Alleinerziehende in Ausbildung erhält kaum Hilfsleistungen

Keiner fällt durchs soziale Netz? Doch. Mariam Cisse macht eine Vollzeitausbildung, erhält weder Bafög noch Wohngeld noch Hartz IV. Um Leistungen zu beziehen, müsste sie ihre Ausbildung abbrechen.

|
Mariam Cisse: „Mit 425 Euro kommt man nicht rum.“  Foto: 
Studienabbrecher gibt es viele, manche Karriere läuft eben holprig an. Doch selten dürfte ein – schon ein paar Jahre zurückliegender – Studienabbruch so gravierende Folgen haben wie bei Mariam Cisse. Die 30-jährige Neu-Ulmerin, Mutter einer zweijährigen Tochter, macht seit September 2014 an der Akademie für Gesundheitsberufe in Wiblingen eine dreijährige Ausbildung zur Radiologisch-Technischen Assistentin, ein Beruf mit guten Zukunftsperspektiven. Nebenher zu jobben sei bei rund 40 Wochenstunden aber nicht drin, sagt sie. „Schon gar nicht als alleinerziehende Mutter.“

Akademie-Schüler haben zwar Anspruch auf Bafög. Doch Cisses Antrag wurde abgelehnt. Rechtlich ist daran nichts zu beanstanden. Zweimal hatte die junge Frau ein Studium begonnen und abgebrochen – zuletzt nach dem vierten Semester. Damit ist ihr Anspruch auf Bafög erloschen, obwohl Cisse in ihrer Zeit als Studentin weder Bafög erhalten noch beantragt hatte.

Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II, im Volksmund Hartz IV genannt, bekommt die Akademie-Schülerin allerdings auch nicht, weil sie – und jetzt wird es absurd – „grundsätzlich“ Bafög-berechtigt ist. „Gemäß §7 Absatz 5 haben Sie als Auszubildende, deren Ausbildung im Rahmen des Bundesausbildungsförderungsgesetzes . . . dem Grunde nach förderungsfähig ist, keinen Anspruch auf Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts“, heißt es in schönstem Amtsdeutsch in einem Schreiben des Jobcenters Neu-Ulm.

Vielleicht wenigstens Wohngeld? „Leider muss Ihr Antrag auf einen Zuschuss zu den ungedeckten angemessenen Bedarfen für Unterkunft und Heizung abgelehnt werden“, so steht es in einem weiteren Schreiben des Jobcenters. Denn: Ein Anspruch auf Zuschuss bestehe nur, wenn Auszubildende Bafög oder Ausbildungsgeld oder andere Ausbildungsbeihilfen erhielten. „Da Sie keine dieser Leistungen beziehen, erfüllen Sie nicht die Voraussetzungen für einen Zuschuss.“ Sollte nun jemand argwöhnen, Jobcenter- Mitarbeiter seien herzlose Zeitgenossen: „Dieses Schreiben wurde maschinell erstellt und ist auch ohne Unterschrift wirksam.“

Auch ein Gang zum Sozialamt brachte nichts. Mitteilung dort: Cisse ist noch keine 65 Jahre alt und voll erwerbsfähig, weshalb kein Anspruch auf Sozialhilfe bestehe.

Bleiben unterm Strich monatlich 184 Euro Kindergeld und 241 Euro Unterhalt vom Kindsvater. „Mit 425 Euro kommt man aber nicht rum“, sagt Cisse. Das gelte verschärft, da sie in wenigen Wochen aus der Wohnung ihres Ex-Freundes ausziehen müsse – das Paar hat sich vor einigen Monaten getrennt. „Ich stehe praktisch vor der Obdachlosigkeit.“

Was sie besonders stört, ist permanent vertröstet zu werden. „Ich stoße zwar in jedem Amt auf Mitgefühl, erhalte aber keine Unterstützung. Stattdessen bekomme ich zu hören, dass eine Ausbildung in meiner Situation Luxus sei und ich diese dann eben abbrechen müsse, um Regelleistungen zu kommen.“ Was irrsinnig sei. „Wer versucht, beruflich auf die Beine zu kommen, muss dabei doch unterstützt werden.“

Ingrid Mallon, Leiterin des Jobcenters Neu-Ulm, kann den Frust der jungen Frau verstehen. Die Gesetze könne sie aber nicht aushebeln. „Leistungen bekommt nur, wer Anspruch darauf hat.“ Dass man Cisse im Jobcenter geraten habe, die Ausbildung abzubrechen, bestreitet Mallon nachdrücklich. „Wer eine Ausbildung begonnen hat, soll diese natürlich abschließen.“ Womöglich seien ja noch nicht alle Möglichkeiten für finanzielle Unterstützung ausgeschöpft worden, sagt die Leiterin. Das Jobcenter stehe in solchen Fällen mit Rat und Tat zur Seite. „Wir schicken niemanden hin und her wie in der Geschichte vom Buchbinder Wanninger.“

In ihrer Not hat Cisse vor wenigen Tagen ans Bundesministerium für Arbeit und Soziales geschrieben. Sie könne sich noch nicht einmal eine Krankenversicherung leisten, schreibt sie darin. „Scheinbar befinde ich mich in einer Art Grauzone des Gesetzes, denn ich falle durch jedes Gitter.“

Eine Antwort des Ministeriums steht noch aus. Cisse lässt sich nicht entmutigen. „Ich bin nicht der Typ, der aufgibt.“

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

23.07.2015 12:54 Uhr

Mal wider typisch DEUTSCH ...

... und unsere Staatsbediensteten auf den zuständigen Ämtern lehnen sich mal wieder (genüßlich) zurück und erzählen so irgendwas wie "bestehende Gesetzeslage", oder täusche ich mich heute (ausnahmsweise ...)

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Kollision nach Reifenplatzer - drei Verletzte

Auf der B19 zwischen Ulm-Böfingen und Lagenau gab es auf Höhe von Seligweiler einen schweren Unfall. Unfallursache war wohl ein geplatzter Reifen. weiter lesen