"Ceyhun ist wie ein großer Bruder"

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Ayse Büyüktatli: Ich habe ein Vorbild für meine Söhne Alperen (18) und Ahmed (16) gesucht. Den beiden fehlte es an Motivation, und wenn die Eltern etwas sagen, gilt das sowieso nichts. Dann habe ich Ceyhun Polat getroffen, das war während einer Theater-Vorstellung. Er ist zu uns nach Hause gekommen und hat mit den beiden gesprochen. Ich dachte, er ist ein gutes Vorbild, weil er studiert hat. Meine Söhne waren danach tatsächlich wie ausgewechselt, sie sehen in Ceyhun einen großen Bruder. Alperen geht ans Gymnasium, er will Lehrer werden. Ahmed war immer etwas problematischer, auch weil er ein sehr lebhaftes Kind ist. Unser Ziel war, dass er aufs Gymnasium geht, die Lehrer wollten ihn auf die Hauptschule schicken. Nach den Gesprächen mit Ceyhun Polat geht Ahmed auf die Friedrich-List-Schule. Eigentlich hat er keine Lust, aber ein Abschluss muss sein! Er will ja Mediendesigner werden. Im Januar mussten wir Ceyhun aber nochmal holen. Ich war verzweifelt, weil die Jungen auf nichts mehr Bock hatten und nur noch im Internet surften. Nach Ceyhuns Besuch hatten sie einen Motivationsschub, Alperen hat sich einen Stapel Bücher ausgeliehen und Ahmed hat Bewerbungen geschrieben!

Yusuf Aktas: Ceyhun Polat habe ich auf einer Kirmes eines islamischen Kulturvereins angesprochen, er hatte einen Stand dort. Meine zweitälteste Tochter, Seda, hat mir Sorgen gemacht. Sie war damals 15 Jahre alt, da ist die Meinung der Eltern sowieso nicht so gefragt. Sie ging auf die Hauptschule, meine Frau und ich wollten, dass sie mehr lernt. Aber sie war weniger motiviert, sie wusste auch gar nicht, was sie nach der Schule machen wollte. Wir haben also Ceyhun eingeladen, und er hat erst einmal von sich erzählt, wie er es geschafft hat, in Deutschland Fuß zu fassen. Das hat dann auch Seda motiviert. Ceyhun ist noch drei Mal gekommen und hat sie immer wieder gefragt, wie weit sie gekommen ist mit ihrer Berufswahl. Er hat sie dazu animiert, nicht nur im Internet nach Ausbildungsmöglichkeiten zu suchen, sondern persönlich ins Ausbildungszentrum zu gehen und sich dort zu informieren. Sie sollte aktiver werden. Da ist sie dann auf den Beruf Friseurin gekommen. Ich wäre ja für Erzieherin gewesen, aber sie hat sich diesen Beruf ausgesucht. Da macht sie jetzt auch eine Ausbildung. Das schöne ist, dass mein Sohn, der jetzt in die 4. Klasse geht, die ganzen Gespräche auch mitbekommen hat und davon profitiert. Wenn er weiter so gute Noten bringt, schafft er es auf jeden Fall auf die Realschule, vielleicht sogar aufs Gymnasium. Ich will ihn aber nicht zu sehr unter Druck setzen.

Fatma Altun: Als ich vor zwei Jahren die Hilfe von Ceyhun Polat suchte, war meine Tochter Gülsah gerade 16 Jahre alt. Ich wusste nicht mehr weiter, und ohne seine Hilfe wäre Gülsah wirklich schlecht dran gewesen. Sie war auf der Hauptschule, und ihre Noten wurden schlechter, lauter 3er und 4er. Ich selbst war auch unter Druck, weil ich mich gerade von meinem Mann scheiden ließ. Gülsah musste eine Klasse wiederholen, und die Lehrer machten Druck, sie solle einen Test machen. Das war ein Einstufungstest, damit man sie auf die Sonderschule schicken konnte. Ich hatte damals nicht richtig verstanden, worum es ging. Jedenfalls sagten mir die Lehrer, meine Tochter solle mal den Test machen, danach könne man immer noch weitersehen. Ein paar Wochen später kam ein Brief, der mir mitteilte, dass Gülsah jetzt auf die Förderschule geht. Ich ging zu den Lehrern, sie meinten, Gülsah könnte dann ja nach einem Jahr mit besseren Noten zurück auf die Hauptschule. Ihre Noten wurden tatsächlich besser, aber das mit dem Zurückkehren klappte nicht. Es hieß auf einmal, sie müsse zuerst zum Kolpingwerk. Von dort aus hat sie Praktika gemacht, auch sehr erfolgreich. Als ich sie jetzt zurück auf die Hauptschule versetzen lassen wollte, hieß es, ihre Englischkenntnisse seien nicht ausreichend. Man hat ihr vorgeschlagen, sie solle als Küchenhelferin arbeiten. Dann habe ich zum Glück Ceyhun Polats Adresse bekommen! Er kannte einen Hauptschul-Rektor und hat ihm Gülsahs Zeugnisse und Praktika-Berichte gezeigt. Er hatte überhaupt nichts dagegen, dass sie auf seine Schule geht. Sie ist zunächst in die 6. Klasse gekommen und war natürlich viel älter als ihre Klassenkameraden. Dann hat sie aber die 7. Klasse übersprungen und ist auch gleich von der 8. in die 9. gewechselt. Sie hat so gute Noten geschrieben, dass sie jetzt auf die Valckenburgschule geht und dort ihre Mittlere Reife macht. Ich muss sagen, wenn ich nicht Hilfe gesucht hätte, hätte das nie geklappt, auch weil mein Deutsch zu schlecht ist. Ich wurde zu oft hingehalten und habe falschen Versprechungen geglaubt. Aber vielen ist es peinlich, Hilfe zu suchen.

Mücella Aydin: Uns hat Ceyhun Polat mit zwei Kindern geholfen, mit meiner Tochter Alina und mit meinem Sohn Cagri. Cagri hat zu der Zeit die 8. Klasse wiederholt, er ging auf die Elly-Heuss-Realschule. Eigentlich hatte er sehr gute Noten gehabt, die hätten sogar fürs Gymnasium gereicht, aber er wollte lieber auf die Realschule. Ich dachte, okay, lieber gute Realschule als schlechtes Abi. Ich wollte die Zeit nutzen, um selbst das Abi nachzuholen - da habe ich aber etwas die Kontrolle über die Kinder verloren. Cagris Noten wurden immer schlechter, bis er wiederholen musste. Wir haben dann beschlossen, dass er den Hauptschulabschluss macht und auf die Robert-Bosch-Schule geht. Dort hat er zunächst ein Berufsvorbereitungsjahr gemacht. Dann hat es "Klick" gemacht, bei ihm. Er macht jetzt eine Ausbildung zum KFZ-Mechaniker bei Evobus, dann sehen wir weiter.

Mit Alina war das Problem ein anderes. Sie ist begabt, aber ihr Lehrer wollte, dass sie nach der Grundschule auf die Hauptschule geht. Von einem Test hat er abgeraten. Wir haben ihn trotzdem gemacht, Alina geht jetzt aufs Gymnasium! Sie ist jetzt in der 8. Klasse, gerade hat sie zwar etwas Probleme mit den Noten, aber das liegt auch an der Pubertät. Berufsziele hat sie jedenfalls, sie will Anwältin werden oder Lehrerin.

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