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Winter macht Gärtnereien zu schaffen: Frühlingsblumen verkaufen sich nur halb so gut

Primeln in Blau, Gelb, Pink und Rot, tausende Töpfe in satten Farben, dicht an dicht - was Gartenfreunden und Blumenliebhabern nach einem langen, kalten Winter das Herz aufgehen lässt, macht Wolfgang Stollmaier derzeit keine Freude.

CHIRIN KOLB | 0 Meinungen

Primeln in Blau, Gelb, Pink und Rot, tausende Töpfe in satten Farben, dicht an dicht - was Gartenfreunden und Blumenliebhabern nach einem langen, kalten Winter das Herz aufgehen lässt, macht Wolfgang Stollmaier derzeit keine Freude. Denn die Primeln stehen alle in seinen Gewächshäusern statt auf den Balkonen oder in den Gärten seiner Kunden. Die Primeln, die Bellis, die Stiefmütterchen, die Myosotis, praktisch alle klassischen Frühlingsblumen. Die Tage und vor allem die Nächte zu kalt, der Boden gefroren: Kaum ein Kunde kann pflanzen. In diesem Frühjahr, schätzt Stollmaier, ist sein Umsatz nur halb so gut wie sonst.

Doch nicht nur die fehlenden Einnahmen sind für die Gärtnereien ein Problem. Die Frühlingsblumen stehen im Weg, sie nehmen schlicht den Platz weg, den die Gärtner dringend für Sommerblumen brauchen. Stollmaier zieht die meisten seiner Pflanzen selbst. In seine Gewächshäuser am Fuß des Eselsbergs drängen jetzt Geranien, Tomaten, Petunien und Co. - doch da machen sich immer noch viele Frühjahrsblumen breit.

"Manche Kollegen haben die Frühblüher schon kompostiert, weil sie Platz für neue Kulturen brauchen", erzählt Wolfgang Stollmaiers Frau Rita. "Sie hoffen, dass wenigstens die nachfolgenden Kulturen noch Geld bringen." Genau so hart treffe das kalte Wetter die Staudengärtnereien und Baumschulen.

Also wird jedes Fleckchen in den Gewächshäusern ausgenutzt. "Man räumt von hier nach da, trägt die Pflanzen hin und her, nimmt sie fünfmal in die Hand und hat immer noch nichts verkauft", klagt Rita Stollmaier. Dabei verträgt sich längst nicht jede Sorte mit den anderen. Geranien und Primeln zum Beispiel passen nicht zueinander, "Geranien brauchen es wärmer". Aber was soll man machen, wenn einfach kein anderer Platz frei ist?

Stollmaiers achten darauf, dass jedes Pflänzchen die Umgebung hat, die es braucht. Die Gewächshäuser sind unterschiedlich warm. Das empfindliche Basilikum und andere Kräuter haben gern kuschelige 20 Grad. Frühlingsblüher wie Primeln oder Hornveilchen, die die meisten als Stiefmütterchen kennen, sind dagegen unempfindlicher und mögen es kühler. Sie dürfen das Gewächshaus sogar verlassen. Stollmaier und seine Mitarbeiter öffnen dazu die gläsernen Seiten und schieben die Rolltische mit tausenden Veilchen ins Freie. Da bleiben sie den Tag über - oder zumindest bis zum nächsten Regen.

Dieses Abhärten ist dringend nötig, wenn man lange Freude an den Frühjahrsblühern haben will, sagt Rita Stollmaier. "Es kommt überhaupt aufs Kultivieren an." Die Frühlingsblumen werden in kühleren Gewächshäusern gezogen und kommen auch an die frische Luft. So werden sie ans Draußensein gewöhnt und halten Frost bis minus fünf Grad aus. Es sind viele Arbeitsschritte nötig und große Sorgfalt. "Aber das macht gute Gärtnerware aus."

Ohne Handarbeit geht nichts. Die Gärtner haben aber auch maschinelle Helfer. Zum Beispiel beim ersten Umpflanzen der Sämlinge, dem Pikieren. Sie wurden eng beieinander gezogen, 480 Stück pro Pflanzplatte. Die nageldicken Greiffinger des Pflanzroboters packen immer zwei der winzigen Pflänzchen und setzen sie in größere Töpfe um. 3500 Stück pro Stunde schafft der Pflanzroboter. Für alle Pflanzen ist er aber nicht einsetzbar. Stollmaier und seine Mitarbeiter pikieren beispielsweise die Tomaten, rund 30 Sorten, alle von Hand.

