Krebstherapie mit Methadon: Anzeige wegen fahrlässiger Tötung

Der Ulmer Rechts­mediziner Prof. Erich Miltner will den Tod einer Patientin klären lassen, die mit Methadon behandelt wurde.

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  • Seit neun Jahren widmet sich Dr. Claudia Friesen der Frage, warum und wie Methadon gegen Leukämie und bestimmte Krebstumoren wirkt.
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    Seit neun Jahren widmet sich Dr. Claudia Friesen der Frage, warum und wie Methadon gegen Leukämie und bestimmte Krebstumoren wirkt. Foto: 
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    Chemikerin Dr. Claudia Friesen. Foto: 
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Prof. Erich Miltner, Ärztlicher Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Ulm, hat Anzeige wegen fahrlässiger Tötung bei der Staatsanwaltschaft Hamburg erstattet. Hintergrund ist der Tod einer 57-jährigen Krebspatientin; die Frau soll aufgrund einer Methadon-Therapie gestorben sein. Dieser Fall ist in der August-Ausgabe des Deutschen Ärzteblatts beschrieben, der Titel des Artikels lautet: „Methadon in der Onkologie – Strohhalmfunktion ohne Evidenz“. Dieser Artikel habe dazu geführt, dass sich behandelnde Ärzte scheuen, Methadon in der Krebstherapie anzuwenden, heißt es in einer Pressemitteilung des von Miltner beauftragten Rechtsanwaltsbüros. Den Ulmer Rechtsmediziner und dessen Kollegin, die Chemikerin Dr. Claudia Friesen, erreichten „täglich zahlreiche Anfragen besorgter Patienten, deren Arzt eine Verschreibung aufgrund dieses angeblichen Gesundheitsrisikos ablehnt“. Miltner und Friesen wollten am Dienstag auf Anfrage keinen Kommentar abgeben.

Lesen Sie hierzu: Fragen und Antworten zu Methadon

Wie aus gut unterrichteten Kreisen zu erfahren ist, werden die beiden Ulmer Wissenschaftler indirekt mit dem Tod der 57-Jährigen in Verbindung gebracht, um den Wirkstoff Methadon zur Unterstützung und Verstärkung einer konventionellen Chemotherapie bei Krebserkrankungen in Verruf zu bringen. Auf Ärztekongressen sei vor allem Dr. Friesen, die seit Jahren die Wirksamkeit von Methadon in der Krebstherapie erforscht, persönlich attackiert und für diesen Tod verantwortlich gemacht worden.

Hochtoxische Dosis

Miltner habe bei einer Überprüfung des Fallberichts festgestellt, „dass eine erhebliche Medikamentenüberdosierung für den Tod verantwortlich war“. Die Rede ist vom Drei- bis Vierfachen der Tageshöchstdosis, „was eine hochtoxische Dosis darstellt“. Nach Auftreten von Vergiftungserscheinungen habe die Patientin auf der Intensivstation aber kein Gegengift erhalten, sondern ein anderes Opioid. „Aus Sicht unseres Mandanten ergibt sich nach alledem das eindeutige Bild, dass dieses Fallbeispiel nicht auf eine grundsätzlich erhöhte Gesundheitsgefahr durch die Behandlung mit Methadon im Rahmen der Krebstherapie hinweist, sondern dass vielmehr eine extreme Überdosierung sowie eine Falschbehandlung zum Tode der Patientin geführt haben.“ Im Interesse aller Patienten müsse dieser Todesfall deshalb umfassend aufgeklärt werden. 

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Kommentare

06.12.2017 20:26 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Zu begrüßendes Begehr””

Stilistisch besser wäre außerdem die Formulierung gewesen, nicht "... wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt gestellte Anzeige ... ", sondern "... wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt erstattete Anzeige ..." zu schreiben.

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06.12.2017 17:45 Uhr

Antwort auf „Antwort auf „Zu begrüßendes Begehr””

Es müsste in meinem vor wenigen Minuten veröffentlichten Leserkommentar "... Anwender der fortgeschrittensten Erkenntnis ... " heißen.

