„Die Vollstreckerin des politischen Erbes“ – Inge Aicher-Scholl, Gründerin der vh

Trotz, vielleicht auch wegen aller Widersprüche und Eigenheiten war Inge Aicher-Scholl eine beeindruckende Persönlichkeit. Die Gründerin und langjährige Leiterin der vh wäre heute 100 Jahre alt geworden.

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  • „Wir vergessen Euch nicht!“ Inge Aicher-Scholl spricht auf einer Gedenkfeier zehn Jahre nach der Hinrichtung ihrer Geschwister im Februar 1953 in Stuttgart. 1/4
    „Wir vergessen Euch nicht!“ Inge Aicher-Scholl spricht auf einer Gedenkfeier zehn Jahre nach der Hinrichtung ihrer Geschwister im Februar 1953 in Stuttgart. Foto: 
  • 50-Jahr-Feier der vh Ulm: Inge Aicher-Scholl (Mitte) mit Hildegard Hamm-Brücher (links) und vh-Leiterin Dr. Dagmar Engels. 2/4
    50-Jahr-Feier der vh Ulm: Inge Aicher-Scholl (Mitte) mit Hildegard Hamm-Brücher (links) und vh-Leiterin Dr. Dagmar Engels. Foto: 
  • OB Ivo Gönner überreicht an Schwörmontag 1997 Inge Aicher-Scholl die Ehrenbürgerurkunde. 3/4
    OB Ivo Gönner überreicht an Schwörmontag 1997 Inge Aicher-Scholl die Ehrenbürgerurkunde. Foto: 
  • Als die vh-Leiterin Inge Aicher-Scholl 1974 verabschiedet wird, hält Nobelpreisträger Werner Heisenberg den Festvortrag. 4/4
    Als die vh-Leiterin Inge Aicher-Scholl 1974 verabschiedet wird, hält Nobelpreisträger Werner Heisenberg den Festvortrag. Foto: 
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Wir brauchen leuchtende Sterne, damit wir die Dunkelheit erhellen, in die wir gefallen sind, gefallen vielleicht noch tiefer im Geistigen als im Materiellen. Jedenfalls sind die geistigen Fundamente ins Wanken geraten, ehe das Haus zusammenstürzte ... Wir müssen völlig neue Wege suchen, wenn uns der geistige Wiederaufbau gelingen soll.“

Mit diesen programmatischen Sätzen wandte sich die Volkshochschule Ulm im April 1946 an die Öffentlichkeit, unterschrieben hatte das Kuratorium, dem unter anderem Kurt Fried, Wilhelm Geyer und Otl Aicher angehörten, und die Leiterin. Das war eine junge Frau: Inge Scholl. Sie, gerade mal 28 Jahre alt, hatte eigentlich Geschichte und Soziologie in München studieren wollen. Dass sie in Ulm blieb, war Otl Aichers Überzeugungskunst geschuldet. „Wenn du eine Volkshochschule aufbaust, das ist mehr als ein Studium. Da hast du, da lernst du viel mehr.“ Sie blieb in Ulm. Sie lernte nicht nur Geschichte und Soziologie, sie studierte alle Fächer, vor allem aber eines: den Menschen. Sie heiratete Otl Aicher und brachte fünf Kinder zur Welt. Und sie blieb länger als ein Vierteljahrhundert Leiterin der vh. Genau gesagt: bis 1974. Danach sollte sie nur noch sporadisch in Ulm auftauchen; Rotis, zu Leutkirch gehörig, sollte ihr Lebensmittelpunkt werden. Dort starb sie am 4. September 1998. Heute wäre Inge Aicher-Scholl 100 Jahre alt geworden.