Die Stollmaiers verkaufen ihre Blumen, die Kräuter und das Gemüse direkt in der Gärtnerei und auf ihrem Stand auf dem Ulmer Wochenmarkt, an dem meistens Sohn Manuel anzutreffen ist. Rund die Hälfte ihrer Produktion geht an den Großhandel. "Diese Absatz-Schiene braucht man", sagt Rita Stollmaier. "Wir können nicht alles allein verkaufen." Doch der Großhandel diktiert die Preise, der Gärtner verdient nur noch durch die Menge der gelieferten Pflanzen.

In einem Gewächshaus warten 30 000 Petunien in vielerlei Sorten auf die Abholung Anfang Mai. Sie gehen an eine große Bau- und Gartenmarktkette und kommen deutschlandweit in den Handel. Stollmaiers Blumen aus Söflingen finden so ihre Käufer in Düsseldorf, Berlin und Köln.

Auch Stollmaier kauft Pflanzen zu. Erst am Dienstag kam eine Lieferung an: Rosmarin aus Italien, Solanum und Lantanen aus Kempen am Niederrhein als Rohware, die der Gärtner weiter kultiviert. Dicht an dicht stehen die Töpfe auf den Regalbrettern der Rollcontainer, 500, 600 Pflanzen pro Container. Auch sie müssen noch in den Gewächshäusern Platz finden. Noch ist von den enzianblauen Blüten des Solanums und den gelb-orangefarbenen Blüten des Wandelröschens nichts zu sehen, die Pflänzchen haben noch ein paar Wochen Zeit zum Wachsen. Durch die Zukäufe wird das eigene Sortiment ergänzt. "Wir kooperieren mit Kollegen", sagt Rita Stollmaier. "Das muss man, wenn man überleben will."

Die Gärtnerei ist seit Generationen in Familienhand. Ursprünglich betrieben die Stollmaiers Landwirtschaft. Dann kam der Gemüseanbau dazu, und nach dem Zweiten Weltkrieg, als es im Söflinger Zentrum zu eng wurde, verlagerte Wolfgang Stollmaiers Vater den Betrieb auf seine Felder am Ortsrand. Dünn besiedelt war es dort damals noch, das Wohngebiet Türmle in der Nachbarschaft, wo Ausgebombte und Vertriebene heimisch wurden, gerade am Entstehen. Der viele Platz erwies sich letztlich als Segen - auch, weil die Kunden bequem mit dem Auto vorfahren können.

Wer auf dem Markt einkauft, muss seine Blumen- und Kräutertöpfe meist weiter schleppen. Für die Stollmaiers ist ihr Stand dennoch unverzichtbar. Die farbstrotzenden Primeln, die schlanken Narzissen mit den leuchtendgelben Blüten, die eleganten Stiefmütterchen zu sehen, animiert zum Kaufen. Sofern das Wetter gut ist. "Bei schlechtem Wetter bricht der Umsatz gleich um 50 Prozent ein."

Natürlich hadern die Stollmaiers in diesem so gar nicht frühlingshaften Frühjahr mit dem Wetter. Rita Stollmaier sagt aber auch: "Die Gärtner waren von den letzten Frühjahren verwöhnt." Sie hofft, dass der Winter nicht nahtlos in den Sommer übergeht. Denn Primeln, Hornveilchen und Co. lassen sich jetzt noch gut pflanzen, sie blühen bis Ende Mai. Es bringe nichts, jetzt schon Sommerblumen wie Tagetes oder ähnliches in den Garten zu setzen. "Die halten die Kälte noch nicht aus."

Außer den kühlen Temperaturen macht der graue Himmel den Pflanzen und damit auch den Gärtnern zu schaffen. Nicht nur, weil die Pflanzen Licht zum Wachsen brauchen. Die fehlende Sonne sorgt außerdem dafür, dass sie nach dem Gießen nicht richtig abtrocknen. Luftzirkulation in den Gewächshäusern sei deshalb wichtig, ebenso wie sparsames Wässern, "sonst kann Fäulnis entstehen". Und das wäre wirklich das Letzte, was die Gärtner in diesem Frühjahr noch brauchen könnten.

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