"Abtin, Magdalena, ledig"

Vor 200 Jahren kam das erste Ulmer Adressbuch auf den Markt. Der Verleger Christian Ulrich Wagner präsentierte Ende September 1812 den "Wegweiser für die Königlich Württembergische Stadt Ulm".

|
Vorherige Inhalte
  • Das erste Ulmer Adressbuch begann nicht mit dem alphabetischen Verzeichnis der Einwohner, sondern mit dem Verzeichnis der Häuser und ihrer Bewohner. Die dabei eingehaltene Reihenfolge ging zurück auf den Weg, den der reichsstädtische Steuereintreiber spätestens seit 1427, vermutlich aber schon im 13. Jahrhundert, durch Ulm nahm. Repros: Stadtarchiv Ulm 1/2
    Das erste Ulmer Adressbuch begann nicht mit dem alphabetischen Verzeichnis der Einwohner, sondern mit dem Verzeichnis der Häuser und ihrer Bewohner. Die dabei eingehaltene Reihenfolge ging zurück auf den Weg, den der reichsstädtische Steuereintreiber spätestens seit 1427, vermutlich aber schon im 13. Jahrhundert, durch Ulm nahm. Repros: Stadtarchiv Ulm
  • Wer den Nachttopf durch das Fenster auf die Straße leerte, musste 1812 laut Polizeiverordnung zehn Gulden Strafe zahlen. Wen der Inhalt eines Nachttopfes traf, der hatte Anspruch auf Schadenersatz. 2/2
    Wer den Nachttopf durch das Fenster auf die Straße leerte, musste 1812 laut Polizeiverordnung zehn Gulden Strafe zahlen. Wen der Inhalt eines Nachttopfes traf, der hatte Anspruch auf Schadenersatz.
Nächste Inhalte

"I. Viertel A." So beginnt Ulms erstes gedrucktes Einwohnerverzeichnis - und nicht etwa mit dem Nagelschmied Johann Ludwig Abel, dem ersten Ulmer, wenn es nach der alphabetischen Reihenfolge gegangen wäre. Stattdessen stellte das erste Ulmer Adressbuch die Adresse in den Vordergrund.

Und die war damals noch anders gestaltet als heute: Die Stadt war seit 1796 in vier Viertel aufgeteilt, A, B, C und D. Jedes Haus hatte eine Nummer, die jenen Buchstaben zugeteilt war, von A 1 bis D 406. Ein "Namenregister", das die Bewohner der Stadt nach dem Alphabet auflistete, kam erst ganz zum Schluss mit Seitenverweis auf die Häuserliste.

Dazwischen bot der Wegweiser ein Branchenverzeichnis, einen Auszug aus den Polizeiverordnungen sowie ein Verzeichnis der Fuhrleute und der Boten zu Fuß, geordnet nach ihren jeweiligen Zielen von Aalen bis Wiesensteig. Diese Boten erledigten den Postverkehr zwischen Ulm und jeweils einem bestimmten Ort, und sie waren zu bestimmten Zeiten in ebenso bestimmten Wirtschaften zu finden. Der Bote von Weißenhorn etwa kam samstags früh in die "Krone", von wo er um 12 Uhr startete. Wann wurden die Stadttore geöffnet und geschlossen? Diese fürs tägliche Leben wichtigen Zeiten, die sich im Jahreslauf änderten, wurden von der Früh- und Spätglocke verkündet. Auch sie waren im Wegweiser verzeichnet.

Bereits am 30. April 1812 hatte Christian Ulrich Wagner in der Rubrik "Gelehrte Sachen" des Ulmischen Intelligenzblatts annonciert, er werde einen "Ulmischen Wegweiser" herausgeben, "nach Art des Stuttgartischen". Das lag nahe, da Ulm, knapp anderthalb Jahre zuvor württembergisch geworden, damit Stuttgart als Landeshauptstadt vor Augen hatte. Auf die Anzeige scheinen sich zahlreiche Interessenten gemeldet zu haben, die sich den Wegweiser zum Vorzugspreis von 45 Kreuzer sicherten. Ihnen konnte Wagner am 24. September im Intelligenzblatt mitteilen, dass das Werk soeben die Presse verlassen habe.