Wer aber war Inge Aicher-Scholl? Die Bezeichnung „sanfte Gewalt“, die ihr wer auch immer verlieh, kam sicherlich nicht von ungefähr. Sanft, still, bescheiden, behutsam, vorsichtig – Attribute, die Weggefährten ihr zuschrieben. Auf der einen Seite. Auf der anderen Seite galt sie als stark, durchsetzungsfähig, konsequent, beharrlich, eigenwillig, unermüdlich. Eine sanfte Gewalt eben. In einem Interview drei Jahre vor ihrem Tod kokettierte sie mit ihrem Beinamen: „Warum ich den schönen Titel ,die sanfte Gewalt’ bekommen hab’, weiß ich heut’ auch nimmer. Aber das ist mir geblieben, und ich find’ ihn nicht schlecht.“

Treffenderweise heißt denn auch der Titel der Monographie, die Christine Abele-Aicher 2012 publiziert hat „Die sanfte Gewalt. Erinnerungen an Inge Aicher-Scholl“. Darin nähern sich Weggefährten der vh-Gründerin aus verschiedenen Blickwinkeln. Sehr präzise und mit feinem Gespür für das Hintergrundrauschen wird sie von Hildegard Hamm-Brücher charakterisiert. „Bei aller Sanftheit ihres Wesens war sie unglaublich zäh, in moralischen Fragen unerbittlich. Dann verstand sie sich – selbst für ihre Freunde – als einzige Vollstreckerin des politischen Erbes ihrer Geschwister.“ Kern dieses Zitats: Ohne Hans und Sophie Scholl, ohne die Weiße Rose ist die Arbeit der ältesten der fünf Geschwister, Inge Scholl, nicht zu denken. Deren Widerstand gegen den Nationalsozialismus war ihr stets Motivation. Deren Tod durch das Fallbeil im Februar 1943 war ihr Triebfeder. Inge Aicher-Scholl habe die „politische und moralische Erblast des Opfertodes ihrer Geschwister“ in ihr eigenes Leben getragen und als Verpflichtung gesehen, so Hamm-Brücher weiter. Als Verpflichtung, mit der vh den Nährboden für den Aufbau der Demokratie zu schaffen. „Aus der eingewalzten Masse mussten wieder freie, lebendige, aufgeschlossene und selbstbewusste Menschen werden“, sollte Inge Aicher-Scholl rückblickend notieren.

Die stille Autorität – so wurde sie von Erhard Eppler bezeichnet. Laut zu sein, danach war ihr nicht. Auch das ist vor dem Hintergrund, was die Nationalsozialisten den Scholls angetan haben, zu verstehen. Die ganze Familie kam nach der Ermordung von Hans und Sophie monatelang in Sippenhaft. Der „Ulmer Sturm“ hatte mit der Überschrift „Wie lange noch Scholl?“ gehetzt, bis die Familie in den Südschwarzwald floh. Sollte sie jetzt, nach dem Krieg, laut auftreten? Bei vielen Ulmern hallte immer noch eines nach: dass die Scholl-Geschwister ja auch mal zu den fanatischen Hitler-Anhängern zählten. Dass Inge Scholl und ihr Vater Robert, der nach 1945 übergangsweise als OB fungierte, gegen Diffamierungen übelster Art, teilweise in offenen Hass gipfelnd, anzukämpfen hatten, das ist überliefert.

Im Geiste der Gemordeten zu handeln, davon sei Inge Aicher-Scholl stets überzeugt gewesen, schreibt Barbara Schüler, die über die Weiße Rose und ihre Wirkung in der Nachkriegszeit promovierte und die vh-Gründerin durchaus kritisch betrachtet. „Dabei lebte sie nicht nur das Leben ihrer Geschwister weiter, sondern durchaus auch ihr eigenes, auch wenn sich für den Außenstehenden die Grenzen zwischen beiden nicht immer klar erkennen lassen: Sie lieh den Ermordeten selbstlos ihre Stimme und sie benutzte Hans und Sophie als unangreifbare Autoritäten des Widerstands auch für eigene Ideen und Projekte.“

