Zuschauer als Kritiker bei der Turandot-Inszenierung

Ein sensationeller Chor, gewaltige Stimmen und ein fantastisches Orchester: Die aktuelle "Turandot"-Inszenierung überzeugt am Theater Ulm. Christina Kirsch hat die Zuschauer befragt.

SWP |

Gottfried Goebel, Ulm (53): Es gibt nichts, was mir an der Inszenierung (Matthias Kaiser) nicht gefallen hat. Das ging schon mit dem Bühnenvorhang los. Da sieht man zwei zuckersüße Kinder mit Kirschmund, die Gewehre in der Hand halten und lächeln. Man ahnt bereits vor der Aufführung, dass die Oper heftig und zwiespältig wird. Auch später hat mir und meiner Frau immer wieder der Atem gestockt. Wenn die Maschinengewehre in einer undurchschaubaren Choreografie auch auf einen selber zeigen, wird es einem schon mulmig. Maria Rosendorfsky sang die Sklavin Liu so wunderbar warm und zart. Eric Laporte war als Freier unglaublich liebenswürdig, präsent, selbstbewusst und agil. Und das Ulmer Orchester unter Timo Handschuh ist einfach der Hammer. Wir gingen nach der Aufführung geplättet und sprachlos raus. Auch wenn die Ulmer das Puccini-Fragment inszenierten und viele Fragen offen blieben, hätten wir kein anderes Ende gewollt. Man darf auch mal ohne Lösung und Happy End nachdenklich zurück gelassen werden.

Andrea Haaga, Erbach (49): Ich ging mit so vielen ungelösten Warum-Fragen raus. Das hat mich richtig unzufrieden gemacht. Mir erschien Turandot als gespaltene Persönlichkeit, die mal als Vamp, mal als zerzauste Verzweifelte zu sehen war. Susanne Schimmack kam mir bisweilen überfordert vor, vor allem wenn sie über dem Orchester singen musste. Dagegen blühte Eric Laporte mehr und mehr auf. Die Maschinengewehre waren bedrückend, das Geschehen in ein totalitäres Regime zu übertragen, hat mir gefallen. Auch die stets präsente Parallelwelt in der Gosse am unteren Bühnenrand war stimmig. Bloß was die Marionetten dort sollten, warum die sich auch noch liebkosten, war unverständlich. Noch etwas anderes ging gar nicht: Dass Ping, Pong und Pang sich hinter Masken verstecken, finde ich nachvollziehbar - aber was haben da Donald Duck und Mickey Mouse verloren? Das passte nicht, die drei waren schon Komiker genug.

Constanze Tobisch, Gannertshofen (20): Die europäische Kleidung von Calaf hat mir nicht gefallen, weil der Rest doch asiatisch war. Das goldene Gewand des alten Kaisers fand ich sehr schön. Turandot hatte mit ihrem roten Kleid (Kostüme: Angela C. Schuett) eine sehr explosive Farbe gewählt. Einmal hatte das Kleid solche langen, chinesischen Ärmel, die Turandot wie eine Zwangsjacke einengten. Vielleicht war das die Fessel der Tradition, die sie so abschnürte.

Elke Huober, Laichingen (48): Turandot schwebt über allem. Nur ab und an ließ sie sich zu ihrem Volk herab. Das war in dem Bühnenbild (Britta Lammers) mit dem auf und ab gezogenen Thron sehr gut ausgedrückt. Fantastisch waren Chor und Extrachor. Was ich nicht verstanden habe, waren die Marionetten in der Gosse, die teils sogar als Zuschauer auf das Geschehen blickten.

Martin Brückner, Ulm (58): Mir hätte es gefallen, wenn auch Turandot uniformiert gewesen wäre. Die Propaganda auf dem Bühnenvorhang machte unglaublich neugierig. Es gab in der bedrückenden Inszenierung auch etwas zum Amüsieren. Hans-Günther Dotzauer als Kaiser und Mao-Verschnitt war sehr gelungen. Das Fragment sagte alles. Ich glaube nicht an einen Schluss mit Liebesduett, sondern denke, dass Calaf auch Opfer wurde.

Christine Lammel, Arnegg (47): Was für eine überspannte Handlung! Logisch darf man das nicht angehen. Es war trotzdem ein tolles Erlebnis. Der übermächtige Chor war auf der ansteigenden Ebene extrem präsent. Das Unrechtsregime wurde gut dargestellt. Eric Laporte gefiel mir auch als Schauspieler, sein "Nessun dorma" war ganz fantastisch. Manchmal war ich sehr betroffen. Die Folterszene kam bei mir unmittelbar und direkt an. Den offenen Schluss empfand ich als Spiel mit dem Wissen des Zuschauers.

Thomas Merz, Ulm (64): Ich habe lange den Vorhang betrachtet, der das "Krieg ist geil"- Motto der Inszenierung schon vorweg nahm. Das Bühnenbild hat mich weniger angesprochen. Ich finde Rotchina nicht mehr passend. Die Zeiten von Mao sind vorbei. Ob Liu oder Turandot stimmlich besser waren? Mich überzeugten beide. Dass die Publikumsherzen einer sozialkompetenten Figur wie Liu mehr zufliegen, hat man am Applaus gehört.

Roland Klein, Leutkirch (72): Das Zusammenspiel zwischen Chor und Dirigent - ohne direkten Blickkontakt nur über Monitor - war gigantisch. Der Chor beherrschte das ganze Spektrum zwischen dem berührendsten Pianissimo und knalligem Fortissimo souverän. Ich bewundere auch, wie kenntnisreich, charmant und inspirierend Timo Handschuh dirigiert. Selbst das Dahinschmelzen war nie kitschig. Die Anklänge an chinesische Musik waren fein. Es war ein Genuss.

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