Sommerserie „Glück“: Glück auf dem Rücken der Pferde

Reit- und Ergotherapeutin Anja Maurer hilft Menschen, in jeder Hinsicht wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Ihre Pferde unterstützen sie dabei.

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Anja Maurer (37) hatte nach einer kaufmännischen Ausbildung in der hochwertigen Textilbranche und nach Berufsjahren als Abteilungsleiterin nach einem anderen Lebensweg gesucht. 2002 begann sie eine Ausbildung zur Ergotherapeutin und absolvierte 2005 ihr Staatsexamen. Darauf sattelte sie noch die Reittherapeutin drauf. Auf dem Alpaka-Lindenhof in Ludwigsfeld hat sie ihr privates und berufliches Glück gefunden, um mit Menschen, egal welchen Alters und egal mit welchem Hintergrund, gezielt arbeiten zu können.

Frau Maurer, das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde?

Anja Maurer: Auf jeden Fall. Aber meine Patienten gehen, sofern sie dazu in der Lage sind, auch mit zur Koppel, bewegen sich in der freilaufenden kleinen Pferdeherde, führen das Pferd, putzen es. Und dann satteln und reiten wir. Das gehört alles zur Therapie.

Was bewirkt das im Einzelnen?

Jeder Reiter sollte das Pferd als Lebewesen erkennen, sollte schauen, wie es ihm am jeweiligen Tag geht. Wer sich ohne Furcht mit aufrechter Haltung in der Herde bewegt, stärkt sein Selbstbewusstsein. Kinder ohne Handlungsplanung lernen spielerisch: Mit welchem Putzzeug bürste ich das Pferd an welcher Stelle zuerst?

Warum tut therapeutisches Reiten dem Menschen so gut?

Das Pferd läuft wie der Mensch im Kreuzgang. Das heißt, das rechte Vorderbein fußt nahezu gleichzeitig mit dem linken Hinterbein ab, analog das linke Vorderbein mit dem rechten Hinterbein. Wenn der Mensch läuft, schwingen die Arme auch diagonal zu den Beinen mit. Deshalb trainiert die Bewegung des Pferdes automatisch die Muskeln des Reiters, die er beispielsweise nach einem Unfall wieder zum selbstständigen Gehen braucht. Außerdem wird allmählich die Körperspannung aufgebaut.

Wie reagieren die Patienten auf dem Pferderücken?

Sie gehen auf im Tun, sie lachen, sie strahlen, erst recht, wenn sie sich nicht anders äußern können, weil sie geistig behindert sind. Ist es ein rein körperliches Handicap, spüren sie die Wirkung der Therapie noch die ganze Woche.

Was empfinden Sie selbst dabei?

Das gibt mir viel. Ich hatte  schon bei meiner Ausbildung gemerkt, dass die Arbeit mit dem Patienten am Pferd sehr wertvoll ist. Und der ganze Umgang mit den Tieren macht Erwachsenen wie Kindern auch mehr Spaß, als bei der Krankengymnastik 20-mal dieselbe Bewegung zu machen.

Die nächste Frage stellten wir der Patientin Sabrina aus Ulm. Die 25-Jährige muss nach einem Unfall wieder lernen, ohne Rollator gehen zu können.

Sabrina, was ist für Sie Glück auf dem Rücken der Stute „Dessy“?

Die Nähe zum Tier beruhigt und erdet mich, ich bin frei, und beim Reiten sieht man mein Handicap nicht. Die Mittwochstunde ist der Lichtpunkt der ganzen Woche. Denn hier sind alle so freundlich. Im Alltag gucken die Leute halt. Auch körperlich fühle mich noch eine ganze Weile wohl.

Frau Maurer, wer kommt noch alles zu Ihnen zur Reittherapie?

Ich arbeite mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Ulm zusammen. Kinder, die auffällig sind in ihrem Sozialverhalten, sollten eine Beziehung zum Tier aufbauen. Einfach absteigen und weggehen, gibt es nicht, vorher wird das Pferd gelobt. Unruhigen Kindern nimmt man das Chaos in ihnen: Plötzlich sitzen sie ruhig im Sattel, müssen sich auf ihren Sitz konzentrieren. Kinder, die von einem auf den anderen Tag nicht mehr sprechen wollten, frage ich jeweils, wo ich das Pferd hinführen soll. Da sie ja eigentlich weiterreiten wollen, müsse sie mir die Richtung nennen, und nach und nach kommt die Konversation wieder.

Was ist Glück für Sie persönlich?

Glück kommt von innen, das muss man sich erarbeiten. Glücklichsein ist kein Spektakel wie ein Sechser im Lotto. Sondern dazu gehört auch Zufriedenheit. Heutzutage steht das Konsumieren im Vordergrund, jedoch hält die Freude an einem neuen Auto nicht lange an. Ich habe hier auf dem Lindenhof vor acht Jahren mein Glück gefunden – und meinen Bernd geheiratet. Unsere Tochter Josefine ist 20 Monate alt und steht mit mir ganz früh auf. Dann die Sonne aufgehen zu sehen beim Ausmisten der Ställe ist einfach toll.

Sind Ihre Pferde auch glücklich?

Ich denke ja. Sie sind meine Mitarbeiter, deshalb tue ich alles, dass sie zufrieden sind: Sie werden artgerecht gehalten im Offenstall, haben 24 Stunden lang Zugang zum Heu, werden gefüttert und gepflegt. Und ich reite und gymnastiziere sie, damit sie selbst Muskeln aufbauen können. Meine Pferde spüren sofort, wenn ein Kind angespannt auf ihrem Rücken sitzt. Sobald sie wieder auf die Weide dürfen, buckeln sie, um die eigene Anspannung loszuwerden.

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