"Ich vermisse alles" - Interview über den Alltag im Gefängnis

Berthold Mann (Name geändert) sitzt wegen Steuerhinterziehung seit drei Monaten in Haft. Dort vergehen die Tage langsamer als in der Freiheit, sagt er. Ein Grund ist die Gleichförmigkeit des Alltags.

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Die Monotonie im Gefängnisalltag verändert das Zeitempfinden: Die Tage vergehen langsamer, auch wenn man wie der Gefangene Berthold Mann (Name geändert) versucht, sich sinnvoll zu beschäftigen.  Foto: 

Wie viel Zeit müssen sie noch absitzen?
BERTHOLD MANN: Zwischen einem und anderthalb Jahren.

Warum sind Sie ins Gefängnis gekommen?
Wegen eines Wirtschaftsdeliktes, einem Steuerdelikt. Ich kann nicht erklären, was ich gemacht habe. Es ist ein sehr komplexes Thema. Diebstahl oder Betrug war es nicht.

Wie hoch ist die Strafe insgesamt?
Etwas mehr als drei Jahre.

Erinnern Sie sich an die Zeit, in der Sie straffällig geworden sind?
(lacht) - Das Delikt liegt zwischen 12 und 16 Jahren zurück.

So lange?
Die fiskalischen Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen. Es gab Fristen, die noch nicht verjährt waren. Deshalb konnte man mich noch zur Rechenschaft ziehen.

Was haben Sie damals gearbeitet?
Ich bin Akademiker (er will nicht sagen, in welchem Bereich). Ich habe in einer Stadt in Süddeutschland doziert und in der freien Wirtschaft gearbeitet. Ich war auch ein paar Jahre im Ausland.

Waren Sie in U-Haft?
Nur vier Wochen. Ich konnte nicht verstehen warum, mein Verfahren lief ja schon zwei Jahre.

Was macht man da den ganzen Tag?
In der U-Haft macht man nichts. Man hat eine Stunde Hofgang pro Tag. Ansonsten sitzt oder liegt man 23 Stunden irgendwie in der Zelle herum. Das ist der Worst Case für jemandem, der aus dem Arbeitsalltag gerissen ist.

Keine Ablenkung?
Man kann fernsehen, das Gerät muss man allerdings mieten. Sie können auch Bücher beantragen, aber das dauert alles zwei, drei Wochen. Für mich war das zu lange. Da bin ich schon wieder aus der U-Haft raus gewesen.

Waren die Nächte schlimmer?
Man hat kein Schlafbedürfnis, weil man ja nichts tut den ganzen Tag. Irgendwann schläft man doch ein.

Was dachten Sie, als Sie Ihr Urteil gehört haben?
Im ersten Moment war da nur Leere. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, verurteilt zu werden. Ich glaube, ich war schockiert. Irgendwann habe ich es akzeptiert.

Wann haben Sie Ihre Haftstrafe angetreten?
Vor drei Monaten.

Wie sind die Tage vergangen?
Langsamer als in der Freiheit. Ich hab in meinem früheren Leben sehr viel gemacht und gearbeitet. Der Tag war vielschichtig und vielfältig. Es war eine andere Welt.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ich arbeite in der Bücherei, mein Arbeitstag beginnt um 7 Uhr. Jeder Gefangene ist verpflichtet zu arbeiten, es gibt eine Schreinerei, eine Schlosserei, man kann auch Hausdienste übernehmen: putzen, kochen und so weiter. Nach Feierabend gibt es Diskussionsgruppen. Ich nehme an mehreren christlichen Gesprächsgruppen teil.

Was kann man sonst noch tun?
Ich gehe in den Fitnessraum. Ich lese und schreibe sehr viel. Ich schreibe meine Gedanken nieder und schreibe Briefe an Freunde. Alles mit der Hand, Internet und PC gibt es hier nicht.

Wie oft haben Sie Besuch?
Meine Frau darf mich alle zwei Wochen für zweieinhalb Stunden besuchen. Das ist das Highlight, da warte ich richtig drauf. Das sind Glücksmomente für mich hier drin. Wir sitzen hier und reden.

Reichen zweieinhalb Stunden?
Es ist viel zu wenig, aber hier ist es trotzdem besser als in einer geschlossenen Anstalt, wir können uns ja irgendwie frei bewegen.

