Daimler revolutioniert Produktion in Neu-Ulm: Neuer Taktverkehr im Buswerk

Daimler revolutioniert die Busproduktion in Neu-Ulm und führt Standards aus der Autofertigung ein. Dazu gibt es ein Standortpaket. 2018 soll alles fertig sein.

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Werksleiter Jochen Duppui in der Neu-Ulmer Produktion: Die Omnibusse mäandern durch mehrere Montagestationen.  Foto: 

Bei Setra geht 2018 ein mehrjähriges, groß angelegtes Projekt zur Umstellung der Busproduktion zu Ende. Die Neuordnung, die sich an den Standards der Autofertigung orientiert, verlief, wie berichtet, nicht ohne Spannungen in der Belegschaft. Viele Mitarbeiter wurden aus ihrem bisherigen Arbeitsumfeld herausgelöst und an neue Stationen versetzt. Daimler hatte dann Ende September mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung zum neuen „Zielbild“ für die europäischen Omnibuswerke vereinbart. Zu dem Gesamtpaket gehört auch eine Beschäftigungssicherung bis 2024.

Am Standort Neu-Ulm hat Werksleiter Jochen Duppui den großangelegten Systemwechsel mit Daimler-Bus-Produktionschef Marcus Nicolai umgesetzt. Der entscheidende Schritt wurde nach der Sommerpause gemacht: mit der Verlagerung der Setra-Produktion auf nur noch eine einzige Montagelinie. Voher waren es zwei, was für mehr Puffer in der eher handwerklichen Fertigung mit enorm vielen Varianten sorgte – aber aus Sicht des Managements inkonsequent und ein Stück weit ineffizient war. Inzwischen verzeichne man „keinerlei Rückstände“ mehr, sagt Duppui. Das bedeutet, dass die Busse nicht mehr aus dem Takt genommen werden müssen, weil vielleicht irgendein Bauteil gerade nicht vorhanden ist.

Das Ziel lautet, dass vier Fünftel der Omnibusse in nur einem Arbeitsgang fertig werden. Die kürzeste Taktzeit für einen Bus beträgt 36 Minuten pro Arbeitsstation. So durchläuft er in der mäandernden Fertigung 46 Stationen bis zur Fertigstellung, zu der auch das Finish mit Testfahrten gehört. Daimler hat Millionen in die Produktion im Werk Neu-Ulm investiert, um die Taktzeiten zu optimieren. Wie berichtet, wurden moderne Hub­arbeitsbühnen angeschafft, mit denen die Mitarbeiter inzwischen von oben an den Busdächern arbeiten können – bis hin zu Doppeldeckern.

Lokalpatriotismus spielt mit

Für das Material gibt es eigene Aufzüge. Die gesamte Materiallogistik wurde nach Duppuis Worten neu konzipiert, so dass alle Bauteile rechtzeitig am Band angeliefert werden und nicht nachträglich besorgt werden müssen. Weil das meist in der Hektik passiert, sei im Zuge des neuen Systems auch die Zahl der Arbeitsunfälle deutlich zurückgegangen.

Duppui kommt zwar von Neoplan (siehe Infokasten), kennt aber natürlich die Geschichte von Setra und Kässbohrer. Gerade wegen der langen Tradition des Ulmer Busherstellers, der 1995 in der Evobus aufging, wolle man eine „innovative Busfabrik“ haben. Da spiele durchaus ein Stück Lokalpatriotismus mit. Zuvor habe sich in dem 1992 noch unter Kässbohrer-Regie erbauten Werk im Starkfeld wenig geändert. Das neue Fertigungssystem hat letztes Jahr sogar den „Truck Operations Award“ der Daimler-Nutzfahrzeugsparte gewonnen.

Das System umfasst eine weitere Komponente: die Lackierung. Im bisherigen Produktionsverbund kamen alle Stadtbus-Karossen aus Mannheim zur Lackierung nach Neu-Ulm, was einen regen und natürlich kostspieligen Bahnverkehr auslöste. Nun hat Daimler für Busse das Konzept der Offline-Lackierung entwickelt. Dazu werden die Busse auch so umkonstruiert, dass sämtliche zu lackierenden Teile nicht mehr zur Karosserie gehören, sondern angeschraubt oder angeklebt werden. Sie werden zuerst an einem Trägerfahrzeug angebracht, auf dem sie in die Lackierbox gelangen. Danach gehen die Teile nach Mannheim und Ligny für den echten Bus und werden dort verarbeitet. Wegen der individuellen Lackierung der Busse bis hin zu Airbrush-Motiven erfordert das eine bis auf Zehntel-Millimeter genaue Montage. Derzeit durchlaufen jährlich noch 6500 Busse die Neu-Ulmer Lackierung im Zweischicht-Betrieb.

Das neue Produktionssystem sieht auch vor, dass der Standort nur für Setra-Reisebusse zuständig ist, Mannheim für Mercedes-Stadtbusse, auch als E-Version. Bisher konnte Neu-Ulm auch die Citaros bauen. Wegen des Booms bei Reisebussen – wegen Flixbus – spielte das zuletzt keine Rolle. 2016 verließen 2700 Reisebusse die Fabrik an der Otto-Hahn-Straße. 2017 werden es etwa 2000 sein. Das entspricht nach Angaben des Managements dem Zehnjahres-Durchschnitt. Die Zahl der auch für die Umstellung der Produktion nötigen Leiharbeiter wurde drastisch zurückgefahren. Die Beschäftigung der Stammbelegschaft ist gesichert.

