Angst vor Fixern und Trinkern auf dem Karlsplatz

Die Anwohner des Karlsplatzes leiden verstärkt unter der Trinkerszene, die sich dort heimisch fühlt. Seit die Gebäude auf dem Sedelhofgelände abgerissen sind, hat sich offensichtlich auch die Fixerszene etabliert. Mit Kommentar von Jürgen Buchta: Fixer-Szene stärker beleuchten.

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Was wie ein Idyll ausschaut, ist vielen Leuten, die rings um den Karlsplatz in der Neustadt wohnen, mittlerweile ein Dorn im Auge. Am liebsten sähen sie, wenn die Hütte verschwindet.  Foto: 

Am Mittwochvormittag ist der Mann von der Stadtreinigung auf keine Spritzen oder sonstige Fixerutensilien gestoßen, als er die Abfallkörbe auf dem Karlsplatz leerte. Wahrscheinlich lag's am schlechten Wetter, dass die jungen Drogenabhängigen, die sich sonst in dem kleinen Stadtpark treffen, ihm fern geblieben sind.

Ein Teil der Trinkerszene, die Anwohnern des Platzes ebenfalls ein Dorn im Auge ist, hockte aber in der Hütte neben dem Klo zusammen. "Nein", beteuerten die Männer, "wir belästigen keinen". In den zurückliegenden Wochen sei lediglich ein Anlieger mal auf sie zugekommen und habe geschimpft.

Die Leute, die rings um den Karlsplatz wohnen, hatten schon mal ein besseres Verhältnis zu den Männern und Frauen, die dort Tag für Tag ihren Alkoholdurst stillen. Nachdem der Platz vor gut einem Jahrzehnt umgebaut worden war und sich als kahl und abweisend erwies, forderten sie nicht nur, ihn optisch aufzuwerten. Sie sorgten auch dafür, dass die Dauer-Biertrinker ihre Hütte bekamen. Ein Dach, das sie vor Regen schützt.

"Das waren aber andere Leute", berichtet eine Anwohnerin. "Mit denen hatten wir noch Kontakt. Ihre Anwesenheit vermittelte uns ein Gefühl der Sicherheit." Auch hätten die damals mitgeschafft, wenn der Platz geputzt wurde. Die jetzige Trinkerszene sei völlig anders, berichtet eine andere Frau. Kontakte zu den Anwohnern gebe es nicht. Wohl aber Ruhestörungen, Verunreinigungen und wildes Pinkeln.

Weit bedrohlicher als die Trinker wirke die Fixerszene, die sich seit dem Abbruch der Gebäude auf dem Sedelhofgelände im Park etabliert hat. Überwiegend junge Leute, teilweise mit großen Hunden, die sich regelmäßig zwischen 12 und 14 Uhr treffen und auf dem Frauenklo ihre Spritze setzen.

Auch den Trinkern, die fünf Schritte entfernt in der Hütte sitzen, ist dieser Teil der öffentlichen Toilettenanlage suspekt: "Da sind immer nur die Fixer drin", sagen sie. "Da gehen wir nicht rein." Im Schnitt ein mal die Woche werde ein Drogensüchtiger vom Rettungsdienst in die Klinik gebracht, nachdem er ohnmächtig zusammen gebrochen ist.

Auf das Schreiben einer Anwohnerin hin, wurden die CDU- und die FWG-Fraktion im Ulmer Stadtrat mit Anträgen aktiv. Unter anderem fordern sie einen "Runden Tisch", um Gegenmaßnahmen zu finden, und mehr Polizeikontrollen.

Mitglieder des Arbeitskreises Neustadt haben sich sehr über diese Anträge geärgert. Nicht, weil sie sie für falsch halten sondern für zu spät. "Wir versuchen seit Monaten, Stadträte auf das Problem hinzuweisen." Ohne Erfolg. Immer nur habe es geheißen. "Dafür haben wir jetzt gerade keine Zeit."