Bis im Jahr zuvor hatte Wagner noch den "Ulmischen Kalender" herausgebracht. Der hatte neben dem Verzeichnis der Finsternisse, dem Kalendarium, den beliebten Kalendergeschichten, den üblichen Zinsberechnungstabellen und dem Verzeichnis der Messen und Märkte auch das Ulmer Boten-Verzeichnis enthalten, das Wagner dann ins Adressbuch übernahm.

Möglicherweise war dieser Kalender überflüssig geworden, zumal es genügend andere ähnlichen Inhalts gab - und da ihm ein wichtiges Ulmer Merkmal abhandengekommen war: Der 1795 erstmals erschienene Kalender, bis 1806 verfasst vom Prediger und Professor J. W. Stüber, enthielt bis 1803 noch die Namen sämtlicher Ratsherren und Beamten der Reichsstadt Ulm. Mit deren Ende entfielen diese Personalia; erst das zweite Ulmer Adressbuch, das 1821 erschien, enthielt wieder ein Behördenverzeichnis mit Namen.

Bildete der Kalender also den einen Traditionsstrang, aus dem das Adressbuch hervorging, so war der andere das Einwohnerverzeichnis - das allerdings vor dem Adressbuch 1812 nicht in gedruckter Form vorlag. Es war, wen wunderts, der Vorläufer des heutigen Finanzamtes, das reichsstädtische Steueramt, dem wir die ersten Bewohnerlisten verdanken - allerdings in Form von Steuerbüchern, die nur die Steuerpflichtigen enthielten.

Das erste vollständig erhaltene ist das Steuerbuch von 1427. Und das zeigt die selbe Systematik wie das erste Ulmer Adressbuch! Beide folgen in der Auflistung der Bewohner dem Weg, den der Steuereinnehmer seit Jahrhunderten durch Ulm nahm. Der begann - wie das Adressbuch 1812 - beim Herdbruckertor. Nach dieser mittelalterlichen Reihenfolge waren 1796 bei der neuen Vierteleinteilung die Häuser der Stadt durchnummeriert worden.

Die noch handgeschriebenen Bewohnerverzeichnisse vom Ende der Reichsstadtzeit und der anschließend unter bayerischer Herrschaft stehenden Stadt nennen neben den Hausbesitzern auch die zur Miete Wohnenden. Diese Rubriken wurden ins Adressbuch übernommen; die Daten hat der Verleger wohl von den Finanzbehörden erhalten.

Gleich die erste Seite des neuen Wegweisers enthält Informationen, die man in heutigen Adressbüchern nicht mehr findet. Etwa, dass Nro. A 1, der ehemalige Fallgatterturm am Herdbrucker Tor, bei der Demolierung der Festung abgebrochen wurde - etwa ein Jahrzehnt zuvor. Dasselbe war Nro. A 5 und 6 widerfahren, dem ehemaligen Diebsturm am Grünen Hof. Immerhin stand noch das Herdbrucker Tor (A 2), in dem Johann Michael Walser, der ehemalige Turmwächter, wohnte.

Frauen findet man übrigens relativ wenige. Sie wurden nur verzeichnet, wenn sie ledig oder verwitwet waren - und selbst dann oft nur als Anhängsel des Verblichenen. So ist als Besitzerin des Hauses A 4 genannt "v. Hailbronner, Friederich Karl, Kaufmanns-Wittib". Frau v. Hailbronner blieb also die vornamenlose Witwe ihres Gatten. Immerhin sind Frauen, sofern kein Mann gleichen Nachnamens existiert, in der weiblichen Form ihres Namens genannt. Etwa in D 7 die Mieterin "Abtin, Magdalena, ledig".

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Amok-Anlage in List-Schule vor dem Austausch

Die Stadt Ulm reagiert auf ständige Fehlalarme in der List-Schule: Falls die elektronische Steuerung nicht sauber repariert werden kann, kommt ein neues System. weiter lesen