Wo endet die nächtliche Freiheit?
Ulm. Wie grenzenlos darf die Freiheit in einer Stadt sein? Dies war nur ein Aspekt in der Sicherheitsdebatte im Ulmer Gemeinderat. Freilich ein Gesichtspunkt, der unerwartete politische Frontenverläufe aufzeigte.
Ordnung und Sicherheit: Das Eine bedingt das Andere, sagen der Ulmer Polizeichef Karl-Heinz Keller und der städtische Bürgerdienste-Chef Roland Häußler. Das Maß der Sauberkeit in der Stadt hat also Einfluss auf den Umgang der Menschen miteinander.
Zugespitzt gesagt sehen es die beiden maßgeblichen Ulmer Ordnungshüter aufgrund langjähriger Erfahrungen so: Je aufgeräumter die Stadt wirkt, desto geringer die Gefahr von Übergriffen. Umkehrschluss: Wo der öffentliche Raum dreckig ist und verwahrlost, verwahrlosen auch die Sitten. Dort steigt das Gewaltpotenzial jedweder Art. Die andere "Sozial-Arithmetik" dazu überrascht wenig: Je höher die Alkoholpegel, desto niedriger die Hemmschwelle, ausfällig bis gewalttätig zu werden.
Im Prinzip teilen sich Polizei und der vor vier Jahren gegen manche Bedenken in Ulm geschaffene kommunale Ordnungsdienst (KOD) die Überwachung von Ordnung und Sicherheit. Der KOD kümmert sich schwerpunktmäßig darum, dass die Stadt nicht verdreckt und zugemüllt wird, die Polizei setzt Recht und Ordnung durch. Bisher hat der KOD nur zwei Stellen. Weil in den kritischen Zeiten der langen Wochenendnächte aus Sicherheitsgründen eine Doppelstreifenbesetzung obligatorisch ist, fehlt es an Flexibilität. Das soll sich ändern: Die Stellenzahl wird verdoppelt, auf vier.
Der Ulmer Gemeinderat hat dieser Personalaufstockung kürzlich zugestimmt (wir berichteten). Mit großer Mehrheit zwar, aber doch gegen vier Gegenstimmen. Ein vehementes Veto kam von den beiden jüngsten Mitgliedern am Ratstisch, Christof Nagel und Jessica Kulitz. Sie senken gewaltig das Durchschnittsalter der CDU-Fraktion, in deren Reihen auch die beiden ältesten Stadträte Siegfried Keppler und Herbert Dörfler sitzen - aber dies nur nebenbei. Nagel hielt im Gemeinderat ein Plädoyer für einen gelassenen Umgang mit dem veränderten Freizeitverhalten junger Menschen. Den gravierenden Unterschied zu früher sieht Bürgerdienste-Chef Häußler darin, "dass die jungen Leute heute oft erst um elf Uhr nachts ausgehen".
In dubiis libertas - im Zweifel für die Freiheit. Ganz in dieser Grundhaltung, die man eher in den Reihen der FDP vermutet hätte oder bei den Grünen, die sich selber gerne als neue Bürgerrechtspartei sehen, forderte Nagel Ratskollegen, Polizei und Bürgerdienste auf, nicht kraftprotzend städtische und staatliche Macht zu demonstrieren. "Wir sollten in Ulm den Weg der Kommunikation wählen, nicht den der Konfrontation." Denn: "Wir haben in Ulm doch Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit."
Speziell der Schwörmontag, für Nagel eine Art Urknall des bürgerschaftlichen Freisinns und der Freizügigkeit, sei auch Ausdruck einer sich wandelnden Jugendkultur, die wie ein lebendiges Nachtleben Bestandteil einer lebendigen, vielseitigen Stadt sei. Eine Verschärfung der Kontrollen oder zusätzliche Überwachungsinstrumente halten Nagel und seine Fraktionskollegin Kulitz nicht nur für kropfunnötig, sondern sogar für kontraproduktiv. "Es ist doch so: Je mehr Personal, desto höher die Fallzahlen." Nagels Forderung: Besser mehr Gespräche mit allen am Ulmer Nachtgeschehen Beteiligten: Veranstaltern, Barbetreibern, Clubbesitzern . . .