Klar ist: Mit dem Buch „Die Weiße Rose“ schuf Inge-Aicher-Scholl schon früh eine der einflussreichsten Darstellungen zur Geschichte des Widerstands, wenngleich sie darin, wie der Historiker Frank Raberg schreibt, die Rolle ihrer Geschwister idealisiert überhöhte. Ob der Widerstand der Scholls, Probsts und Hubers ansonsten dem Vergessen anheimgefallen wäre? Dass heute noch über die Weiße Rose gesprochen werde, sei „eindeutig Inges Verdienst“ , sagte ihre Schwester Elisabeth in einem Interview. Die Publikation, die in viele Sprachen übersetzt und millionenfach gelesen wurde, war das zwischen Buchdeckeln gefasste Vermächtnis von Hans und Sophie. Darüber wachte Inge Aicher-Scholl, dafür beanspruchte sie die Deutungshoheit. Historiker bissen sich an ihr die Zähne aus. Wenn es um die Weiße Rose ging, antwortete sie einsilbig, hielt Quellen zurück und korrigierte Manuskripte. Wie bei Dr. Silvester Lechner, dem ehemaligen Leiter des Dokumentationszentrums, geschehen. Er sollte später diese emotionale Befindlichkeit als „tiefe Traumatisierung“ skizzieren, als „Griff in ihre Intimität“, wenn Außenstehende – und das war für sie jeder ­– über Leben und Taten ihrer Geschwister schrieb. Sie war, wie Hermann Vinke, Autor des Jugendbuches „Das kurze Leben der Sophie Scholl“, anmerkt: „die Hüterin des Erinnerungsschatzes“.

Gleichwohl, ihre Stimme zählte, sie war eine der prägenden Persönlichkeiten im Nachkriegs-Ulm. Nicht nur, was die vh anging, die unter ihrer Leitung zu den lebendigsten und erfolgreichsten ihrer Art zählte. Sondern auch, was die Hochschule für Gestaltung (HfG) betraf, die sie mit ihrem Mann Otl Aicher mitbegründete. Sie setzte sich schon früh für eine Gedenkstätte im Fort Oberer Kuhberg ein; sie war, was kaum jemand weiß, Mitgründerin der Ortsgruppe Ulm „Lebenshilfe für das behinderte Kind“ – auch aus eigener Betroffenheit heraus: Ihre erstgeborene Tochter Eva litt am Down-Syndrom. Sie organisierte Ostermärsche gegen den Krieg, in den 80er Jahren beteiligte sich Inge Aicher-Scholl an der Blockade des US-Militärdepots in Mutlangen. Vor dem Amtsgericht Schwäbisch Gmünd verteidigte sie sich unter anderem mit einem Zitat aus einem der Flugblätter der Weißen Rose: „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um Euer Herz gelegt! Entscheidet Euch, ehe es zu spät ist!“

Hans und Sophie waren Inge Aicher-Scholl stets Mahnung – und Aufgabe zugleich.

Lesung I Aus Anlass des 100. Geburtstages von Inge Aicher-Scholl liest Christine Abele-Aicher, Ehefrau von Inge Aicher-Scholls Sohn Julian, heute, 11. August, aus ihrem Buch „Die sanfte Gewalt“. Die Veranstaltung findet im Leutkircher „Museum im Bock“ statt, Einlass ist um 19.30 Uhr, Beginn um 20 Uhr.

Lesung II Im kleinen Hörsaal der HfG werden in der Kulturnacht am Samstag, 16. September, Briefe von Inge Aicher-Scholl vorgetragen. 17, 18, 19 und 20 Uhr.

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Kommentare

11.08.2017 09:39 Uhr

Die heutige Ulmer Volkshochschule spottet unausgesprochen ihrer Gründerin

Vor über zehn Jahren bewarb ich mich auf eine von der Ulmer Volkshochschule (vh) öffentlich ausgeschriebene Stelle. Bis heute sind mir die Gründe, weshalb mich die vh damals als Dozent der Frauenakademie abwies, nicht bekannt. Bedenkt man, dass die von mir gewonnenen Erkenntnisse zur Frage, wodurch die von Freud so bezeichnete und von Adorno kritisierte "Lebensnot" überwunden werden kann, zumindest wissenschaftlich nicht zu widerlegen und daher auch künftig keinesfalls hinfällig sind, erstaunt es über alle Maße hinweg, welche Willkür sich die dortige Leitung heutzutage inzwischen leistet. Ob Frau Inge Aicher-Scholl als ihre Gründerin so etwas goutiert hätte, scheint wenig wahrscheinlich zu sein. Sie hätte sonst ihre eigenen Einlassungen vom April 1946 ad absurdum führen müssen.

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