„Rassismus gibt es auch an der Uni“

Uni-Studenten organisieren das „Festival contre le Racisme“. Sandro Eiler vom Organisationsteam über die Motive, Ziele und die Casa Heilmeyer.

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Sandro Eiler, Organisator „Festival contre le racisme“  Foto: 

Seit fünf Jahren studiert Sandro Eiler an der Uni Informatik. Nebenher engagiert sich der 26-jährige gebürtige Lindauer politisch: im interkulturellen Nord-Süd-Austausch Projekt „Zugvögel“ und im Organisationsteam fürs „Festival contre le Racisme“.

Antirassismusfestivals gibt es an anderen Unis seit vielen Jahren. Warum in Ulm erst seit 2016?

Sandro Eiler: Durch die Flüchtlingsbewegungen hat sich das Bewusstsein geändert. Das Thema Rassismus ist präsenter geworden. Man kann nicht mehr sagen, „das geht mich nichts an“.  Deswegen haben sich letztes Jahr ein paar Studenten aus allen Fachbereichen zusammengesetzt und überlegt, in Ulm was auf die Beine zu stellen. Am Anfang waren wir zu viert, mit der Zeit kamen noch mal acht, neun Leute dazu.

Das Programm ist breit gefächert. Nehmen wir nur mal den Vortrag über Unrechtsmedizin in der DDR. Was hat das mit Rassismus zu tun?

Es geht uns grundsätzlich um alles, was menschenverachtende Einstellungen betrifft. Dazu gehören eben nicht nur Rassismus und Nationalismus, sondern beispielsweise auch Sexismus und Homophobie.

Gibt es an der Uni Ulm Rassismus?

Leider ja. Es tauchen immer wieder mal Hakenkreuze und andere Schmierereien auf Wänden auf oder Aufkleber mit rassistischem Inhalt. Zudem ist bekannt, dass es unter Studenten bekennende AfD-Sympathisanten gibt. Im vergangenen Jahr kursierten mal Aushänge zur Gründung einer AfD-Jugendgruppe.

Wie sieht es mit Diskriminierung im Uni-Alltag aus?

Wir wissen von Leuten, die wegen  ihrer Herkunft eine Stelle nicht bekommen haben trotz besserer Qualifizierung als ihre Mitbewerber, die zum Beispiel eine Promotion anschließen wollten und das nicht konnten. Das sind aber Einzelfälle. Generell – das betrifft natürlich alle Universitäten und Hochschulen  – geht es in der Lehre noch vielfach zu unkritisch zu. Nehmen wir nur mal das Beispiel Medizin. Da wird der Rassebegriff nach wie vor verwendet.

Wie ist es um die Integration ausländischer Studenten an der Uni Ulm bestellt? Sehen Sie Defizite? Womöglich auch bei den ausländischen Studenten selbst?

Es gibt noch zu wenige Lehrangebote in englischer Sprache. Und klar gibt es auch Studenten, die sich nicht integrieren wollen. Das ist aber keine Frage der Nationalität. Das findet man genauso unter deutschen Studenten.

Tut die Uni genug gegen Rassismus?

Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Den Umgang mit der Nazi-Verstrickung des Gründungsrektors Ludwig Heilmeyer finde ich gut. Was jetzt auch noch aufgearbeitet gehört, ist der Umgang mit Hans Filbinger. Dass einer, der in der NS-Zeit als Marinerichter Todesurteile fällte, die Ehrendoktorwürde der Uni Ulm besitzt, geht nicht.

Welche Zielgruppe will das „Festival contre le Racisme“ erreichen?

Nicht nur Studenten, sondern die breite Bevölkerung. Eigentlich alle, die sich bisher noch nicht so stark mit dem Thema auseinandergesetzt haben.

Warum gibt es keine zentrale Veranstaltung?

Weil wir ziemlich viele Vorträge haben. Das wäre an einem Tag nicht unterzubringen. Wir wollen unterschiedliche Themen ansprechen und deshalb streuen.

Wer finanziert das Festival?

Größtenteils die Studierendenvertretung, es gibt aber Unterstützung  von den Städten Ulm und Neu-Ulm. Unser Budget für die 14 Veranstaltungen liegt bei knapp 10.000 Euro.

Ursprung „Für Courage, gegen Rassismus und menschenverachtende Einstellungen“ ist das Motto des „Festival contre le Racisme“ (FCLR).  Es findet in Ulm zum zweiten Mal statt. Seinen Ursprung hat es in Frankreich, wo 1995 der Studentenverband UNEF erstmals ein solches Festival veranstaltete. Über die Jahre hat sich das Konzept weiterverbreitet. Heute gibt es das FCLR an vielen deutschen Hochschulen.

Veranstalter Das Festival wird maßgeblich von Ulmer Studenten organisiert, mit im Boot sind aber auch der DGB und die vh. „Angesichts rassistischer Staatsoberhäupter, tausender Toter wegen europäischer Grenzen und immer mehr Gesetzesverschärfungen weltweit“ reiche Hingucken nicht aus, teilen die Veranstalter mit.

Vorträge Fast täglich gibt es bis Samstag, 8. Juli, eine Veranstaltung. Dazu gehört ein Vortrag über „Neue Rechte“ am Mittwoch, 28. Juni, 19 Uhr in der vh, Kornhausplatz 5. Die „Unrechts-Medizin in der DDR“ steht am Donnerstag, 29. Juni, 14 Uhr, im Hörsaal 8 der Uni im Mittelpunkt. Suppe, Musik und Performance gibt es am Freitag, 30. Juni, von 15 bis 20 Uhr beim Klangkost Festival auf dem südlichen Münsterplatz. Um Rassismus und Diskriminierung im Betrieb geht es am Mittwoch, 5. Juli, ab 18 Uhr im Haus der Gewerkschaften, Weinhof 23.

Party und Poetry-Slam Ein Workshop zur Vielfalt der sexuellen und geschlechtlichen Identität findet am Donnerstag, 6. Juli, ab 18 Uhr an der Uni, Seminarraum 258, statt. Anschließend wird mit Poetry Slam und Live-Bands gefeiert. Gefeiert wird auch am Freitag, 7. Juli. Die Performance-Künstler Rhizomes führen ab 18 Uhr vom Münsterplatz weg eine Parade durch die Stadt an, die an der Wilhelmsburg endet.

Programm Das ausführliche Programm des „Festival contre le Racisme“ findet sich im Internet unter fclr-ulm.de

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