Weltklasse - und keiner merkts
Eure Region ist Weltspitze! So lautet die Botschaft, die Stararchäologe Nicholas Conard 30 SÜDWEST-PRESSE-Lesern am Hohlen Fels mit auf den Weg gab: Weltspitze in der frühesten Kunst der Menschheit.
Waren es vor 40 000 Jahren noch Mammuts, Wollnashörner und Höhlenbären, die den Menschen mitunter den Weg über die Alb versperrten, so sind es heute die Verkehrsstaus. In einen solchen geriet Prof. Nicholas Conard auf seinem Weg von Tübingen nach Schelklingen, wo ihn die Teilnehmer des SWP-Leserausflugs zur Führung in den Hohlen Fels erwarteten.
Dort durchsucht ein bestens eingespieltes Forscherteam den Höhlenboden Quadratzentimeter für Quadratzentimeter nach Hinterlassenschaften der Eiszeitmenschen, und so war es kein Problem, die Führung auch ohne den Meister zu beginnen: Grabungsleiterin Maria Malina stellte den Besuchern die Höhle, ihre Bedeutung und die Geschichte ihrer Erforschung vor.
Kaum war Conard eingetroffen, kam er ohne Umschweife zur Sache: Die ältesten Zeugnisse menschlicher Kunst-, Musik- und Religionsausübung wurden hier, im Hohlen Fels, entdeckt: Die Venus ist die älteste Menschendarstellung der Welt, die Knochenflöte das älteste Musikinstrument der Welt und der "kleine Löwenmensch", der kein reales Wesen abbildet, bildet in Verbindung mit dem im Lonetal gefundenen großen Löwenmenschen das früheste Indiz für religiöse Vorstellungen des modernen Menschen.
Aber: "Ich habe das Gefühl, dass das außerhalb der Bundesrepublik besser anerkannt wird als hier", sagte der gebürtige US-Amerikaner, der einfach nicht begreifen kann, dass das Land Baden-Württemberg sein "ultimatives Alleinstellungsmerkmal" hartnäckig ignoriert, anstatt es den Besuchern aus aller Welt in einem Zentralmuseum angemessen zu präsentieren.
Warum gehören diese Fundstücke dann nicht zur Weltkultur? Auf diese Frage eines SWP-Lesers konnte Conard nur antworten: "Fragen Sie das Wirtschaftsministerium." Denn das schlage die Kandidaten fürs Weltkulturerbe vor.
Wer hat diese Kunstwerke geschaffen? Als sie entstanden, lebten in Europa noch der Neandertaler und schon der Vorfahre des heutigen modernen Menschen. Der hatte sich vor 200 000 Jahren in Afrika auf den Weg nach Norden gemacht - was Conard zur Feststellung veranlasste: "Wir sind alle Afrikaner."
Beide Menschentypen, Neandertaler und moderner Mensch, sind in den Albhöhlen nachzuweisen, aber mit einem deutlichen zeitlichen Abstand. Die Kunstwerke und Musikinstrumente sind die frühesten Zeugnisse des modernen Menschen in Mitteleuropa: "Vor 40 000 Jahren kam er entlang der Donau nach Mitteleuropa. Die Donau hört irgendwann auf, und wo landet man? In unserer Region!" Pioniergruppen hätten hier Fuß gefasst und viele Innovationen gebracht.
Warum sind die Originale in Stuttgart und sonstwo zu sehen und nicht an den Fundorten? Diese Frage aus dem Publikum nahm Conard zum Anlass, seinen Wunsch nach einem Zentralmuseum zu präzisieren: Auch wenn Gemeinden wie Blaubeuren, Schelklingen und Niederstotzingen alles unternehmen, die Funde aus ihrem Bereich optimal darzustellen, könnten sie es sich nicht leisten, ein Museum von Weltgeltung zu bauen und zu unterhalten. Das sei eine zentrale Aufgabe, die etwa in Frankreich oder Spanien von den Regierungen vorbildlich gelöst worden seien. Doch in Deutschland sei Kultur Ländersache, Berlin gehe das nichts an - wobei Conard sich den Hinweis nicht verkneifen konnte, dass die ältesten Zeugnisse menschlicher Kunstausübung ausgerechnet im Wahlkreis von Annette Schavan, der Bundesministerin für Bildung und Forschung, gefunden wurden.
Wie man trotz kärglicher Finanzmittel ein hohes Maß an Wissen über Leben und Kunst der Eiszeit vermitteln kann, erfuhren die SWP-Leser anschließend im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren, dessen wissenschaftlicher Direktor Conard seit 1995 ist. Museumsleiterin Stefanie Kölbl erläuterte die Unterschiede zwischen der Kultur der Neandertaler und des frühen modernen Menschen.
In der Sonderausstellung "Urmutter contra Pin-Up-Girl - Sex und Fruchtbarkeit in der Eiszeit" referierte sie die aktuelle Diskussion um den mutmaßlichen Sinn und Zweck der Venusfigur vom Hohlen Fels, deren Original Blaubeuren mittlerweile wieder verlassen hat - ohne dass ihre Kopie die Qualität der Ausstellung merklich schmälert. Originale gabs dennoch zu sehen: die ältesten Flöten der Welt.
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Autor: HENNING PETERSHAGEN | 08.07.2011
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