Kommentar zur neuen Produktion bei Evobus: Lage hat sich beruhigt

Im Sommer hatte es mächtig Ärger um die neue Busproduktion am Standort Neu-Ulm gegeben. Aus der Belegschaft heraus gab es Stimmen, die Auflösung des alten Produktionsmusters mit Umsetzung und Neueinstufung von Mitarbeitern werde zu „Mord und Totschlag“ führen. Inzwischen hat vermutlich ein Standortpaket mit Laufzeit bis 2024 zur Beruhigung beigetragen. Es spricht auch für Daimler-Bus­chef Hartmut Schick, dass er hier nicht lange um den heißen Brei herumgeredet hat, sondern Ängste in der Belegschaft einräumte, die mit ihrem im Prinzip noch aus Kässbohrer-Zeiten stammenden, erprobten Produktionsmodell vertraut war.

Man muss nun allerdings sagen, dass Daimler sich die Umstellung auf automobile Standards wie ein einziges Montageband und strikte Taktzeiten nicht einfach macht. Es wurden hohe Investitionen in neue Anlagen getätigt, die nicht zuletzt Handling-Verbesserungen bringen: Schwere Fenster, aber auch Busstühle können an den Stationen leichter eingebaut werden.

Ein Viertel der Arbeitsplätze ist nach den Worten von Werksleiter Jochen Duppui nun auch für ältere Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfähigkeit geeignet. Wenn dann die neue Offline-Lackierung von Busteilen – ohne Bus – noch funktioniert, dann ist das ein technisches Kabinettsstückchen. Falls es so tatsächlich gelingt, Produktion in Deutschland zu halten, muss man dem neuen System eine Chance geben.

Ein Kommentar von Frank König.

Belegschaft Daimler beschäftigt bei Evobus in Neu-Ulm 3858 Mitarbeiter. Die Umstellung der Produktion wurde 2015 begonnen. Daimler investiert dazu 140 Millionen Euro in die europäischen Bus-Standorte.

Standorte Auch Mannheim wird umgestellt, dort entsteht ein Zentrum für E-Stadtbusse. Neu-Ulm ist im Standortpakets für Sicherheits- und Assistenzsysteme – so auch autonomes Fahren – zuständig.

Werksleiter Duppui war nach Studienabschluss 1994 als Fahrzeugingenieur zuerst bei Neoplan, ab 1996 bei Evobus, mit Stationen in Südamerika. Seit 2012 ist er Standortchef für Evobus in Neu-Ulm.

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Kommentare

07.12.2017 17:56 Uhr

Antwort auf „Unterkomplexe Lösung”

Den Anspruch zu erheben, eine "innovative Busfabrik" zu verwirklichen, ist mit vielfältigen Pflichten verbunden, falls längst unabweisbar auf dem Tisch liegende Erkenntnisse nicht von demselben gewischt werden und sich die ganzen Anstrengungen nicht bloß in Klügelei erschöpfen sollen. Der erste Schritt besteht deshalb darin, anzuerkennen, dass menschliche Arbeitskraft sich nicht determinieren lässt. Sämtliche Versuche Dritter, die Arbeitsleistungen des Einzelnen vorherzubestimmen, enden gemäß der ihr unveräußerlich innewohnenden Logik im körperlichen Entzug ihres Trägers. Jegliches kontrafaktische Handeln rückt das Ziel einer notwendigen Fabrikerneuerung in unerreichbare Ferne und die sich inzwischen über mehrere Jahre hinziehende Umstellung der Produktion wäre letztlich ein einziger Etikettenschwindel. Um die Restrukturierung industrieller Arbeit tatsächlich zu vollziehen anstatt sie mit ungeheurem Aufwand zu inszenieren, kommt das Unternehmen also nicht um eine autoritative Setzung herum, die sich schleunigst von dem in Rede stehenden Unfug verabschiedet. Zugleich werden auf diese Weise finanzielle Mittel für künftige Investitionen frei, die ansonsten als Verluste zu verbuchen sind. Ohne dementsprechend arbeitspolitisch gefallene Entscheide kann von einer wirklichen Revolution der Fertgiung im dortigen Buswerk letztlich nicht gesprochen werden.

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07.12.2017 12:53 Uhr

Antwort auf „Unterkomplexe Lösung”

Korrektur: Es müsste "... dass ein Ingenieur die Projektleitung innehat ..." heißen.

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07.12.2017 12:04 Uhr

Unterkomplexe Lösung

Die Suche nach einer höheren und rationaleren Organisationsform menschlicher Arbeit ist von Beginn an ein offener Prozess; wobei stets entscheidend ist, die gesellschaftlichen Bedingungen für Offenheit strikt einzuhalten, um überhaupt fündig zu werden. Ob also die Belegschaft im Neu-Ulmer Werk der EvoBus GmbH wirtschaftlich erfolgreich tätig sein kann, bemisst sich allein daran, wie detailliert die dadurch von Natur aus gegebenen Voraussetzungen nunmehr erfüllt werden. Angesichts dessen erstaunt, dass ein Ingenieur die Projektleitung inne hat, der auf solch einschlägigem Gebiet keinerlei Befähigung nachweisen kann. Es sind daher Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Unterfangens erlaubt, wenn das Unternehmen zentrale Fragen systematisch umgeht und so lediglich eine äußerst unterkomplexe Lösung anstrebt, die betriebsintern darüber hinaus auch noch eine Prämierung erfährt.

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