Interview mit Hüseyin Tolu: „Mesale ist eine politische Geisel“

In drei Tagen beginnt der Prozess gegen die  33-jährige Ulmer Journalistin. Ihr Bruder Hüseyin Tolu über familiären Zusammenhalt  und mangelnde politische Unterstützung.

|
Setzt sich unermüdlich für seine seit fünf Monaten inhaftierte Schwester ein: Hüseyin Tolu.  Foto: 

Bis vor fünf Monaten hat Hüseyin Tolu ein unauffälliges Leben geführt. Seit der Verhaftung seiner Schwester Mesale Ende April in Istanbul ist der 36-Jährige, der in der Ulmer  Oststadt aufgewachsen ist, eine öffentliche Person. Fast täglich bekommt er Interviewanfragen, er war Gast in Talk-Shows, er reist von einer Solidaritätsveranstaltung zur nächsten – und macht dennoch einen gefestigten Eindruck. Vielleicht liegt das auch daran, dass er die notwendige Rückendeckung bekommt: von seiner deutschen Ehefrau, von Freunden, Kollegen, dem Ulmer Solidaritätskreis und auch von seinem Arbeitgeber, einem Ulmer Baumarkt, wo er als Teamleiter arbeitet. Am Dienstag, wenn der Prozess gegen seine Schwester beginnt, wird er in seiner Küche sitzen, auf What’sApp-Nachrichten aus dem Gerichtssaal warten – und, wie er sagt, „eine Schachtel Zigaretten verqualmen“.

Wann haben Sie zuletzt mit Ihrer Schwester gesprochen?

Hüseyin Tolu: Am Freitag vor einer Woche am Telefon.

Wie geht es ihr?

Sie spricht nicht über ihre Gefühle. Wir haben immer nur zehn Minuten. Wenn wir diese Zeit nutzen wollen, reden wir besser nicht über türkische Politik, über die anstehende Verhandlung und über die Solidaritätsaktionen hier in Deutschland. Sonst würde die Gefängnisverwaltung das Gespräch sofort unterbrechen.

Wie kommt der Kontakt überhaupt zustande?

Sie darf uns alle zwei Wochen anrufen. Zwischen 8 und 8.30 Uhr. Dafür zahlen wir.

Wie sind die Haftbedingungen?

Mein letzter Stand ist: 24 Frauen leben in einer großen Zelle zusammen. Es gibt Kojen, die man sich zu zweit teilt. Mit dabei ist ihr Sohn Serkan, mein zweijähriger Neffe.

Wie geht es dem Kleinen?

Als einziger Mann in der Zelle wird er natürlich verwöhnt. Die Frauen spielen und basteln mit ihm. Aber so langsam versteht er, wo er ist. Vor allem für meine Schwester ist das schwer zu ertragen.

Wäre es möglich, Serkan nach Ulm zu holen?

 Ja, klar. Gerade beim letzten Telefongespräch hat sie gesagt, dass Serkan zu uns kommen soll, falls die Verhandlung nicht gut ausgeht.

Bekommt Mesale Post aus Deutschland?

Ja, auch von vielen, die sie lange nicht gesehen hat, zum Beispiel ehemalige Klassenkameraden vom Anna-Essinger-Gymnasium. Das motiviert sie und lenkt sie ab vom Gefängnisalltag. Der besteht aus 23 Stunden Warten und einer Stunde Hofgang.

Über was haben Sie sonst noch gesprochen?

Gib nicht so viele Interviews, hat sie zu mir gesagt.

Warum?

Sie will nicht, dass ich mich gefährde.

Sind Sie gefährdet?

Klar, habe ich Drohungen bekommen. Vor der Haustür, in sozialen Netzwerken. Ich soll mich bloß nicht erwischen lassen, hieß es.  Oder ich bin als Landesverräter beschimpft worden.

Wie gehen  Sie damit um?

Ich selbst habe kein Problem damit. Ich mache mir nur Sorgen um meine Kinder und meine Frau und die anderen Familienmitglieder. Ich habe mir eine Kamera fürs Haus angeschafft – sicher ist sicher.

Wissen sie inzwischen, was man Ihrer Schwester vorwirft?

Sie soll Mitglied einer terroristischen Vereinigung sein und deren Propaganda verbreitet haben.

Ist dieser Vorwurf für Sie nachvollziehbar?

Nein. Sie hat seit 2014 nur zeitweise in der Türkei gearbeitet. Zuletzt für die (einer marxistisch-leninistischen Partei nahe stehenden, Anm. d. Red.)  Nachrichtenagentur ETHA, für die sie hauptsächlich Artikel übersetzt hat. Später hat sie auch einige Artikel selbst verfasst.

Wie radikal waren diese Artikel?

Es gab keinen, der den türkischen Staatspräsidenten Erdogan kritisierte. Es ging um andere Themen, zum Beispiel die Armenien-Frage.

Ist Ihre Schwester schon immer ein politischer Mensch gewesen?

