"Warten auf Godot" am Theater Ulm: Die Brücke nach Absurdistan

Ein Klassiker der Moderne im Großen Haus: Andreas von Studnitz inszeniert Samuel Becketts absurdes Theater "Warten auf Godot" auch schön sentimental. Viel Applaus für starke Schauspieler.

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Lachen über die Sinnlosigkeit: Volkram Zschiesche als Estragon (links) und Maximilian Wigger als Wladimir. Foto: Ilja Mess

Dumpfes Grollen, flackerndes Licht im Zuschauerraum. So beginnen Katastrophen, auch im Theater. Der Vorhang geht auf, aber aus den Lautsprechern grüßen die Comedian Harmonists mit dem Schlager "Lebe wohl, gute Reise". Auf der Bühne: dampfender Wohlstandsmüll, darüber als Hauptschauplatz eine surreal verdrehte Brücke, die irgendwie aus dem Himmel gefallen ist, jedenfalls einen Baum geköpft und die dürren Äste unter sich begraben hat. Am Horizont: der gemalte Untergang des Abendlandes, der Blitz schlägt in den schiefen Petersdom ein, Hochhäuser wanken.

So dekorativ, so ästhetisch kann Apokalypse sein. Andreas von Studnitz und Bühnenbildnerin Britta Lammers haben Samuel Becketts "Warten auf Godot" als Endspiel unserer Zivilisation sichtbar verortet. Aber brauchts das wirklich?

In diesem immer noch großartigen Stück passiert eigentlich nichts, es zeigt eine sinnentleerte Realität. Es berichtet von der Menschheit, die nicht vorankommt, aber sich schuldhaft verstrickt. Es ist eine Clownerie und in seinem Nihilismus erschreckend ernst. Das Stück ist eine Zumutung: Es gibt keine Antworten, der Zuschauer fragt nur permanent, was das soll. Worauf warten die Landstreicher Wladimir und Estragon? Auf einen Heilsbringer in dieser öden Welt? Aber ist dieses absurde Theater nicht eine Projektionsfläche, auf der ein Zuschauer mit seiner Fantasie spielt und seine Existenzängste überprüft?

Vor 60 Jahren, als dieser Klassiker der Moderne in Paris uraufgeführt wurde, war das eine andere Zeit gewesen: "Landstraße. Ein Baum. Abend" - so beginnt Becketts bildhaft exakt festgelegter Schauspieltext. Eine fast leere Bühne: Das war eine Verweigerung jeder Konvention, eine Abkehr von der Bourgeoisie, den Ideologien. Auch ein skandalisiertes Innehalten. Und ein Denkraum, denn Endzeitbilder hatte das Publikum damals, als "Warten auf Godot" 1953 in Deutschland und auch sofort in Ulm herauskam, sowieso täglich vor Augen: die Nachkriegsruinen.

Als 1971 der Text von "Warten auf Godot" in der Reihe der Suhrkamp Taschenbücher (st) veröffentlicht wurde, schrieb Joachim Kaiser einleitend: "Fast sehnsüchtig erinnern wir uns der verstörten Sehnsüchte, die wir einst aus diesem Stück heraus- oder in es hineinhörten." Es ist im Jahre 2013 nicht leichter geworden, das rätselhafte Ex-Avantgarde-Stück zu inszenieren. Studnitz also möchte dem Publikum helfen: Er betont nicht sonderlich das Philosophische, er konkretisiert vielmehr, er schmückt die Szenerie, unterhält, wo doch heute, in der bilderüberfluteten Medienwelt, der Blick auf nackten Denkstoff wieder eine Herausforderung wäre.

Andererseits: "Warten auf Godot" war immer auch Schauspielertheater, Virtuosenfutter. Und das Theater Ulm hat ausgezeichnete Akteure. Maximilian Wigger, dessen kürzlich verstorbener Vater Stefan 1975 schon am Berliner Schillertheater in der Inszenierung Samuel Becketts den Wladimir gespielt hatte, formt diese Figur mit fast verstört naiver, aber heller klarer Stimme als den großen schlaksigen kleinen Mann, den aus der Zeit gefallenen Tramp im Anzug und mit Melone: als traurigen Komiker. Volkram Zschiesche hat als Estragon mit Kinnbart aufzutreten: als extrem misshandelte Kreatur - mit nahöstlicher Vergangenheit?

Der herrische Pozzo? Da wird Regisseur Studnitz wieder konkret: Jörg-Heinrich Benthien ist kostümiert als Uncle Sam, als die personifizierte Kritik an der amerikanischen Kultur, er spielt ein kauziges Kerlchen, das Lucky an der Hundeleine führt. Lucky ist zunächst ein im Gesicht rot angelaufener Easy-Rider-Hippie, Wilhelm Schlotterer schreit den Monolog atemlos-heiser heraus. Dafür darf er im 2. Akt in Studnitz Version relaxt Zigarette rauchen und zum Herrn aufsteigen: Lucky, der Sklave, wartet hier nämlich auf gar nichts mehr, er ist schon im Paradies. Lustig. Und dass nicht alles Sinn macht, gehört ja, positiv gesagt, irgendwie zum Stück.

Estragon und Wladimir warten vergeblich, auch eine verhüllte Muslima (Juliane Nawo) als Junge hat keine Neuigkeiten von Godot. "Wir gehen?" - "Gehen wir!", sagen die beiden am Ende, gehen aber nicht von der Stelle. "Lebe wohl, gute Reise, und denk an mich", säuseln trotzdem die Comedian Harmonists. Die Regie verabschiedet das absurde Theater ins Sentimentale. Eigentlich auch absurd.

Szenenfotos der Aufführung im Internet unter swp.de/bilder

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