"Wir sind keine Kuschelpädagogen"

Schule kann langweilig sein. Der Vormittag in der Spitalhofschule war es nicht. Denn was Friederike Hartl und Tobias Ehrt zum Thema "Mit Zivilcourage gegen Rechtsextremismus" zu sagen hatten, traf ihr Interesse.

|
Wenn es sein muss, provoziert Tobias Ehrt auch mal. Foto: Matthias Kessler

Wenn die Landeszentrale für politische Bildung und das Landesamt für Verfassungsschutz Prävention betreiben, klingt das für Schüler auf zunächst nicht besonders spannend. Ganz sicher waren sich die Neunt- und Zehntklässler der Spitalhofschule auch nicht, was sie da erwartet.

"Mit Zivilcourage gegen Rechtsextremismus" lautet der Titel des Projekts, mit dem Tobias Ehrt und Friederike Hartl Station in Ulm machten. Mitgebracht hatten sie das Planspiel "Soundcheck". Das Szenario: Eine Band namens "Tseitgeist" mit versteckt rechtsextremen Songtexten, soll zum Schulfest spielen. Der Schülerrat hat zu entscheiden, ob und unter welchen Umständen die Band auftreten darf. Am Ende entschied sich eine Gruppe dafür unter der Maßgabe, dass der Text verändert wird. Die andere lehnte den Auftritt ab.

Mehr als zwei Stunden dauerte die Einführung ins Thema und das Planspiel. Dann sollten die Jugendlichen sagen, wie sie selbst diese Entscheidung empfinden. Was sich daraus entspann, war eine lebhafte Diskussion, die schnell vom fiktiven Liedtext, in dem man "mit Maden, die uns schaden, aufräumt", in den Alltag der Ulmer Jugendlichen wechselte. Die Werkrealschüler steckten mittendrin im gesellschaftlichen Diskurs über rechte Pöbeleien und Integrationshindernisse, über die alltäglichen Schwierigkeiten, wenn man südländisch aussieht und die Weigerung von Migranten Deutsch zu lernen. Viele Facetten wurden angesprochen, alle haben die Jugendlichen selbst erlebt.

"Das sind Sachen, über die im Schulalltag einfach nicht geredet wird", sagt Ehrt. Das wurde auch an den abschließenden Bemerkungen der Schüler deutlich. "Ich fand es spannend, was die anderen gesagt haben. Ich hätte es nie gedacht, wie viele Gedanken sich manche in der Klasse darüber machen. Ich fand es einfach gut, was sie gesagt haben", meinte ein Neuntklässler.

Dabei ging es gar nicht um gewaltbereite Rechtsextreme, sondern um die kleinen, die alltäglichen Dinge. "Dagegen muss man etwas tun. Da fängt es an und man darf nicht einfach den Mund halten", forderte ein Schüler.

Einige blieben freiwillig länger. Deniz beispielsweise hätte dis Diskussion gerne nicht nur auf Rechtsextreme beschränkt, sondern auch über andere nationalistische Bewegungen geredet. Das aber wäre ein anderes Thema. "Eigentlich hätte unser Projekt schon Ende 2011 auslaufen sollen. Nachdem die NSU-Morde bekanntgeworden sind, wurde es nochmal verlängert", sagt Ehrt. Wie es Ende des Jahres weitergeht, wissen die beiden noch nicht. Es hängt vom Geld ab.

"Natürlich ist es unser Ziel mal überflüssig zu werden. Aber davon sind wir noch weit entfernt", sagt Ehrt. Der Rechtsextremismus sei nicht "irgendwo im Osten", sondern in Baden-Württemberg allgegenwärtig. Musik-Labels sind im Land aktiv, Versandhäuser und der größte Jugendverbund der NPD.

"Das muss man ansprechen. Das tun wir. Wir sind keine Kuschelpädagogen", betonte Ehrt. Wenn also alle nur da sitzen und politisch korrekte Meinungen formulieren, dann provoziert er auch mal. "Das geht schon mit der einfachen Frage: Was ist deutsch?" Der verdeckte, alltägliche Rassismus, hier tritt er zu Tage: "Und manche beginnen dann erst nachzudenken."

Provozieren mussten Ehrt und seine Kollegin in der Spitalhofschule nicht. Die Diskussion war derart facettenreich, dass sie gerne noch weitergemacht hätten.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Wir lesen

„Wir lesen" - das ist die Dachmarke für die Bildungsprojekte der SÜDWEST PRESSE. Ziel ist, Kindern und Jugendlichen der Region das Lesen, das Schreiben und das Leben vor Ort und in der ganzen Welt näherzubringen. Gleichzeitig wird erklärt, wie Zeitung funktioniert und welche Rolle die Medien in unserer heutigen Gesellschaft spielen.

mehr zum Thema

Kontakt

Annkathrin Rapp

Annkathrin Rapp
Projektmanagerin Schule
a.rapp@swp.de
0731/156 600

Sabine Krischeu

Sabine Krischeu
Teamassistenz Schule
s.krischeu@swp.de
0731/156 647

Pate werden

Pate werden!

Paten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft unterstützen derzeit »Wir lesen«. Wer ist dieses Jahr »Wir lesen« Pate und an welcher Schule? Wie können Sie selbst Pate werden?  Klicken Sie hier

 Unsere Paten

Praktikum bei uns?

Du schreibst gerne, interessierst dich für Menschen und die Arbeit eines Redakteurs? Dann schicke dein Bewerbungsschreiben an: praktikum@swp.de

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Prozess gegen Tolu in Istanbul: Vater hofft auf Freilassung

Mehr als sieben Monate nach ihrer Festnahme wird der Prozess gegen die deutsche Journalistin und Übersetzerin Mesale Tolu in der Türkei fortgesetzt. weiter lesen