Am Donnerstag hat sich auch der Leiter der städtischen Bürgerdienste, Roland Häußler, auf dem Karlsplatz umgeschaut. Er berichtete, dass die vier Mitarbeiter des kommunalen Ordnungsdienstes den Platz sehr wohl im Blick hätten. Was aber nicht möglich sei, sagte Häußler, sei eine Stadt in einer Größenordnung von Ulm von derartigen Belästigungen zu befreien. Er hoffe, dass sich Sozialbetreuer mehr als bisher diesem Personenkreis annehmen können.

Info
Die CDU-Fraktion schaut sich mit Anwohnern den Karlsplatz am Freitag um 15 Uhr an.

Ein Kommentar von Jürgen Buchta: Fixer-Szene stärker beleuchten

Wie den Anwohnern des Karlsplatzes helfen? Populistische Forderungen werden da nicht nützen. Ein Verbot, Alkohol in der Öffentlichkeit zu trinken, existiert nicht. Platzverbote werden nur dann erteilt, wenn unliebsame Personen gegen Normen verstoßen. Und selbst die Fixer dürften nicht so einfach zu vertreiben sein, solange sie sich (nur) ihre Spritzen setzen.

Anders sieht es mit der Kriminalität aus. Wenn, wie Anwohner zu beobachten glauben, sich der Karlsplatz zum Umschlagplatz für harte Drogen entwickelt. Wenn, wie sie schildern, ein gepflegter Mann in nobler Karosse schon mal vorfährt, Drogenabhängige einsteigen lässt und nach einer Runde ums Karree wieder absetzt, ist die Polizei gefragt. Bisher habe sie keine derartigen Erkenntnisse, heißt es aus dem Neuen Bau. Vielleicht gewinnt sie sie aber, wenn sie die Szene dort stärker beleuchtet.

Der Karlsplatz ist ein sehr attraktiver Ruhe- und Aufenthaltsraum in der Innenstadt. Das haben, zum Leidwesen der Anwohner, die sich dort treffen, erholen oder ihre Kinder auf den Spielplatz schicken wollen, auch weniger bis gar nicht erwünschte Szenen in der Stadt entdeckt.

Jetzt sind nicht nur Politik und Polizei gefragt. Auch die Anwohner des Platzes selbst sollen sich aus ihrer (zu) lange gepflegten Deckung wagen und kundtun, wie sie sich eine Lösung vorstellen und was sie dazu beitragen können.

Polizei: Kein Brennpunkt

Lagebild Mit dem Abriss der Gebäude auf den Sedelhöfen hat sich auch die dortige Szene verlagert - unter anderem auch auf den Karlsplatz. "Wir beobachten das schon einige Zeit und haben unsere Streifentätigkeit entsprechend ausgeweitet", sagt Polizeisprecher Wolfgang Jürgens. Ein Brennpunkt im Sinne polizeilicher Ermittlungen sei der Platz aber nicht. Schwere Straftaten oder gar eine offene Drogenszene gibt es nach Darstellung der Polizei nicht, das Hauptproblem seien Ordnungsstörungen wie Lärmbelästigung, Pöbeleien oder ähnliches. "Wir haben das im Blick", sagt der Polizeisprecher, der darüberhinaus aber auch einen Appell an die Anwohner richtet. Es gebe nunmal Menschen, die überwiegend auf der Straße lebten und auf andere Menschen auch anstößig wirkten. Aber auch die müssten sich irgendwo treffen können, und da sei der Karlsplatz mit der überdachten Sitzecke ein willkommenes Plätzchen. "Der Platz gehört allen. Auch diesen Menschen, die zu einem Bild einer Stadt gehören und ein Stück weit geduldet werden müssen", sagt Jürgens. Auffällig am Karlsplatz sei, dass sich dort ganz verschiedene soziale Schichten treffen würden und es deshalb dort mehr auffalle. Tatsächlich gebe es in der Stadt eine Art Verdrängungswettbewerb von der Donauwiese, über den Hans-und-Sophie-Scholl-Platz, den Alten Friedhof und jetzt am Karlsplatz. Jürgens: "Das muss man aushalten als Stadt. Wir sind präsent." Zumal es aus polizeilicher Sicht kein auffallender krimineller Brennpunkt sei. hum

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