"Die schönste Zeit war Ulm"

Lange Zeit war Adolf Kern nur ein Begriff im Stadtarchiv Ulm. Bis Siegfried Gmeiner und Thomas Müller ihn entdeckten. Nun widmete das Scherer-Ensemble ihm ein ganzes Konzert. Es hat sich gelohnt.

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So richtig unter die Haut ging die Zugabe: Ein melodiöser, ruhig dahin fließender Choral, den Adolf Kern 1929 für die Synagoge geschrieben hatte und der mit seinen sanft gesummten Schlusstakten wie ein Abendlied, um nicht zu sagen wie ein Abgesang klang. Die Stille danach sprach Bände. Dann spendeten rund 90 Konzertbesucher in der Wengenkirche dem hervorragenden Scherer-Ensemble mit den Solisten Jochen Anger (Saxophon) und Oliver Scheffels (Orgel, Klavier) langen Beifall. Vor allem auch der vielseitigen Musik Adolf Kerns.

Adolf Kern? Bereits 2006 stieß der Organist und Lehrer Siggi Gmeiner im Ulmer Stadtarchiv auf den Namen. Weitere Recherchen und erste Einsichten in die Werke Adolf Kerns bei dessen Tochter Anne in Karlsruhe machten ihn neugierig. Vor fünf Jahren führte er bei zwei Konzerten ein Chorwerk des Komponisten auf, das nun erneut in der Wengenkirche erklang: "Suchet den Ewigen". Um diese Zeit begann auch Thomas Müller, Leiter des Scherer-Ensembles und passionierter Erforscher meist unbekannter regionaler Komponisten, sich intensiv mit Adolf Kern zu befassen. Und wenn Thomas Müller Feuer gefangen hat, bremst ihn nichts.

Heute liegen unendlich viele Stunden im Stadtarchiv, im Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg und bei der Tochter Anne Kern mit der Durchsicht alter Dokumente und des Werknachlasses hinter ihm. 2013 stellte er mit seinem Scherer-Ensemble einige Werke Kerns vor, jetzt ließ er einen reinen Kern-Abend folgen, aufgegliedert in zwei Konzertteile mit zwölf unterschiedlichsten Werken und einem von Nicola Wenge vom Dokumentationszentrum geschickt moderierten Podiumsgespräch mit der Tochter Kerns. Anne Kern, die mit ihren Brüdern Georg und Heinrich angereist kam, verbarg ihre Freude nicht: Es sei das erste Mal, sagte sie, dass ein Konzert ausschließlich ihrem Vater gewidmet sei. Doch obwohl er nur knappe sechs Jahre, von 1927 bis 1933, in Ulm lebte, habe er oft betont: "Die schönste Zeit in meinem Leben war Ulm!"

Als Adolf Kern jene bewegende Choral-Zugabe für die Synagoge schrieb, war er gerade zwei Jahre in Ulm und trotz seines jungen Alters von 22 Jahren bereits Organist am Münster und Kantor an der Synagoge und der Petruskirche Neu-Ulm. Später, um 1930, wurde er zudem als Kapellmeister am Ulmer Theater verpflichtet und damit Kollege Herbert von Karajans.

Vom braunen Grauen, das auf die jüdische Gemeinde zukommen sollte, dürfte er zu dieser Zeit kaum etwas geahnt haben. Aber schon damals hasste er "Militärparaden, Uniformen und Blasmusik", was zum lebenslangen Zerwürfnis mit seinem Vater beitrug. Der junge Musiker, der während seiner Ulmer Jahre an der Musikhochschule Stuttgart seine Examen absolvierte, pflegte enge Kontakte zu jüdischen Familien in Ulm, organisierte gemeinsame Musikprojekte mit jüdischen und christlichen Ulmern und widmete einige seiner Werke jungen Jüdinnen, wie etwa "Klärle", ein spaßig-frivoles Liebesgeständnis, das Thomas Müller genauso sang.

Überhaupt muss dieser Adolf Kern ein Allround-Talent gewesen sein, mit besonderem Talent fürs Kabarettistische, und einer, der für alle Anlässe etwas komponieren konnte.

Sein Hauptanliegen jedoch, erzählte Anne Kern, war, "für Kinder und Jugendliche schöne und spielbare Werke zu schreiben". Auch davon gab das Wengenkonzert mit der originellen "Kleinen Suite für Altsaxophon und Klavier" und einer Auswahl aus den formal an Bach angelehnten "24 Stücken durch alle Tonarten für Klavier" beredt Zeugnis.

Deutlich konnten die Zuhörer auch verfolgen, wie sich der Stil Kerns im Laufe der Zeit gewandelt hat: vom spätromantischen Tonfall der zwanziger Jahre bis zur gemäßigten Moderne nach dem Krieg. "Modeströmungen und Experimente", so Anne Kern, interessierten ihn nicht. Und doch sind die 1973 entstandenen "Predigerchöre a cappella" überaus komplexe, harmonisch wie rhythmisch hochdiffizile Werke, denen nur ein geschulter Chor gewachsen ist. Das Scherer-Ensemble meisterte die vier fesselnden Gesänge souverän.

Nach dem Krieg Hochschullehrer in Schwäbisch Gmünd

Vita Nach seinen Ulmer Jahren lebte Kern als Volksschullehrer in Biberach, wurde dann in den Krieg eingezogen und kam 1943 ins Lazarett nach Schwäbisch Gmünd. Dort lehrte er an der Pädagogischen Hochschule Musikerziehung und Didaktik. Seine Tochter Anne Kern vertreibt in ihrem Aka-Musikverlag viele seiner wichtigsten Werke.

Konzert Am 23. August gibt Siggi Gmeiner in der Pauluskirche ein Konzert mit Ulmer Orgelwerken, darunter ist eine Sonate von Adolf Kern, die der Komponist 1942 im Ulmer Münster uraufgeführt hat.

 

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