieben.

Zunächst war es in dem Prozess am Mittwoch Vormittag aber weniger sportlich, sondern ziemlich scharf zugegangen. Der Richter monierte die Klageschrift des Anwalts als falsch, weil darin viel zu hohe Erstattungsbeträge für ausgefallenes Gehalt eingefordert würden. Das erfülle fast schon den Tatbestand des „Prozessbetrugs“, rügte der Richter.

Der attackierte Anwalt fühlt sich von Richter Taubert wiederholt bloß gestellt und protestierte: „Ich bin vielleicht nicht der beste Anwalt, aber ich versuche meine Job gut zu machen. Und sie sind hier nicht die heilige Kuh“, fauchte er zurück. Eine vom Richter vorgeschlagene „wirtschaftliche Einigung“, lehnte der Anwalt ab: „Hier geht es um das Prinzip.“

Trotz dieses verbalen Schlagabtausches gab der Richter der Klage und somit dem zuvor gescholtenen Anwalt Recht. Sowohl die erfolgte vorzeitige Kündigung als auch die Befristung des Arbeitsvertrages seien unwirksam, sagte das Gericht, zumal eine Befristung bis zur Höchstdauer von zwei Jahren ohne Weiteres zulässig gewesen wäre.

Problematisch sei der Kündigungsgrund „fehlende Eignung“, sagte Richter Taubert. Das sei schon in normalen Arbeitsverhältnis schwierig, aber im Sport noch viel schwieriger. Der kommerzielle Sportbetrieb sei im Gegensatz beispielsweise zur Kunstfreiheit durch keine spezifischen Grundrechte geschützt, heißt es in einer Mitteilung. Die Arbeitsleistung als Profisportler für eine Vertrags-Befristung lässt er nicht gelten.

Der Verein wird deshalb verpflichtet, dem Spieler, der zunächst im Ulmer Farmteam in Weißenhorn in der dritten Liga auf dem Parkett stand und seit seiner Kündigung für Ehingen Basketball spielt, das ausstehende Gehalt zu bezahlen. Im ersten Jahr waren 600 Euro vereinbart, im zweiten 800 und in dem betroffenen dritten Jahr 1000 Euro Nettogehalt – abzüglich der Einkünfte in Ehingen (400 Euro).

Im März dieses Jahres hatte das Arbeitsgericht Mainz ein entsprechendes Urteil gefällt, das in der Branche für Aufsehen gesorgt hat.

Verein geht in die nächste Instanz

Der Finanz-Geschäftsführer des Basketballvereins Ulm/Alb-Donau, Andreas Oettel, kündigte am Mittwoch an, den Fall in nächster Instanz juristisch prüfen zu lassen. Das Arbeitsgericht Neu-Ulm sei die erste Instanz gewesen, weil die Frage aber von grundsätzlicher und für alle Sportvereine von weitreichender Bedeutung sei, müsse sie auch grundlegend beantwortet werden.
„Wir gehen davon aus, dass das, was wir machen, korrekt ist“, sagte Oettel. Er nimmt für sich und den Verein in Anspruch, gerade mit den Nachwuchsspielern „sehr sorgsam und sehr fair umzugehen“ und frühzeitig mit den Spielern über deren sportliche Entwicklung und Zukunft zu reden.

Vertragsgestaltungen wie die im vorliegenden Fall kämen gar nicht so häufig vor im Verein, sagte Oettel. Die seien alle sehr unterschiedlich. Der Anteil solcher Verträge könnte mit dem Leistungszentrum Orange Campus allerdings größer werden. Gerade deshalb brauche der Verein auch für die Zukunft Rechtssicherheit.

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