Was heißt das: frei bewegen?
Die Zellen sind offen, man schließt selbst ab. Wer sich besuchen will auf der Zelle, kann das tun. Wir bewegen uns im Gebäude frei, manche der Häftlinge kochen abends gemeinsam in der Küche oder backen Pizza miteinander.

Wie bekommt man denn die Zutaten dafür?
Es gibt einen Kiosk, der alle zwei Wochen aufmacht: Dort gibt es Olivenöl, Balsamico - die große Auswahl hat man nicht, aber immerhin. Der Einkauf ist wie die Besuche: Er unterbricht die Monotonie. Man erlebt etwas anderes. Stellen sie sich vor, sie würden in ihrem Büro wohnen. Mein Leben findet nur hier statt.

Haben Sie sich dran gewöhnt?
Ich habe mich nicht dran gewöhnt. Das will ich auch nicht. Aber ich versuche mich zu arrangieren. Es ist vielleicht auch eine Frage der persönlichen Leidensfähigkeit und der Einstellung. Ich versuche, die Zeit hier zu nutzen, damit sie zumindest etwas Positives hat.

Wie denn?
Ich versuche, mich weiterzubilden. Ich lese das Times Magazine, das habe ich abonniert, um mein Englisch nicht zu verlernen, und ich lerne noch eine Fremdsprache. Damit hatte ich schon vor meiner Haftstrafe begonnen. Sie ist sehr schwer und hat mit meiner Herkunft zu tun. Langweilig ist mir nicht.

Haben Sie sich geändert hier?
Nein, eher nicht. Ich habe ein stabiles Naturell. Auch das Schreiben hilft mir, das befreit mich. Und die Gesprächsgruppen helfen. Ich treffe dort Leute, mit denen ich etwas anfangen kann.

Was sehen Sie von Ihrem Fenster aus?
Ich sehe den Hof und eine Mauer, aber ich kann auch über die Mauer schauen. Ich sehe Bäume und kann die Jahreszeiten unterscheiden. Manchmal sehe ich Menschen draußen.

Was geht in diesen Momenten in Ihnen vor?
Es frustriert mich nicht, aber es gibt natürlich Momente, in denen ich mir sage: Das wäre jetzt toll, wenn ich beispielsweise bei schönem Wetter mit dem Motorrad nach Italien fahren könnte. Das macht mich schon traurig. Trotzdem ist es mir lieber, ich sehe etwas. Es klingt komisch, aber ein bisschen Freiheit ist auch das.

Wie frei sind Sie in Ihrer Zeiteinteilung?
Auf der Etage kann man so lange aufbleiben wie man will - klar, die Nachtruhe muss eingehalten werden. Am Wochenende wird sie um 17 Uhr abgeschlossen, da muss man halt dort bleiben. Unter der Woche um 21 Uhr. Es gibt feste Essenszeiten, das Frühstück macht sich jeder selbst vor Arbeitsbeginn - die meisten haben Kaffeemaschinen auf der Zelle - um 11.30 Uhr gibt es Mittagessen, aber man kann sich das Essen auch holen und später essen. Um 16 Uhr gibt es Abendbrot, da gilt das gleiche.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor, haben sie Angst?
Ich denke, es wird nicht leicht, aber ich gehe davon aus, dass ich arbeiten kann. Dozieren sicher nicht mehr. Finanziell geht es auch.

Möchten Sie die Zeit zurückdrehen?
Selbstverständlich, wenn ich gewusst hätte, dass das eine Straftat ist, hätte ich sie nicht begangen. Ich hatte schlechte Berater.

Was vermissen Sie am meisten?
Alles. (Pause.) Familie, Freunde, die Unterhaltungen, das Philosophieren - das geht mir schwer ab. Die Freiheit natürlich. Sie ist das höchste Gut. Die meisten machen sich das gar nicht klar.

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Kommentare

17.08.2015 20:59 Uhr

Null Mitleid

Wer wie hier wegen eines Steuerdeliktes zu über 3 Jahren Gefängnis verurteilt wird in unserem Land, hat schwerste Wirtschaftsstraftaten begangen, bei denen es in der Regel um etliche Millionen geht, die dann mal wieder die Ehrlichen bezahlen dürfen.
Ganz offensichtlich aber hält sich dieser Straftäter auch noch für unschuldig und glaubt, er sei etwas Besseres als jeder gewöhnliche Dieb. Das Gegenteil ist der Fall.
Hoffentlich wird ihm jeder Tag sehr, sehr lange. Einsicht ist wohl nicht mehr zu erwarten.
Null Mitleid!

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