Ältestes Ulmer Stadtporträt ist neu übersetzt

Der Mönch Felix Fabri war Kosmopolit. Er beschrieb das Heilige Land und seine Lieblingsstadt Ulm. Das ist jetzt in neuer Übersetzung nachzulesen.

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Das Traktat des Dominikanerbruders Felix Fabri über Ulm ist das älteste systematische Stadtporträt nördlich der Alpen. Er selbst sagte über sein Unterfangen: "Schwierig aber ist mir die Beschreibung dieser Stadt, da ich niemand finde, der vor mir auch nur ein klein wenig von ihr geschrieben hätte." Jetzt ist der Text neu aus dem Lateinischen übertragen worden, Stadtarchivdirektor Prof. Michael Wettengel freut sich: "Das führt vielleicht zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit der frühen Geschichte von Ulm."

Die Übersetzung stammt von Prof. Folker Reichert: "Ich bin kein Ulmer, auch kein Ulmer Historiker, ich bin da eher so reingerutscht." Naja, Fabri kennt er freilich längst, ist er doch auf die Geschichte des Reisens insbesondere im Mittelalter spezialisiert, und da kommt man an Fabri nicht vorbei. Der Mönch, der von 1440 bis 1502 lebte, war Pionier der Reiseliteratur und gleich zweimal in Palästina. Reichert, als Professor an der Uni Stuttgart soeben emeritiert, hält ganz große Stücke auf ihn: "Es ist der umfangreichste und lebendigste Reisetext dieser Zeit überhaupt, er geht über Marco Polo hinaus", den der Historiker dagegen sogar für "eher langweilig" hält.

Reichert hat an seinem Lehrstuhl für mittlere Geschichte damit begonnen, das gesamte "Evagatorium" Fabris neu zu bearbeiten. Darin findet sich der Bericht über die zweite Pilgerfahrt wieder, aber auch eine Geschichte Schwabens und im dritten Teil die Abhandlung über die Stadt Ulm, die fester Bestandteil des Reisebuches sei: "Er nähert sich darin der Heimat an, und am Ende steht - Ulm. Das Heimweh hat ihn umgetrieben, wo immer er war." Tatsächlich nennt Fabri Ulm im Zusammenhang mit seinem Evagatorium - dem "Buch der Abschweifungen" - auch "das Ziel, von dem die Reise ausgegangen und an dem sie endlich wieder angelangt ist". Eine damals ungewöhnlich persönliche Sicht also, in der sich jeder wiederfinden kann, der mal in Urlaub war.

Tatsächlich dürfte die Neuübersetzung jetzt auch breitere Kreise zum Schmökern einladen. Reichert: "Das hat großen Spaß gemacht." Sie nähert den Text heutigen Sprachgewohnheiten an, ohne Fabris stilistische Eigenheiten ganz verblassen zu lassen, welcher in eigener Sache übrigens gerne flott als FFF kürzelte - Frater Felix Fabri.

Wettengel unterstreicht die Bedeutung der Ausgabe, weil die bislang gebräuchliche von Konrad Dietrich Haßler aus dem vorvergangenen Jahrhundert, 1909 posthum erschienen, fehlerträchtig gewesen sei. "Das ist oft auf weitere Arbeiten über Ulm übertragen worden", mit den Fallstricken für die Interpretation historischer Ereignisse. Darüber hinaus ist Fabris Werk auch für ihn jeder Mühe wert. "Er ist einer, der schon in vorreformatorischer Zeit über Ulm hinausgeblickt hat."

In die Stadt versetzt worden war der Dominikaner 1468, im Traktat würdigt er sie nun 1488/89 in Kapiteln über ihren Ursprung, Ordnung, Regierung, die Bürger und ihren "jetzigen Stand". Die Neuübersetzung wird Ende Oktober vorgestellt und erscheint in der Bibliotheca Suevica, mit der die Oberschwäbischen Elektrizitätswerke Kunst und Kultur fördern. Die Buchreihe geht auf Altlandrat Wolfgang Schürle zurück. Wettengel: "Er hat auch immer mal wieder bei uns angefragt, ob einer den Tractatus übersetzen kann." Das ist nun von dritter Seite erfolgt, da Reichert ohnehin an der Sache dran war, auch wenn er rückblickend sagt: "Es war ein Wagnis für mich. Ich kenne mich im Heiligen Land aus, aber nicht so in Ulm."

Am Ende war es glückliche Fügung, oder um es so zu sagen: Die Faszination Fabris machts möglich.

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