Demokratische Sozialisten sind wir in unserer Familie alle. Wir sind zwar Kurden, kämpfen aber nicht für ein unabhängiges Kurdistan wie die PKK. Ich selbst habe am wenigsten mit Politik zu tun, aber ich akzeptiere das, was meine Schwester macht. Wir sind in Deutschland geboren und aufgewachsen. Wir wissen, was Demokratie bedeutet. Das hat uns geprägt.

Ist Ihre Schwester Kommunistin?

Nein, das ist sie nicht. Sie steht vor allem für Frauenrechte ein, nehmen wir das Kopftuch. Sie kann es nicht akzeptieren, wenn Frauen gezwungen werden, eines zu tragen. Oder dass Frauen grundsätzlich unterdrückt werden.

Kommen wir zum Prozess. Wer ist im Gerichtssaal dabei?

Soweit ich weiß neben ihrer türkischen Anwältin Kader Tonç auch die beiden deutschen Rechtsanwälte aus Berlin, ein Vertreter des deutschen Konsulats. Und  mein Vater, meine ältere Schwester und einige Cousins.

Sie nicht?

Ich würde, aber dann reise ich nicht mehr zurück, das ist klar.

Glauben Sie an einen fairen Prozess?

Keinesfalls. Es gibt ja nicht mal Akten, nur eine Anklageschrift ohne Beweismittel. Und einen Zeugen ohne Namen mit unbekannter Aussage.

Was machen Sie, wenn Mesale nicht frei gesprochen wird – es stehen ja angeblich bis zu 15 Jahre Haft im Raum?

Sollte sie verurteilt werden, muss die Bundesregierung ihre Auslieferung verlangen. Das erwarten wir. Sie soll dann hier ihre Strafe absitzen, so wie umgekehrt auch türkische Straffällige abgeschoben werden. Das wäre fair. Dann sehen wir weiter.

Hält die Türkei Ihre Schwester als Geisel, um so Druck auf Deutschland auszuüben?

Ja, das denke ich. Dass sie, Deniz Yücel, und all die anderen politische Gefangene sind, ist offensichtlich. Allein wie lange es gedauert hat, bis ein Vertreter der Bundesregierung Mesale besuchen durfte – obwohl sie Deutsche ist. So eine unbedeutende Person hätte den türkischen Staat normalerweise doch gar nicht interessiert. Man weiß doch, dass Erdogan die Auslieferung von Gülen-Anhängern verlangt, die in Frankfurt Asyl beantragt haben. Wenn Deutschland das täte, wäre er  zu Verhandlungen bereit.

Sind Sie da sicher?

Ja. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass etwa die Redaktionsleiterin von ETHA bereits nach einem Monat Haft wieder freigelassen wurde.

Haben Sie Berlin um Unterstützung gebeten?

Wir haben mit Vertretern vieler Parteien gesprochen. Ich hätte mir mehr erwartet. Ein Deniz Yücel von der großen Zeitung „Welt“ hat mehr Aufmerksamkeit bekommen. Er ist Deutschtürke und steht oben, meine Schwester ist Deutsche, aber sie kennt niemand. Nicht mal Amnesty sagt etwas zu ihrem Fall. Trotzdem: Alle setzen sich irgendwie ein, zum Teil war die Freilassung meiner Schwester ja auch Gegenstand von Wahlkampfreden. Ist ja schön. . .

. . . und kostet nichts. Gilt diese Halbherzigkeit auch für die beiden Oberbürgermeister und die Stadtparlamente von Ulm und Neu-Ulm, die außer einer gemeinsamen Erklärung nichts unternommen haben?

Die Städte haben lediglich einen fairen Prozess für Mesale gefordert. Wieso nicht die Freilassung, habe ich in Neu-Ulm nachgefragt. Das gehe nicht. Warum, darauf gab es keine Antwort.

Da wollte eben niemand etwas Falsches machen.

Falsch macht man nur etwas, wenn man nichts macht.

Was werden Sie als erstes tun, wenn ihre Schwester wieder in Freiheit ist?

Ich werde sie umarmen, einfach mal umarmen. Und dann lange darüber reden, was passiert ist.

Programm Heute gibt es für Mesale Tolu in Ulm erstmals eine auf breiten Füßen stehende Solidaritätsveranstaltung. Schirmherr ist OB Gunter Czisch, der auch als Redner auftreten wird. Musikalischer Top-Act ist der Mannheimer Soulsänger Isaac Roosevelt. Neben weiteren musikalischen Gästen sind auch Tolus türkische Anwältin Kader Tonç und Christian Mihr von „Reporter Ohne Grenzen“ dabei. Das Konzert im Kornhaus beginnt um 18 Uhr, Tickets zum Preis von 5 Euro gibt es bei der Aegis Buchhandlung und an der Abendkasse.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Der Fall Mesale Tolu

Seit Ende April 2017 sitzt die deutsche und in Ulm geborene Journalistin Mesale Tolu in einem türkischen Gefängnis. Der Vorwurf: „Terrorpropaganda“ und „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Albi: Edeka übernimmt Mitarbeiter

Der Edeka-Verbund hat am Freitag das komplette Unternehmen der Albi GmbH & Co. KG in Bühlenhausen übernommen. weiter lesen