"Das Leben ist zum Sterben da"

Als Hitler an die Macht kam, war sie schon erwachsen, als Brandt zurücktrat, stand sie vor der Rente. Maria Burgi, DGB-Ehrenmitglied, hat viel erlebt. Ein Gespräch über Zeit mit einer 102-jährigen Zeitzeugin.

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Seit drei Jahren lebt Maria Burgi im Dreifaltigkeitshof am Donauufer. Einen strikten Tagesablauf hat sie nicht. "Ich nehm' es, wie es kommt."  Foto: 

Alte Menschen schwärmen oft von der guten alten Zeit. Sie auch?

MARIA BURGI (seufzt): Wenn man wie ich zwei Weltkriege mitgemacht hat, die Inflation, den Wiederaufbau, dann bleibt wenig übrig von guter alter Zeit. Die alte Zeit war vor allem anstrengend und aufregend. Besser geworden ist es erst gegen Ende der 50er Jahre, aber da war ich schon im mittleren Alter.

Keine guten Erinnerungen an die Kindheit?

BURGI: Meine Kindheit war streng. Ich hatte einen herrischen Vater. Er war Soldat bei den Pionieren und hatte eine Reitgerte im Stiefel stecken. Wenn ihm was nicht passte, hat er sie rausgezogen und uns eine geschmiert. Der konnte gut mit Gäulen, aber nicht mit Kindern.

Was hat ihm denn alles nicht gepasst?

BURGI: Zum Beispiel wenn ich mal zwei Minuten zu spät von der Schule kam. Da ist er gleich rausgekommen und es hat eine gesetzt. Ich war halt auch die Älteste. Meine Geschwister waren alle deutlich jünger.

Was ist Ihre erste Erinnerung im Leben?

BURGI: Ich sehe das Bild, wie mein Vater mit einem voll gefüllten Rucksack vom Feld kommt und in der Stube steht. Wir haben als Familie in einem einzigen Zimmer gewohnt, auf dem Seelengraben.

Wenn Sie könnten: Welche Zeit würden Sie gerne nochmal durchleben?

BURGI: Die Zeit, als ich zwischen 16 und 20 war. Da war ich in der SPD-Arbeiterjugend, das waren meine schönsten Jahre, die Jahre im Spatzennest. Wir waren kameradschaftlich. Wir haben Arbeiterlieder gesungen und ein bisserl politisiert.

Nicht ganz ungefährlich damals.

BURGI: Ja. Ich kann mich erinnern, wie die Nazis mit Knüppeln in der Frauenstraße standen und auf uns gewartet haben. Wir sind die Heimstraße runtergerannt. Ich hatte Todesangst.

Wie denken Sie über die heutige Zeit?

BURGI: Die ist gut. Ich habe keine Sorge. Zumindest in Deutschland sind wir doch gut dran. Da kann man was draus machen. Die Krisen und Kriege in der Welt sind weniger schön, ich denke an die ganzen Flüchtlinge. Alles, was laufen kann, will zu uns. Aber irgendwo müssen die Menschen ja hin.

Geht die Zeit für Sie im hohen Alter langsamer herum?

BURGI: Ja.

Wie sieht Ihr Tag aus?

BURGI: Ich gehe noch regelmäßig zur Arbeiterwohlfahrt, da bin ich seit 61 Jahren Mitglied. Hier im Dreifaltigkeitshof habe ich keinen geregelten Tagesablauf. Ich passe mich der Zeit an.

Was heißt das?

BURGI: Wenn einer kommt und sagt, da ist ein Vortrag, gehe ich da hin. Oder zum Singen. Ich mache überall ein bisschen mit, so wie's grad' kommt. Morgens beim Aufstehen überlege ich mir immer dreimal: Soll ich raus aus dem Bett oder nicht? Meistens schaffe ich es dann doch. Dann wasch' ich mich und spring' nackert durchs Zimmer - ich gucke vorher natürlich, dass die Tür zu ist (lacht). Danach leg ich mich meistens noch mal hin, bis es unten Kaffee gibt. Dann läuft die Gosch. Es muss halt einer da sein, der schwätzt. Sonst gehst Du ein.

Wie haben Sie es geschafft, die vielen Verluste in Ihrem Leben zu ertragen?

BURGI: Das schafft man in dem Moment, wo einem klar wird: Das Leben hört einfach auf. Beim einen früher, beim anderen später. Das Leben ist eben zum Sterben da.

Hat Ihnen der Glaube an irgendetwas das Leben erleichtert?

