Anregend: Die Installation "125 Blickwinkel" im Ulmer Münster

Aufnahmen vom Ulmer Münster im Ulmer Münster betrachten und dabei neue Perspektiven gewinnen? Die Installation "125 Blickwinkel" macht's möglich: eine anregende audiovisuelle Erfahrung.

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Ein 13-minütiger Film mit ungewöhnlichen Münster-Aufnahmen, auf 18 lichtdurchlässige Bild-Wände projiziert, die wiederum an ein 4,20 Meter hohes, oben und unten verspiegeltes Stahl-Gerüst montiert sind: Das ergibt die Installation "125 Blickwinkel" in der Turmhalle.  Foto: 

Am meisten wird das Auge überrascht, wenn der Betrachter ganz nahe an den Rand der Installation herantritt, den Blick erst nach unten wirft, schließlich in die Höhe schaut: Eine ins Unendliche verlängerte Bildsäule sieht er dann - offenbar vom tiefsten Grund bis in entfernteste Höhen reichend.

So spielt die Installation "125 Blickwinkel" im Turmraum des Ulmer Münsters nicht nur mit der realen Gestalt des enormen Bauwerks. Sondern sie spiegelt - im wahrsten Sinne des Wortes - ihre symbolischen Dimensionen wider: vom gewaltigen irdischen Fundament der Bürgerkirche bis in jenseitige Dimensionen des Gotteshauses.

Denn die Schöpfer dieser Installation haben die horizontalen Flächen, also Grund und Decke, des 4,20 Meter hohen Stahlgerüsts verspiegelt - und dazwischen 18 Bildwände angebracht, auf die ihre filmischen "125 Blickwinkel" geworfen werden. Und da diese Projektionsflächen auch noch lichtdurchlässig sind, ergeben sich für den Betrachter, wenn er um das Werk herumgeht, immer neue Ansichten und Einblicke und, ja, noch weitere Blickwinkel.

"Wie lässt sich ein Ding, so groß es auch sein mag, als Ganzes sehen?" Diese Frage des mährischen Philosophen und Theologen Johann Amos Comenius stellte Münsterpfarrerin Tabea Frey gestern Abend zur Vernissage in den Raum. Es gelte, "die großen Formen und die kleinen Details zu beachten, aber auch die Brüche und das Widerständige in Augenschein zu nehmen". Und dabei die Emotionen des Bauwerks zu spüren. All das habe die "Bootschaft", diese junge Neu-Ulmer "Crew für Gestaltung", die diese Installation zum Münsterturmjubiläum konzipiert und realisiert hat, geleistet.

13 Minuten ist ihr Film lang, der in einer Endlosschleife projiziert wird. Bild-Kompositionen aus Stein und Licht. Mauerwerk, Skulpturen und Konsolen, Gesichter und Glocken, Fenster und Figuren. Kamerafahrten, manchmal auch gegenläufig montiert, durchs Schiff, an Pfeilern entlang, hoch in die Münsterkrone. Ein letztes Kerzenflackern. Und wieder von vorn.

Sie hätten das Münster für den Betrachter "rundherum und von unten bis oben facettenreich begehbar machen" wollen - und ihm dabei Orte zeigen, an die sonst keiner kommt, sagt Felix Schmidtchen. Er bildet mit Kathrin Guther, Marc Stussak und Patrick Kaczmarek die "Bootschaft". Mit im Boot waren auch die Schweizer Videokünstlerin Soleil du Midi, Florian Geiselhart (Technik) und Jonas Vogt - von ihm stammt der warme Wohlklang, der per Kopfhörer die "125 Blickwinkel" zu einer audio-visuellen Erfahrung macht.

Vier Wochen lang waren die Macher mit ihrer Kamera im und am Münster unterwegs, hinzu kam ein Drohnenflug. Am Ende hatten sie 300 Gigabyte Filmmaterial. Die Installation scheint das gewohnte Münsterbild erst zu dekonstruieren und dann in einer neuen Weise zu rekonstruieren. Das macht die Kirche vielfältig erfahrbar: als gebautes, gestaltetes Riesenwerk aus Räumen, Fluchten und Wänden, aus Bögen, Kanten, Ecken und Strukturen, eben als Konstruktion. Aber auch als einen Kosmos aus Licht und Schatten, als spirituelle oder zumindest meditative Welt.

Was ist das? Und wo?, fragt sich der Betrachter zuweilen. Immer wieder schafft diese Installation "Aha-Erlebnisse, wunderliche Gefühlssituationen, auch mal irritierende Augenblicke", wie die städtische Kulturabteilungsleiterin Sabrina Neumeister gestern Abend vor den zahlreichen Vernissage-Gästen sagte. Und selbst Münsterpfarrerin Frey, die sich in dieser Kirche wie in ihrer Westentasche auszukennen glaubte, macht dank der "125 Blickwinkel" neue Entdeckungen.

Also, wie lässt sich ein Ding, so groß es auch sein mag, nun als Ganzes sehen? Und was ist die Botschaft der "Bootschaft"? Tabea Frey hat die einzige Antwort: "Schauen Sie selbst!"

Wer nun also schaut und sich Zeit nimmt für diese anregende künstlerische Arbeit in der Turmhalle, der erkennt: So viele Bilder, so viele Ansichten, so viele Blickwinkel es auch sein mögen - selbst bei etwas so Gewaltigem wie dem Ulmer Münster ist das Ganze mehr als die Summe seiner Teile.

Regionales Kunstprojekt

Münsterturmjubiläum Die audiovisuelle Installation "125 Blickwinkel" gehört zu den regionalen Kunstprojekten, die zum Münsterturmjubiläum gefördert werden - das Vorhaben wurde von der Stadt mit 9800 Euro unterstützt; hinzu kamen etlichen Sponsoren. Die "125 Blickwinkel" sind bis zum 26. April in der Turmhalle des Münsters innerhalb der normalen Öffnungszeiten zu sehen, also täglich zwischen 9 und 17.45 Uhr - allerdings nicht während Gottesdiensten und Konzerten.

 

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