"West Side Story": Ein spektakuläres Musical

Bandenkrieg in Ulm, aber jetzt als mitreißende Musical-Show: Rhys Martin hat Leonard Bernsteins „West Side Story“ sehr aktuell auf der Wilhelmsburg inszeniert. Das Publikum der Premiere war begeistert.

JÜRGEN KANOLD |

Wer hier zu spät kommt, sich nicht von der Bierbank im Innenhof der Wilhelmsburg lösen kann, bestraft sich selbst. Denn schon eine gute Viertelstunde vor dem musikalischen Start der „West Side Story“ geht’s auf der Bühne zu wie auf einem Film-Set. Großeinsatz der Polizei, ein Hubschrauber lärmt bedrohlich aus dem Off, Cops fahren auf knarrenden Motorrädern, Wachtmeister Krupke düst mit silbernem Helm auf einem Segway herum wie eine Darth-Vader-Parodie aus der Bronx. FBI-Agenten im schwarzen Blues-Brothers-Anzug schirmen einen Tatort zu den Zuschauerrängen hin ab, die Umrisse einer Leiche sind auf den Boden gemalt.

Ein mörderischer Bandenkrieg in keiner guten Gegend: brennende Autowracks, graffiti-bemalte Häuserwände, und dann entlädt die bunte Multikulti-Gang der Sharks (die „Kanaken“) einen weißen Transporter und treibt ins Land geschleuste Flüchtlinge ins Gemäuer einer Import-Export-Firma. Die Jets aber, „die Ureinwohner“, kommen als Fascho-Bund mit Fahne daher, schwarz, herrisch, mit Totenkopfmasken. Die Anführer Riff (Stefan Rüh) und Bernardo (Christopher Brose) kurven auf Rollerblades.

Bandenkrieg? Natürlich halten die Zuschauer ob dieses Spektakels auch deshalb den Atem an, weil in Ulm gerade erst ein Sprengsatz vor der Shisha-Bar am Kornhausplatz hochging, live gewissermaßen, weil Rockergruppen aus dem Rotlicht-Milieu sich bekämpfen. Aber wir sind im Theater: Regisseur Rhys Martin und Britta Lammers (Bühne) zeigen eine tolle Musical-Show, es gelingt ihnen tempogeladen, in aller Brutalität, die sozialkritische, aber etwas in die Jahre gekommene „West Side Story“ aus dem New York der 50er ins Heute zu ziehen: laut und nachvollziehbar.

Die aufwändige Szenerie ist jedenfalls nicht nur Dekor. Martin hat einige Figuren und die Handlung seiner Story überzeugend angepasst. „Doc“ etwa führt keinen Drugstore, Doc ist tatsächlich ein Arzt, eine Hippie-Ärztin vielmehr (Renate Steinle), die eine medizinische Notfall-Station in diesem verruchten Viertel betreibt. Im Zelt arbeitet auch Tony, der Ex-Anführer der Jets, er hat einen Job als Hilfspflegekraft angenommen – ausgerechnet. Ein grünes Apotheken-Kreuz leuchtet an der Festungsmauer – ein böser Kommentar. Doc, der Gutmensch, lädt die Jets und Sharks zur Tanz-Party, um den Hass zu befrieden. Sozialtherapie in einer Welt, in der ein Kommissar Shrank (Girard Rhoden) im Smoking und mit weißem Schal alles unter Kontrolle halten will, aber als Oberschicht-Zyniker meilenweit entfernt ist von der Realität.

Natürlich ist Bernsteins „West Side Story“ trotzdem eine romantische Romeo-und-Julia-Liebesgeschichte, und Evergreens wie „Maria“, „America“ oder „I Feel Pretty“ passen ja eigentlich nicht zu dieser inszenierten Gegenwart. Die Jets und Sharks von heute haben eine andere Musik, Martin deutet das an, mit aggressiv angestimmtem Rap. Aber wir befinden uns schließlich in einer Musical-Show. Und da wird sich angemessen rührend und kitschig verliebt: Maria Rosendorfsky spielt die gar nicht so naive Maria, die endlich ausbrechen will aus dem Alltag, Nikolaus Heiber den Tony, der eigentlich den Mumm hat, aus dem Teufelskreis der Bandenkriege auszusteigen, aber sich dann doch wieder zu Gewalt hinreißen lässt, tragisch Bernardo, den Bruder Marias, ersticht. Die Opernsopranistin und der Musical-Profi (dass er als Rocky schon auf der Bühne stand, sieht man): ein starkes Paar. Gesangstechnisch kommen sie aus zwei Welten, aber Heiber überzeugt mit seinem weichen, lässigeren Tenor nicht minder.

Eine starke Show also: dynamische Ensemble-Szenen, auch choreografische Reverenzen an den Original-Tanz von Jerome Robbins; die Kulisse und das Lichtdesign (Michael Grundner) sind beeindruckend – endlich mal ist der riesige Bühnenhof voll bespielt. Nur der Klang: anfangs katastrophal, ein ungeschlachter, unausgesteuerter Blechbüchsensound. Keine Spur von Bernsteins so differenzierten Rhythmen, seinem auskomponierten sinfonischen Jazz – was auch immer Hendrik Haas mit den unsichtbar in der Burg abgeschotteten Philharmonikern aufgeführt haben mag. Aber es wurde besser, der „Cool“-Song kam später richtig cool, und auch die Streicher sorgten im tragischen Showdown fürs nötige Herz-Schmerz-Feeling.

Ovationen für diese „West Side Story“, der Rhys Martin auch ein Versöhnungsfinale schenkt (noch 16 Aufführungen bis zum 15. Juli).

Pausengespräch

Feucht, der Pate Wer saß da bei der Premiere der „West Side Story“ am Steuer eines silbernen Maseratis und fuhr Bernardo, den Chef der Sharks, auf die Bühne? Richtig: Walter Feucht. Der Unternehmer (Uldo Backmittel) ist nicht nur ins Musical vernarrt, als Macher und Mäzen hat er schon viele Musicals produziert. Und er unterstützt jetzt wieder das Open-Air des Theaters Ulm auf der Wilhelmsburg. Sagen wir mal: Walter Feucht, der Ulmer Musical-Pate. Schöner Gag, dass er jetzt einen Gast-Auftritt hatte in der Inszenierung von Rhys Martin hat – als Pate eines Menschenschlepper-Rings, der Bernardo ein paar Anweisungen gibt. Denn die Sharks entladen auf der Wilhelmsburg in dieser „West Side Story“ zunächst mal illegal ins Land geschleuste Flüchtlinge aus einem Transporter. Man kann sich seine Rollen am Theater halt nicht aussuchten, und in Wirklicheit fährt Walter Feucht auch Porsche Cayenne.

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