BURGI: Ich bin als junges Mädchen im christlichen Mädchenverein gewesen. Da hat man so manches mitgekriegt. Als ein paar Mädle in die Tanzstunde wollten, hat die Vorsteherin gesagt: Das gibt's nicht. Als Christ geht man nicht aus. Da hab ich sie gefragt: Aber in die Kirch' darf man schon noch gehen? Da hat sie gesagt: Jetzt wirst Du auch noch frech. Wir sind gehörig aneinandergeraten. Ich bin dann aus dem Verein ausgetreten.

Sind Sie gläubig?

BURGI: Mitglied in einer Kirche bin ich seit 1940 nicht mehr. An Gott glaube ich nicht immer, aber meistens. Einer muss ja da sein, der das alles macht.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

BURGI: Der kommt halt. Wenn ich abends ins Bett gehe, denke ich immer: Vielleicht wachst Du morgen nicht mehr auf. Das wär' nicht schlimm. Ob ich in den Himmel komme, weiß ich nicht. Aber verbrochen hab' ich nichts.

Sie sind seit jungen Jahren SPD-Mitglied. Noch aus Überzeugung?

BURGI: Die SPD als Arbeiterpartei gibt's in dem Sinne nicht mehr. Jetzt mischen da zu viele mit.

Ihr Lieblingspolitiker?

BURGI: Der Ivo. Den sollten wir behalten können. Vielleicht kann man hintenherum noch ein bisschen schüren, dass er bleibt (kichert).

Gibt es ein Rezept für ein langes Leben?

BURGI: Ruhig leben. Vorsichtig leben. Vorsätze haben und sich daran halten. Und keinen Alkohol. Den Schnaps, den ich hier auf dem Zimmer habe, der ist nur für Gäste.

Zur Person vom 3. August 2015

Maria Burgi, geboren am 12. Dezember 1912, wuchs in Ulm als ältestes von vier Geschwistern auf. Mit 14 begann sie eine Lehre als Näherin. 1937 heiratete sie den kaufmännischen Angestellten Erich Burgi. Das Paar bekam zwei Kinder.

Nazi-Zeit Nach Hitlers Machtergreifung wurde Burgi denunziert, weil sie sich weigerte, für die NS-Frauenschaft zu spenden und an Gedenktagen die Hakenkreuzfahne aufzuhängen. Durch Unterstützung ihres Mannes gelang es ihr, die Nazi-Zeit ohne Haft zu überstehen.

Karriere Nach dem Krieg baute Burgi die Hutfirma Mayser, in der sie bereits vor dem Krieg gearbeitet hatte, wieder mit auf. Sie trat der Gewerkschaft Textil-Bekleidung bei und war lange Jahre Betriebsrätin und Betriebsratsvorsitzende. 1976 ging sie in Rente. 1982 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande. Zeitlebens engagierte sie sich über ihren Betrieb hinaus: im Kreisfrauenausschuss des DGB, in der SPD sowie in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen und bei der Arbeiterwohlfahrt. Für ihre 80-Jährige Gewerkschaftsmitgliedschaft wurde sie von der IG Metall mit 97 Jahren zum einzigen Ehrenmitglied Deutschlands ernannt. Vor drei Jahren zog Burgi nach einem Sturz ins Ulmer Altenheim Deifaltigkeitshof.

 

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Kommentare

03.08.2015 17:41 Uhr

Offene Fragen

Im Frühjahr 2003 wäre auch ich beinahe früh verstorben. Lediglich die Entschuldigung einer Ärztin dafür, dass sich meine Person vonseiten der Klinik zu Unrecht dem Verdacht ausgesetzt sah, eine Gefahr für mich selbst und die Rechtsgüter anderer zu sein, ebnete mir unter Verzicht einer dementsprechenden Klärung vor dem Ravensburger Landgericht meinerseits den Weg zurück ins Leben. Wenn man so will, lässt sich angesichts dessen also sagen, wie sehr es sich auszahlt, wenn die Vertreter der Heilberufe nicht an dem längst von Marcuse empirisch festgestellten Tatbestand einer ihrer eigenen Disziplin stets vorausgehenden Erkenntnis auf dem Gebiet der Sozialwissenschaften rütteln. Warum Volker Wittke als mein einstiger Kollege infolge einer Krebserkrankung vor wenigen Jahren zu Tode kam, kann insofern nur noch mit Mühe nachvollzogen werden. Zumindest schrieb er mir zuvor in mein Arbeitszeugnis eine maßgebliche Mitwirkung an zwei Forschungsprojekten zu; allein, fragen kann ich ihn heute nicht mehr, was er damit meint. Offenbar bestätigt sein rasches Ableben die von mir schon damals vor rund zwanzig Jahren formulierte These.

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