Anfang Mai kommt das Hochhaus der Staatsanwaltschaft weg

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Juristen gelten im Allgemeinen nicht gerade als Hochleistungssportler. Was vor allem die Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft aber seit 2002 geleistet haben, kommt einem Marathonlauf gleich. So lange zurück nämlich reichen die Bemühungen um zeitgerechte und dem schwierigen Job angemessene Arbeitsbedingungen bei der Ulmer Staatsanwaltschaft. Jetzt ist der erste Schritt getan: In der ersten Aprilwoche wird das Hochhaus geräumt und in den dahinter entstandenen Neubau umgezogen, Anfang Mai werden der „Paragrafensilo“ und das Gebäude Olgastraße 107 abgerissen.

„Ich freue mich riesig“, sagt Behördenleiter Christof Lehr, der zum Erfolg geführt hat, was sein Vorgänger Manfred Zieher mit zäher Geduldigkeit möglich gemacht hat. 2010 hatte es einen Wettbewerb gegeben, den das Architekturbüro Schulz+Schulz aus Leipzig gewonnen hat, nach dessen Plänen der erste Bauabschnitt errichtet wurde, der in den kommenden Wochen bezogen wird.

Dabei ist der Umzug einer ganzen Behörde gar nicht so einfach. Vor allem die vielen über die Jahre angefallenen Aktenberge füllen beide Tiefgeschosse des neuen Gebäudes und obendrein noch zwei Keller in einem Nebengebäude. Die Aufbewahrungspflicht liegt je nach Bereich zwischen 5 und 30 Jahren. Diesen Teil des Umzugs übernimmt eine Spezialfirma, wenngleich auch die Vorbereitungen dazu die Staatsanwaltschaft fordern.

Eher ungewöhnlich dürften die Umzugspläne der Dezernenten genannten Staatsanwälte selbst sein. Die haben zwei Tage Zeit, ihr Hab und Gut einzupacken und ihr neues Büro zu beziehen. „Wir bekommen ja neue Möbel, deswegen geht der Umzug auch relativ schnell“, sagt Lehr.

Am 9. Mai beginnt dann der Abriss. Zuerst kommt das Gebäude Olgastraße 107 unter die Abrissbirne, dann das Hochhaus. Wilmuth Lindenthal vom Ulmer Amt Vermögen und Bau Baden-Württemberg veranschlagt dafür zwei bis drei Monate, sodass selbst in diesem Jahr noch der frei werdende Platz gestaltet werden kann.

Freifläche statt Neubau

Wie es weitergeht, steht weitgehend in den Sternen. Für den im Wettbewerb angedachten zweiten Bauabschnitt für die auf mehrere Standorte aufgeteilten Gerichte fehlt das Geld. Justizminister Guido Wolf hatte sich bei seinem letzten Besuch vor wenigen Wochen in Ulm nicht festlegen wollen, wann der zweite Neubau für das Gericht kommt. Es gebe dringendere Bauvorhaben im Land, sagte er.

Bis dahin haben sich das Landesamt Vermögen und Bau und die Stadt Ulm darauf geeinigt, den durch den Abriss frei werdenden Platz an Olga- und Karl-Schefold- Straße ansprechend zu gestalten. Gestalterisch könnte der Platz hinter dem Untersuchungsgefängnis an der Büchsengasse das Vorbild sein. Dass das keine optimale Lösung ist, weiß auch Lindenthal. Einen besseren Vorschlag gibt es derzeit aber nicht.

Kommentar zum Hochhaus-Abriss: Keine halben Sachen

Fast auf den Tag genau 55 Jahre lang hat das Justizhochhaus der Olgastraße ein Gesicht gegeben. Der markante Bau war bei seiner Übergabe 1962 hochmodern und mit seiner Offenheit und klaren Formensprache stilbildend. Heute fällt das Haus aber langsam in sich zusammen, seit langem bröckelt die Waschbetonfassade ab, weshalb das Gebäude schon seit Jahren weiträumig abgesperrt ist.

Auch wenn das Paragrafensilo genannte Hochhaus exemplarisch für seine Zeit steht, am jetzt anstehenden Abriss führte kein Weg mehr vorbei. Die Arbeitsbedingungen der Staatsanwälte war teilweise unzumutbar. Energetisch eine Katastrophe und sicherheitstechnisch eine Zumutung für die Männer und Frauen, die gemeinsam mit der Polizei schließlich auch schwerste und gefährlichste Straftäter verfolgen. Der Neubau ist längst überfällig und der Ermittlungs- und Anklagebehörde sehr zu wünschen.

Sehr unbefriedigend ist allerdings, dass das Land dabei nur eine halbe Sache macht. Dem Neubau für die Staatsanwaltschaft müsste eigentlich direkt der zweite geplante Neubau für die Gerichte folgen, der aber auf die lange Bank geschoben ist. Vermutlich über Jahre wird eine große Baulücke die Szenerie beherrschen anstatt ein in sich geschlossener Gebäudekomplex, der an dieser Stelle städtebaulich dringend notwendig wäre.

Historie
Das zu seiner Einweihung als „Einheit der Gerichtsbarkeit“ gefeierte Hochhaus ist 1962 errichtet und der Staatsanwaltschaft übergeben worden. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Theodor Pfizer nannte das 36 Meter hohe Gebäude eine „Sprache der Zeit“, in der der Geist der Klarheit und Helle herrsche. Bei der Einweihung des vier Millionen Deutsche Mark teuren Neubaus war unter den Ehrengästen auch drei Kabinettsmitglieder aus Stuttgart angereist. Trotz der noblen Worte steht das Gebäude nicht unter Denkmalschutz, was den Abriss jetzt möglich macht. Eine Sanierung war wegen zu hoher Kosten verworfen worden. In den elf oberirdischen Stockwerken residierte vom ersten bis zum letzten Tag die Staatsanwaltschaft. Früher waren dort auch Notariat, Diensträume des Regierungspräsidiums Tübingen, das staatliche Schulamt sowie Räume des Amts- und des Landgerichts untergebracht gewesen. Die Nutzfläche beträgt 3270 Quadratmeter, die Nettogrundfläche misst 5065 Quadratmeter.

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