Der Appell fruchtete nicht. Die große Mehrheit war, wie gesagt, dafür, den KOD zu verdoppeln.
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Autor: HANS-ULI THIERER | 22.02.2012
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Christof Nagel: Kommunikation statt Konfrontation.
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Kommentare (5)
Saufen und die Vergangenheit
Heuchler, etwas anderes fällt mir nicht dazu ein, wenn ich die moralinsauren Kommentare einiger Herren hier lese.Nachdem ich bald die 50 erreiche, habe ich im Leben so einiges erleben dürfen.
Egal ob in der Stadt oder auf dem Land.
Gesoffen bis zum Umfallen wurde schon immer, egal ob auf dem Land oder in der Stadt.
Die ritualisierten Trinkgelage in Vereinen und Verbindungen haben sich schließlich auch nicht verändert.
Wer zeigt der Jugend in den Bierzelten und auf Straßenfesten denn regelmäßig, wie NORMAL Alkoholgenuss ist.
Ein OB, der für den routinierten Fassanstich gelobt wird, sendet auch unzweideutige Signale an die Jugend..
Die Grenze von Alkoholgenuss und Alkoholmissbrauch ist immer auch eine gesellschaftliche Grenze.
Je mehr Kontrolle und Heuchelei, umso heftiger die Trotzhandlungen der Jugend.
Ungern gebe ich einem CDU'ler recht.
Doch hier hat Herr Nagel selbigen auf den Kopf getroffen.
Kommunikation ist besser als sinnloser Aktionismus mit 2 oder 4 "Uniformträgern".
2 oder 4 "Uniformträger"
Diese Mitarbeiter des Ordnungsdienstes sind wohl weniger für die Jugendlichen eingestellt worden, sondern viel mehr für unsere konservativen Hardliner, die Kontrolle, Recht und Gehorsam auf der Straße sehen wollen.Damit diese gewichtigen Stimmen im Gemeindeleben auch ruhig schlafen können, braucht es eben ein finanzielles Entgegenkommen der Stadtverwaltung.
Und die Kosten dieser zusätzlichen, gefühlten, Sicherheit und Ordnung trägt schließlich die Allgemeinheit.
Zu viel privates Fernsehen a la "Vorsicht Kontrolle" vernebelt anscheinend den gesunden Menschenverstand.
Für das damit verschwendete Geld hätte man sicher ein paar zusätzliche öffentliche und kostenlose WC Anlagen an den brisanten Saufstellen aufstellen können.
Das hätte zumindest einen erkennbaren nachhaltigen Nutzen gehabt.
Wandelnde uniformierte Feigenblätter auf zwei Beinen als Beruhigungspillen dagegen sind nutzlos und reine Verschwendung.
Wozu?
Des Nachts (bzw. ab 21:00 Uhr) ist in der Innenstadt Ulms eh zu 90% der Hund begraben und die Bordsteine hochgeklappt. Es ist eh schon erschreckend wie wenig Leben diese Stadt zu späterer Stunde vorzuweisen hat. Ich kann ab Zehn Uhr abends auf die Straße gehen und wenn ich Glück habe, laufen mir noch drei Leute über den Weg, auch am Wochenende wenn ich nicht gerade am Münsterplatz bin wo die Schlange zu der einen oder anderen Diskothek endet.Das jetzt schon kaum vorhandene Leben jetzt noch künstlich weiter überwachen zu wollen halte ich für übertrieben. Evtl. sollte nicht der KOD sondern die Polizei, die abends bzw. nachts komplett unterbesetzt ist aufstocken, damit überhaupt jemand da ist, wenn mal zwei Notrufe gleichzeitig eingehen...
Zum Thema Alkoholexzesse usw, wenn ich mitten in der Stadt wohne, muss ich damit leben, dass es am Wochenende abends bzw. nachts schon mal lauter werden kann. Bin ich diesem nicht gewachsen, sollte ich mich nach einer anderen Wohngegend umschauen!