Wie konnte der Junge überleben?

Ulm.  Warum verblutete der Vierjährigen nicht, dem der Arm abgetrennt wurde? Gerissene Arterien können sich so stark zusammenziehen, dass die Blutung stockt, sagte Prof. Florian Gebhard in einem Pressegespräch.

In der Nacht zum Montag hat sich das schwere Unglück ereignet, bei dem einem Vierjährigen beim Spielen an der Waschmaschine der Arm abgerissen wurde. In den vergangenen beiden Tagen wurden Polizei und Klinikpersonal von Journalisten mit Fragen bestürmt. Gestern war Professor Florian Gebhard, Ärztlicher Direktor der Unfallchirurgie der Uni-Klinik, bereit, Fragen der Presse zu beantworten. Jedoch nur solche allgemein medizinischer Art, keine zum konkreten Fall, machte Kliniksprecherin Petra Schultze klar. Ein Eiertanz der Journalisten, von regionalen und überregionalen hauptsächlich TV-Sendern, begann. Alle wollten natürlich etwas zum Fall des Jungen erfahren. Sobald er auch nur erwähnt wurde, machte Schultze deutlich: "Wir verweisen auf die ärztliche Schweigepflicht."

Eine der zentralen Fragen war: Wieso ist der Junge, dem laut Polizei beim Spielen an einer defekten Waschmaschine ein Großteil des linken Armes abgerissen wurde, nicht verblutet? Gebhard verwies auf einen "körpereigenen Mechanismus", bei dem sich die innerste Schicht der abgerissenen Arterie derart einrollt, dass kein Blut mehr austritt. "Ist die Hauptversorgung zu, gibt es auch keinen nennenswerten Blutverlust."

Die Frage, warum der Junge, als ihm der Arm abgerissen wurde, nicht vor Schmerzen wie wahnsinnig geschrieen hat, wertete Gebhard als interessant. Er verwies auf Beispiele aus Kriegen, bei denen etwa Soldaten mit gebrochenen Oberschenkeln weitergelaufen sind. "Es gibt Extremsituationen, da nimmt das Gehirn Schmerz nicht mehr wahr."

Der Vierjährige, dessen Mutter erst am nächsten Morgen ihren lebensgefährlich verletzten Sohn entdeckte, hätte laut Gebhard kaum eine Chance gehabt, dass ihm der Arm erfolgreich angenäht wird. Wie berichtet, hatte nämlich sein elfjähriger Bruder das abgerissene Körperteil in die Gefriertruhe gesteckt. Laut Gebhard wird das Körpergewebe zerstört, sobald der Einfrierprozess beginnt. Für eine erfolgreiche Operation ist es wichtig, dass das Körperteil bald angenäht wird, laut Gebhard hätte das mit dem Arm des Jungen innerhalb von zwei bis vier Stunden geschehen müssen. "Wird in dieser Zeit das Gewebe nicht durchblutet, kommt es zu irreversiblen Schäden." Zudem ist es entscheidend für eine gelungene Operation, in welchen Zustand das abgetrennte Körperteil in der Klinik ankommt. Am besten transportiert man es gekühlt, zwischen vier und sechs Grad Celsius, und trocken, also in einem Tuch.

Allgemein sagt Gebhard, dass das Gewebe an einem operierten Armstumpf nach etwa 14 Tagen heilt, dann die Fäden gezogen werden. Anschließend kann man beginnen, eine Prothese anzupassen.


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Autor: BEATE ROSE | 31.10.2009

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