Alles so sauber hier: Stadtzeichner Sándor Imreh erkundet Ulm

Auf seinen Streifzügen lässt sich der ungarische Künstler inspirieren – was dabei herauskommt, kann man am 20. Juli sehen.

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Moment, jetzt will er doch noch eine Macho-Pose fürs Foto ausprobieren. Irgendwie macht Sándor Imreh ja sowas Wildes, Gefährliches wie Street­art, manchmal zumindest. Derzeit ist er allerdings eher dabei, Straßen abzulaufen: Als zweiter Ulmer Stadtzeichner muss er erkunden, was diese blitzblank saubere deutsche Stadt von ihm wollen könnte. Bald wird man sehen, was bei dem stummen Zwiegespräch herausgekommen ist: Am Donnerstag sind die entstandenen Arbeiten in der Künstlerwohnung des BBK in der Donaustraße 2 ausgestellt.

Dort logiert der Künstler als Gast des BBK, der damit den zweiten Ulmer Stadtzeichner eingeladen hat. Vergangenes Jahr war Robert Haiss aus Köln gekommen, „das war lokaler“, sagt BBK-Vorsitzender Reiner Schlecker selbst. Imreh nun stammt von weiter her. 1978 im ungarischen Debrecen geboren, studierte er in Pécs an der Universität der Bildenden Künste und Musik, er lebt und lehrt Kunst in Ungarn. In München sei er ein paarmal gewesen, sagt Imreh, die blaue Grenze nach Baden-Württemberg hat er aber das erste Mal überquert.

Einen Fluss, der ihm vertraut ist – womit der Künstler eine von zwei Voraussetzungen erfüllt habe, sagt Schlecker: „Ein Ulmer Stadtzeichner muss von einem Fluss kommen.“ Und er muss sich mit dem Thema Stadt beschäftigen. Insofern habe alles gepasst, als die Künstlerin Franziska Degendorfer den ungarischen Kollegen empfohlen habe, sagt der BBK-Vorsitzende. Eine Ausschreibung hat man sich gespart, und eine definierte Aufgabe hat der Stadtzeichner auch nicht. „Wir sind nur interessiert, wie er Ulm in seine Arbeit integriert.“

Oder seine Arbeit in Ulm? Wenn der 38-Jährige nicht gerade fotorealistisch mit dem Bleistift Teile vernachlässigter Altbauten zeichnet, dann sucht er daheim in Ungarn gern verlassene, nutzlose „non places“ in Stadt und Wald auf. Dort hinterlässt er mehr oder weniger abstrakte Formen, unsigniert, darauf wartend, dass vielleicht jemand vorbeikommt, vielleicht auch nicht. In so eine Szenerie setzt er zum Beispiel einen „White Cube“. Der Begriff für die Architektur eines typischen zeitgenössischen Ausstellungshauses verkehrt sich an so einem „non place“ ins Gegenteil – fern von Galerien, Geld und Egos, wie Imreh sagt.

Eine stille Subversion, die aber auch laut werden kann, wenn er riesige Lettern – „ja“ und „nein“ auf Ungarisch – in ein verfallendes Gebäude aus der Sowjetzeit einsetzt. Als Zeichen für die scharfe gesellschaftliche Polarisierung, die der Künstler derzeit in Ungarn verspürt und der einer wie er herzlich wenig abgewinnen kann. So kann das Ganze auch ins Surrealistische kippen, wenn ein Jägerstand zum Spähen mit Brettern verrammelt ist, ein Tisch keine Platte mehr hat.

Das Münster hats ihm angetan

Verlassene, unbenutzbare Plätze – man muss zu dritt grübeln, um darauf zu kommen, wo Ulm ein bisschen Verfall vorrätig hält. Sowas Sauberes wie diese Stadt habe er noch nie gesehen, sagt Imreh mit einem Gesichtsausdruck zwischen Bewunderung und Grauen. Er versuche aber, sich nicht wie ein Tourist zu verhalten, sondern sein Leben zu leben. An einem Ort kommt man eh nicht vorbei: Das Münster hat es auch Imreh angetan. Hineingegangen ist er noch nicht, hochgestiegen auch nicht. Aber er umkreist das Bauwerk, das so alt und doch nie fertig ist, davon zeuge ja das Gerüst, meint der Künstler. Dass der höchste Kirchturm der Welt auch die Fantasie des Gastes beschäftigt, kann man sich auf der Internetplattform Instagram ansehen: Ein Bild zeigt nach oben starrende Touristen, denen Imreh mit einem seiner einmontierten White Cubes die Sicht auf den Turm verdeckt hat. Denn was, meint der Künstler sanft, wäre dieses Ulm wohl ohne Münster . . .? Nur so als Frage, Macho-­Posen sind ja nicht so sein Ding.

Ungarischer Künstler Sándor Imreh zeigt das Ergebnis seiner Ulmer Erkundungen am kommenden Donnerstag um 19 Uhr in der „guten Stube“ des BBK, seiner temporären Unterkunft in der Donaustraße 2.

Infos www.kuenstlerhaus-ulm.de

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