"Rot": Wolfgang Schukraft spielt den Maler neben dem Werk

Rothko neben Rothko: Während der Maler auf der Bühne spricht, kann man sein Werk in der Kunsthalle Weishaupt betrachten. Wolfgang Schukraft überzeugt in "Rot" in der Rolle des monomanen Künstlers.

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Gespielt wird vor Kopien, die Originale Rothkos hängen neben der Bühne: Andreas Laufer (links) und Wolfgang Schukraft in John Logans "Rot". Foto: Suse Schukraft

"Was sehen Sie?" Die Frage steht am Anfang, und sie steht am Ende, und die Antwort lautet beide Male "Rot". Doch als das Licht an diesem Abend ausgeht, hat sich aus der neutralen Bezeichnung eine gewaltige Metapher, aus dem einsilbigen Wort ein ganzes Drama entfaltet.

"Rot" heißt das Stück, das John Logan über einen der berühmtesten amerikanischen Künstler des 20. Jahrhunderts geschrieben hat: Mark Rothko - ein Maler, der schon Blicke als tödliche Gefahr für seine Bilder ansah und am liebsten jedes Wort der "Mistkäfer" von Kritikern verboten hätte. So einen auf die Bühne hinauf zu schreiben, ist ein Wagnis. Ihn zu spielen auch. Wolfgang Schukraft hat es sich getraut. Am Freitag feierte der Prinzipal der Theaterei Herrlingen als Rothko in der Inszenierung von Ralf Rainer Reimann Premiere - neben den Originalen in der Kunsthalle Weishaupt. Die Ausstellung mit den "Amerikanern" aus der Sammlung wurde sozusagen um Schukrafts Idee herumgebaut. Ein Glücksfall von einem Einfall: Der Zuschauer braucht nur den Kopf zu drehen, um Wort und Werk abzugleichen. Das Bühnenbild mit Rothko-Imitaten (Jörg Stroh) kann da nur verlieren, lugt man doch ständig nach dem pulsierenden Leuchten, das der Mann auf der Bühne zwei Stunden lang erklärt, beschwört, verteidigt, als ginge es um sein Leben.

Geht es ja auch: Das begreift nach und nach sein Dialogpartner, der Kunststudent Ken. Er kommt als Gehilfe und verstrickt sich in die Auseinandersetzung mit dem monomanen Rothko, den Schukraft mit Halbglatze, großer Stimme und Überzeugungskraft gibt. Er spielt den Prototypen des genialischen Künstlers - " jeder Pinselstrich eine Tragödie!" - , ohne die Rolle ins Hysterische zu überdrehen. Gelegenheit dazu böte der Text durchaus. Denn in die letzten zweifelnden Tiefen verliert sich Logan nicht, da setzt er lieber auf schönen, schwarzen Witz: "Die Hoffnung verdorrt, aber es gibt noch einen Chinesen an der Ecke", murmelt sein Rothko lakonisch in die Take-Away-Box.

Anfangs noch überakzentuiert naiv, erspielt sich Andreas Laufer als Student eine zunehmend glaubwürdige Position. Ist diesem Ken doch eine historische Rolle zugedacht: Rothko hatte den lukrativen Auftrag erhalten, das Four Seasons Restaurant im New Yorker Seagram Building mit Bildern auszustatten. Eine Prostitution seiner Kunst, die der bald gereifte Lehrling dem Meister erbarmungslos um die Ohren haut. Und gewinnt: Rothko gab den Auftrag auch in Wirklichkeit zurück.

Warum diese Entscheidung derart existenziell ist, das haben wir bis dahin nachvollziehen gelernt. Schukraft-Rothko folgt man bereitwillig in seine produktions- und rezeptionsästhetischen Ausführungen. Nach und nach lädt sich das Rot im Augenwinkel mit Bedeutung auf, entbirgt auch biografische Schichten, die wiederum helfen, die (selbst-)quälerische Härte zu verstehen, mit der Rothko seine Künstler-Metaphysik verficht. Mit der Wut der Verzweiflung zitiert er Michelangelo, Rembrandt und vor allem Nietzsche. Die Tragödie des Ernst-Meinens trägt er wie ein Kreuz. Mit schwindender Hoffnung harrt er der Betrachter, die zu sehen bereit sind, mit letzter Kraft versucht er, an die Kraft der Kunst zu glauben - die leibhaftige Pop Art vor den schreckgeweiteten Augen. Der anachronistische Alte ist fällig für den Vatermord, so simpel - und zu einfach - darf man Kunstgeschichte mit Logan auch verstehen.

Ein anderer hat ja bereits kapituliert. Jackson Pollock, sagt Rothko, habe sich absichtlich tot gefahren, als die Kunst nicht mehr half gegen die Wahrheit. Auch sein eigenes Fazit ist das "Gegenteil von Rot" - "Schwarz" lautet das letzte Wort des Bühnen-Rothko. Dunkel waren die letzten Bilder des echten, der sich 1970 das Leben nahm. Sein Rot hat er dagelassen. Für den Fall, dass doch noch einer hinsieht.

Info Nächste Termine in der Kunsthalle Weishaupt: 8., 16., 17., 22., 23. März. www.theaterei.de

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