"Ein 'Hallo' reicht schon" - Spendenaktion für Flüchtlinge

Der Ulmer Jan Hettich ruft auf Facebook dazu auf, Flüchtlinge in der Römerstraße mit Spenden zu unterstützen. Der 24-Jährige wünscht sich, dass mehr Verständnis für Flüchtlinge aufgebracht wird. Im Interview erzählt Hettich, was ihn zu der Aktion bewogen hat.

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Jan Hettich hat eine Facebookseite mit dem Namen "Menschlichkeit" ins Leben gerufen. Auf ihr hat er ein Bild gepostet mit der Aufschrift: "Es gibt nicht zu viele Flüchtlinge, sondern zu viele Rassisten." Damit ist seine Position klar. Dem 24-jährigen Ulmer gehen die Hetzsprüche in den Sozialen Netzwerken gegen Flüchtlinge auf gut Deutsch "auf den Sack". Aus diesem Grund hat er eine Spendenaktion auf die Beine gestellt. Am Samstag lädt er alle dazu ein, ab 15 Uhr Dinge, die sie entbehren können, den Flüchtlingen in der Römerstraße 124 vorbei zu bringen. 

Die Sprüche auf Facebook gegen Flüchtlinge waren der Auslöser für Ihre Aktion?
JAN HETTICH: Ja. Mich hat das wütend gemacht. So viele Hetzen gegen Flüchtlinge. Ich habe dann in einem Video auf Facebook die Leute angesprochen und ihnen gesagt, was ich davon halte. Die haben keine Ahnung, wie Flüchtlinge hier leben müssen. Die Menschen hausen zu acht oder zu zehnt in einem Zimmer. Sie hocken immer aufeinander. Die ganzen Hetzer sollten mal nur eine Nacht in der Römerstraße verbringen, dann würden sie ihre Meinung vielleicht ändern. Ich lebe nach dem Motto: Hand aufs Herz und mit Verstand durchs Leben. Flüchtlinge sind Menschen. Darum geht es mir: um Menschlichkeit. 

Deshalb haben Sie Ihrer Facebookseite auch den Titel "Menschlichkeit" gegeben. Welche Reaktionen haben Sie auf Ihr Video bekommen?
HETTICH: Die waren durchweg positiv. Das hat mich selbst überrascht und gleichzeitig zu der Spendenaktion ermutigt. Mir haben viele Leute geschrieben und gefragt, wie sie helfen können und was sie spenden sollen. 

Was haben Sie geantwortet?
HETTICH: Alles. Alles, was man im Haushalt braucht. Geschirr, Betten, Spielsachen. Die Menschen haben nichts. Sie leben in Containern und bauen sich aus allem möglichen das, was sie brauchen. Ich habe vor kurzem Möbel von meinen Verwandten übernommen und mein Wohnzimmer damit neu eingerichtet. Meine alten Sachen brauchte ich nicht mehr. Da habe ich zu den Flüchtlingen gesagt: 'Alles, was hier drin steht, könnt ihr haben'. Und sie haben alles dankbar mitgenommen. 

Warum setzen Sie sich so für die Flüchtlinge in der Römerstraße ein?
HETTICH: Ich wohne dort seit zwei Jahren und sehe, wie die Menschen dort leben müssen. Ich spreche mit ihnen, beschäftige mich mit ihnen. 

Sie haben sich mit den Flüchtlingen angefreundet. Wie gehen Sie aufeinander zu?
HETTICH: Indem ich sie einfach grüße. Ein 'Hallo' reicht schon. So kommt man ins Gespräch. Sie fragen mich dann, ob ich ihnen helfen kann, ob ich ihnen ein Formular übersetzen kann oder, ob ich weiß, wo sie Arbeit finden können. Die Leute sind sehr dankbar, dass einfach jemand da ist, den sie fragen können. 

Erzählen sie Ihnen ihre Geschichten - Woher sie kommen? Was sie erlebt haben?
HETTICH: Ein kleines Mädchen, sie ist acht Jahre alt, hat mir erzählt, wie sie ihre Familie verloren hat. Die Menschen kommen aus Serbien, Afrika, der Türkei und Afghanistan. Sie kommen aus ganz unterschiedlichen Regionen und haben auch ganz Unterschiedliches erlebt. Oft fragen sie mich, warum die Deutschen zu ihnen so ablehnend sind. Die bekommen das ja auch mit, dass viele Personen gegen Flüchtlinge hetzen. Besonders in den Sozialen Netzwerken. Das macht mich traurig. 

Was erhoffen Sie sich von Ihrer Aktion?
HETTICH: Es geht mir um das Verständnis füreinander. Es würde mir schon reichen, wenn am Samstag nur fünf Personen kommen würden und sich mit den Flüchtlingen unterhalten. Mir ist wichtig, zu zeigen, dass sich die Ulmer für die Flüchtlinge interessieren. 

Zur Person: Jan Hettich hat eine Ausbildung bei der Bundeswehr gemacht. Im Moment ist er freigestellt und will sich für eine Stelle als Sanitäter bewerben. Am Sonntag hat Hettich seine Facebookseite "Menschlichkeit" ins Leben gerufen. Knapp 140 Fans (Stand Donnerstag, 13.30 Uhr) hat er schon gewonnen. 

Info: Am Samstag, den 22. August, 15 Uhr, treffen sich alle, die den Flüchtlingen etwas spenden wollen, in der Römerstraße 124. 

 

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