"Wir haben Verlierer produziert"

Die Industrie- und Handelskammer Ulm analysiert kontinuierlich die Bildungssituation - und hat dabei auch die Migranten im Blick. Über deren Chancen sprachen wir mit Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle.

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Otto Sälzle: Ein Teil der Migrantenkinder wird bessere Chancen haben.Foto: IHK

Die meisten Jugendlichen aus Migrantenfamilien besuchen die Hauptschule. Viele verlassen die Schule ohne Abschluss. Versagt das System?

OTTO SÄLZLE: Wir haben Verlierer produziert. Wir haben es in zu vielen Fällen bisher nicht geschafft, die Bildungsintegration zu bewerkstelligen. Das ist eine Aufgabe aller, eine Aufgabe der Gesellschaft und eine Aufgabe der Migrantenfamilien. Es zeichnet sich jedoch eine neue Entwicklung ab: Mit dem Wegfall der verpflichtenden Grundschulempfehlung ändert sich das Schulwahlverhalten. Die meisten Schüler gehen nun auf die Realschule. Für die Zukunft ist das eine andere Ausgangslage. Ein Teil der Migrantenkinder wird bessere Chancen haben. Die Realschule ist die beste Schule, um Integration herzustellen. Sie muss dann aber auch vom Land entsprechend ausgestattet werden.

Der weitere Weg dürfte mit einem schlechten Hauptschulabschluss oder ganz ohne Abschluss auch schwierig werden. Was macht das Gros der Schüler aus Zuwandererfamilien nach der Schule?

SÄLZLE: Ein nicht unerheblicher Anteil macht das BVJ oder BEJ, um einen Schulabschluss nachzuholen oder sich in diesem weiteren Jahr auf der Schule auf eine Ausbildung vorzubereiten.

Also das, was man gemeinhin unter einer Warteschleife versteht.

SÄLZLE: Es ist der Versuch, den Weg in eine Berufsausbildung zu ebnen. Und der Versuch, die Möglichkeiten einer dualen Ausbildung aufzuzeigen. Denn die ist hier in Deutschland eben gerade nicht so wie in anderen Ländern, wo ihr ein schlechtes Image anhaftet.

Lange Zeit hatten Schüler aus Zuwandererfamilien schlechtere Chancen einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Sind ihre Möglichkeiten nun, da die Bewerber insgesamt rar werden, besser?

SÄLZLE: Der Markt saugt die Bewerber regelrecht auf. Die Chancen sind bestens. Aber es wird nicht jeder genommen, nur damit eine Stelle besetzt ist. Man muss schon die Grundvoraussetzungen mitbringen. Ein Bewerber ohne Abschluss tut sich schwer - egal ob deutscher oder ausländischer Herkunft.

Im IHK-Bildungsreport treten auch deutliche Unterschiede in der Bedeutung von Bildung zutage, je nachdem, aus welchem Herkunftsland die Familie stammt.

SÄLZLE: Serben und Kroaten unterscheiden sich sehr, ebenso Türken und Griechen, Italiener und Spanier. Das gehört schon zur Wahrheit dazu. Welche Wertigkeit der Bildung zugesprochen wird, hängt aber auch stark vom Elternhaus ab.

Ein großes Problem ist bekanntlich die Sprache. Trotz all der Bemühungen, Migrantenkinder frühzeitig zu fördern. Was läuft schief?

SÄLZLE: Es gab bislang nur Modelle. Erst die neue Landesregierung bezieht nun flächendeckend alle Kindergärten ein. Um Sprachintegration zu erreichen, müssen die Kinder den Kindergarten aber auch drei Jahre lang besuchen. Wir fordern dazu eine Kindergartenpflicht.

Info Die IHK Ulm setzt sich mit einem Projekt für türkische Jugendliche ein und versucht mehr von ihnen in Ausbildung bringen.

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