„Dogville“ am Theater Ulm: Manchmal ist weniger nur weniger

Weniger ist mehr? Manchmal ist es auch einfach zu wenig. Etwa in Andreas von Studnitz‘ reduzierter Inszenierung von „Dogville“ nach Lars von Triers Film.

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Eskalation in „Dogville“: Fabian Gröver und Sidonie von Krosigk.  Foto: 

Jetzt schlägt’s aber 13. Die 13 Erwachsenen in Dogville haben dafür gestimmt, eine Frau, die sich in ihren Ort geflüchtet hat, Unterschlupf zu gewähren. Damit beginnt ein böser Reigen um Schuld und Sühne, Falschheit und Selbstgerechtigkeit. 13 Mal schlägt die Glocke – und damit auch schon bald Dogvilles letztes Stündlein.

Diese Glocke ist eine der wenigen Requisiten in Andreas von Studnitz‘ Inszenierung von „Dog­ville“, Christian Lollikes Bühnenfassung von Lars von Triers Film, die am Donnerstagabend am Theater Ulm Premiere feierte. Der dänische Regisseur hatte 2003 eine von Brechts epischem Theater inspirierte Kulisse im Studio aufbauen lassen und dort sein Moralitäten-Spiel inszeniert, mit Nicole Kidman als Grace.

Diese Grace verschlägt es also auf der Flucht in das abgelegene Dogville: sieben Häuser am amerikanischen Ende der Welt. Die Einwohner reagieren ablehnend, doch der Möchtegernautor Tom überredet alle, Grace bleiben zu lassen – wenn sie dafür arbeitet. Als klar wird, dass Grace gesucht wird, darf sie trotzdem bleiben – wenn sie noch mehr anpackt. Doch als herauskommt, dass sie eine Kriminelle ist, kippt die Stimmung: Nach und nach vergehen sich alle an ihr. Immer höher wird der Preis, den sie dafür zahlt, nicht verraten zu werden. Dabei ist sie längst verraten worden: als Mensch. Selbst Tom agiert aus Eigennutz. Schließlich tauchen die Gangster auf, siehe da: Grace ist die Tochter des Bosses. Das Blatt wendet sich ein letztes Mal.

Lars von Trier hatte Dogville abstrakt mit Kreidestrichen und Schriftzügen auf dem Boden erschaffen, mit Requisiten wie Möbeln, Geschirr und Büchern Räume definiert. Unsichtbare Türen knarzten, Vögel zwitscherten, Regen prasselte. Dieses Theater der Verfremdungseffekte wurde dann – Triers besonderer Kniff – filmisch gestaltet. Das ergab gewiss keinen Naturalismus, denn das Artifizielle und das Abstrakte wurden so noch betont. Und doch führten die intensiven Nahaufnahmen und die Montage zu einer Melodramatisierung.

Diese reizvollen Irritationen entfallen zwangsläufig, wenn  man das Theater-als-Film-Werk als pures Theater auf die Bühne bringt. Doch von Studnitz setzt auf eine weitere Reduktion der Mittel. Und weniger ist manchmal tatsächlich nur weniger.

Sein Dogville ist ein Bühnen-­Carré (Mona Hapke), auf dem die Familien anfangs als Sitzgruppen drapiert sind. An Requisiten gibt es außer Stühlen und Glocke ein Klavier und ein Bett. Geräusche werden sparsam eingesetzt, dafür ist der Hund Moses, der im Film nur bellend zu hören und erst in der allerletzten Einstellung zu sehen ist, in Ulm gleich lebendig auf der Bühne.

Die ausgiebigen Texte des Film-­Erzählers werden eingeblendet oder von den Akteuren aufgesagt. Da ist Jakob Egger in der Rolle des Tom zu sehen, um gleich als Erzähler über Tom zu sprechen. Der passionshafte Barock-­Soundtrack des Films wird durch eigene Klangschöpfungen ersetzt: von Studnitz statt Vivaldi, mal sphärisches Klimpern, mal Italowestern-Gitarre.

Wenn in einer so skelettierten Versuchsanordnung Lügen und Egoismus, Heuchelei und Opportunismus, Verrat und Gewalt verhandelt werden,  müssen Sprache  und Figuren das Drama tragen. Doch dafür ist „Dogville“ zu spannungsarm und statisch inszeniert. Die Figuren verkörpern einzelne negative Charakterzüge, selbst Grace ist mehr Funktionsträger denn Mensch aus Fleisch und Blut. Doch hat Sidonie von Krosigk die Präsenz und Ausstrahlung, um als Zentrum des Abends zu bestehen. Sie sticht hervor, nicht nur dank Blümchenkleid und roten Schuhen (Kostüme: Gabriele Frauendorf).

Eindimensionale Menschen

Doch um sie herum sind kaum Gestalten, die plastisch wirken. Klar, Jakob Egger tut viel, um Tom zu einem echten Gegenüber von Grace zu machen. Timo Ben Schöfer als eigennütziger Lasterfahrer Ben und Fabian Gröver als übergriffiger Apfelbauer Chuck haben ihre Momente. Doch mehr geben all die eindimensionalen Menschen von Dog­ville nicht her, zudem hat von Studnitz bei der Besetzung – im Ensemble sind etliche Gäste – nicht durchgehend ein glückliches Händchen. Das schließt seinen eigenen ungenauen Auftritt als Gangster-Boss mit ein: Den zentralen Dialog zwischen Vater und Tochter vor dem Finale verschenkt er.

Was bleibt, ist eine maue mis­anthrope Menschenbetrachtung, in der von Triers paradoxe Dialektik für ein paar zynische Lacher oder Augenblicke des Abgestoßenseins gut ist, aber nicht für zwei bannende Theaterstunden.

Termine „Dogville“ wird am Theater Ulm am heutigen Samstag gespielt, dann am 12., 14., 22. und 24. Oktober. Bis kurz vor Weihnachten gibt es noch acht weitere Auffühhrungen.

DVD Wer sich den dreistündigen Film, der 2003 in Cannes für Furore sorgte und für den Lars von Trier den Europäischen Filmpreis als bester Regisseur bekam, anschauen möchte: Die DVD ist bei Concorde Video erschienen.

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