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06.12.2017 17:41 Uhr

Antwort auf „Zu begrüßendes Begehr”

Zwar geht die moderne Verwendungsforschung davon aus, dass es zwischen den Sozialwissenschaften und der Praxis kein Rationalitätsgefälle in dem Sinne gibt, dass die Anwender der fortschrittensten Erkenntnis darüber aufgeklärt werden müssten, dass sie als soziale Wesen von Geburt an im Besitz zumindest aller Soziologie sind (Wittemann, K. P., 1996: 20ff). Die vom Ärzteblatt inkriminierte Verwendung des "Strohhalm"-Begriffs lässt aber den Schluss einer völligen Entfremdung zu, die sich nicht mehr darüber im Klaren ist, sich lediglich fiktiv von der realiter stets untrennbaren Gebundenheit an die Bewegungsgesetze menschlicher Gesellschaften lösen zu können. Schiere Hirngespinste gleichsam für bare Münze zu nehmen, mündet deshalb zwingend in ein Desaster ein, dessen Leidtragende zuvörderst gesundheitlich ohnehin extrem eingeschränkte Patienten sind. Es ist in der Tat somit im Interesse aller Patienten, jene Dritten zu identifizieren, die daraus Kapital schlagen, indem sie zuhauf die besagten Schimären entwickeln und geradezu massenhaft in Umlauf bringen. Insbesondere einer anwendungsorientierten Grundlagenforschung würde dann nicht mehr der Diskurs versperrt sein, falls es gelingt, mit dieser Machtstruktur aus Verbänden einschließlich den Gewerkschaften, politischen Apparaten und Bürokratien zu brechen. Die von Herrn Prof. Miltner wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt gestellte Anzeige fordert demnach dazu auf, schleunigst die Machtfrage abschließend zu beantworten, auch wenn die übergroße Mehrheit wenigstens der regional ansässigen Bevölkerung noch immer einem inzwischen kaum mehr sagbaren Naturalismus frönt.

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06.12.2017 13:07 Uhr

Zu begrüßendes Begehr

Die Verwendung des Begriffs des "Strohhalms", den der vom Ärzteblatt jüngst veröffentlichte Artikel scharf kritisiert, könnte schon deshalb verfehlt sein und sich infolge dessen geradewegs in der Irre verlieren, weil damit normalerweise Möglichkeiten bezeichnet sind, notwendig ökonomisch-gesellschaftliche Mechanismen zu konterkarieren, die den Menschen ansonsten bis ins Innerste hinein formen. So sprach beispielsweise der heutige Alterspräsident des SOFI, Schumann, bereits vor über zwei Jahrzehnten angesichts der im Zuge meiner wissenschaftlichen Arbeit eröffneten Perspektive ausdrücklich von einem "Strohhalm". Auch mein leiblicher Vater, der von Frau Dr. Friesen bis zuletzt Methadon erhielt, orientierte sich ausschließlich an meinen Befunden zur Lage der Dinge in der sozialen Welt. Nicht im Traum wäre ihm eingefallen, die Methadongabe als einen solchen aufzufassen. Sein Risiko, früh zu versterben, eskalierte dadurch allerdings, weil ihm besseres Wissen wegen der äußerst gewaltsam vollzogenen Bedeutungsverschiebung plötzlich als Scharlatanerie erschien und umgekehrt. Beantragt insofern der Ärztliche Direktor des Ulmer Instituts für Rechtsmedizin die staatsanwaltschaftliche Aufklärung zur Frage, wodurch schwer erkrankte Personen in Wirklichkeit zu Tode gekommen sind, ist sein Begehr nur zu begrüßen. Im günstigsten Fall leistet es die Anzeige von Prof. Miltner sogar, die überaus hoch im Kurs stehenden, aber verboten eigenmächtigen Auslegungen des kategorischen Imperativs endlich in die vom Souverän gebotenen Schranken zu weisen.

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