Wald im Wandel

Ulm.  "Stürmische Waldwirtschaft", der saloppe Begriff trifft auch auf den Ulmer Forst zu. Die Sturmwunden von 1990 und 1999 sind verheilt und haben den Waldbau nachhaltig verändert - zu seinem Vorteil.

"Der kurze aber heftige Orkan Lothar hat im Ulmer Wald stellenweise so große Schäden angerichtet wie vor knapp zehn Jahren der Sturm Wiebke", stand am 28. Dezember 1999 in der SÜDWEST PRESSE. Darauf folgte erneut ein schweres Jahr für Förster und Waldarbeiter: Sie arbeiteten jede Menge Sturmholz auf und pflanzten wieder neue Bäume auf die Flächen. In welchem Umfang und in welcher Baumzusammensetzung diese so genannten Wiebke- und Lothar-Sturmflächen inzwischen zugewachsen sind, das soll am Sonntag beim Waldtag vor Ort gezeigt werden bei der Führung "Stürmische Waldwirtschaft", Beginn 14 Uhr.

Im Donaustetter Wald stehen heute noch viele Fichten. Aber man sieht auch Flächen, auf denen vor 20 Jahren der Sturm Wiebke in Minutenschnelle für einen Kahlschlag sorgte. "Dort stehen heute Eichenstangen", sagt der Ulmer Forstdirektor Rudi Lemm und meint damit junge Eichen mit geringem Stammumfang. Ziel der Forstwirtschaft sei es von jeher gewesen, die Fichten-Reinbestände auf ungünstigen Standorten langfristig in stabile Mischwälder aus Fichte und verschiedenen Laubhölzern umzuwandeln. "Aber dass der Waldumbau so schnell auf uns zukommt, hätte keiner gedacht."

Wie überall im Land kauften auch die Ulmer Forstleute nicht nur Pflanzgut aus speziellen Baumschulen, sondern sie verließen sich ebenso auf die Naturverjüngung. Das heißt: Auf den kahlen Sturmflächen wurden zunächst die wilden Brombeeren in Schach gehalten, damit Samen aus dem ringsum bestehenden Wald keimen und die Sämlinge sich entwickeln konnten. Damit das Wild wie Rehe die zarten Bäumchen nicht abfraß, waren die Jäger verpflichtet, ihre Abschusszahlen einzuhalten. Oder neu gepflanzte Bäume mussten zum Schutz vor Wildverbiss mit Maschendraht versehen werden. Diese Laubmischwaldflächen hatten sich bis 1999, als der zweite Sturm Lothar erneut Fichten umfegte, so gut entwickelt, dass sie nun wiederum dem Wild einen guten Unterschlupf boten. "Wir hatten stellenweise große Probleme, die Lotharflächen aufzuforsten, weil das Wild in manchen Distrikten überhand genommen hatte", sagt Lemm. Die Förster sprechen in so einem Fall vom Stall-Trog-Prinzip: Die eine Fläche bietet Deckung, die andere das Futter.

Apropos "Stall". Das Sturmholz bot dem Forstschädling Borkenkäfer jahrelang immer wieder ideale Voraussetzungen zur Vermehrung. Die Fraßgänge, die die Käfer zur Eiablage bohrten, entwerteten das Holz. Das "Käferholz" wurde zum Schlagwort bei Preisverhandlungen zwischen Förstern und Sägewerksbesitzern. Die damaligen Nasslager, also die meterhohen Polter im Wald, die in den Sommermonaten zum Schutz vor dem Käfer beregnet wurden, sind längst von der Bildfläche verschwunden. Inzwischen befällt der Borkenkäfer in trockenen Sommern nur noch geschwächte Fichten, die an den Rändern alter Sturmholzflächen stehen. In diesem regenreichen Sommer jedoch hatte der Käfer kaum eine Chance.

Heute ist der "Brotbaum", die Fichte, wieder etwas wert. Und: "Wir haben eine gute Mischung aller Baumarten, ernten gutes Holz", bilanziert Lemm aus wirtschaftlicher Sicht. Vor allem gebe es einen stattlichen Vorrat an Ahorn und Esche, beides Holz, das sehr gefragt ist. Über alle Baumarten hinweg rechnet man derzeit mit einem Durchschnittspreis von 60 Euro je Festmeter oder auch Kubikmeter. Hinzu kommt: Seit vier Jahren boomen der Hackschnitzelmarkt für Biomasse-Kraftanlagen und der Brennholzmarkt für Privatleute. So sehr, dass die Industrieholzverarbeiter, die Spanplatten und Papier herstellen, schauen müssen, wo sie ausreichend Rohstoff herbekommen.

Wer jetzt glaubt, die Stadt Ulm erwirtschaftet sich Überschüsse mit ihrem Wald - 19 Prozent des Stadtkreises sind bewaldet - der liegt falsch. "Wenn was übrig bleibt, ist es gut", sagt Lemm. Im Staatswald springe immer ein Gewinn heraus. Im Stadtwald jedoch, der zu 80 Prozent aus Erholungswald für die Bürger besteht, müssten sich Waldpflege - auch am Wegrand zur Verkehrssicherheit - und Wegebau zum Nulltarif finanzieren. Dem oben genannten 60 Euro-Durchschnittspreis pro Kubikmeter Holz stehen beispielsweise 35 Euro Lohn für eine Arbeitsstunde eines Waldarbeiters gegenüber.

Hoch sind auch die Kosten für den Erhalt der Waldwege. Dies geschieht nicht für forstliche Zwecke. Vielmehr stellen Spaziergänger und Radler hohe Ansprüche an intakte Wege - auch auf der Route beim Waldtag am kommenden Sonntag.


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Autor: CAROLIN STÜWE | 09.09.2010

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