Wagner gewagt und gewonnen

Ulm.  Das Premierenpublikum bejubelte Richard Wagners "Rheingold" . Das Theater Ulm hat viel gewagt - und auf der ganzen Linie gewonnen. Zweieinhalb Stunden lang große und fesselnde Oper.

Wer den Zuschauerraum betritt, reibt sich die Augen: "Ich und du - wir erben die Welt", steht auf dem Bühnenprospekt. Das ist die Antwort Alberichs auf die Frage seines Sohnes Hagen nach ewiger Macht. Ein Zitat aus der "Götterdämmerung". Greift das Theater Ulm nach den Sternen? Gewiss nicht. Nur "Das Rheingold" hatte Premiere, der Vorabend zu Richard Wagners Bühnenfestspiel "Der Ring des Nibelungen". Mehr ist nicht drin. Wobei skeptische Wagnerianer, die dem Theater den "Rheingold"-Kraftakt mit fast ausschließlich aus dem Ensemble und dem Chor besetzten Solisten nicht zugetraut hatten, jetzt Abbitte leisten müssen.

Diese Produktion setzt einen hohen Maßstab für das, was dieses Haus kann - in Zeiten knapper Kassen. Wobei wir beim Thema wären, denn Regisseur Matthias Kaiser erzählt die allzumenschliche, dialektische Göttergeschichte von Macht und Liebe auch unter der Folie realer Kulturzustände. Walhall, jener unheilvolle Prestigebau Wotans, den er mit geraubtem Gold abzahlt, hat die Form des Ulmer "Mehrwert"-Theaterportals.

"Ihrem Ende eilen sie zu" - eine Startbahn im Abendrot führt nach Walhall. Die dem Untergang geweihten Götter schreiten auf dieses Theater zu, das ein Spielball der Machtbesessenen ist, Objekt schnöden Geldhandels? Und sind wir nicht alle schuldverstrickt in dieser Welt? Alberich steigt von der Bühne und verflucht den Ring in der ersten Publikumsreihe. Das sind intellektuelle Seitenhiebe Kaisers. Sein "Rheingold" konzentriert sich ansonsten sehr klar und unverbildet, aber in farbsatten, stimmungsvoll ausgeleuchteten, den Theaterapparat wirkungsvoll ausnutzenden Bühnenbildern Marianne Hollensteins auf die Figuren des Musikdramas.

Und dieses "Rheingold" kommt mit der Transparenz, Direktheit und Präzision einer Kammeroper daher. Erstaunlich. Nein, die Musik entströmt keinem mystischen Abgrund, keine Spur von Bayreuther Verhältnissen in der supertrockenen Akustik des Großen Hauses, keine webenden Streichermassen. Trotzdem entfalteten die verstärkten Philharmoniker unter Leitung Alexander Drcars sehr intensiv Wagners Romantik. Auch die Hörner, die ja nun Schwerstarbeit leisten müssen, hielten sich wacker.

Wegen technischer Probleme mussten noch Tage vor der Premiere die Schlagzeuger auf dem Schrottplatz sich Eisenschienen zuschneiden lassen für die Amboss-Perkussion in der Nibelheimszene. Das sind die realen Umstände am Theater Ulm. Doch es gelang weit mehr als ein Achtungserfolg. Drcar hielt eine ideale Balance zwischen erzählendem Orchester und Gesang. Im Ulmer "Rheingold" drängt sich das Orchester nicht klangfett in den Vordergrund; auch weil Drcar offenbar hart mit dem Ensemble arbeitete, ist das Wagalaweia-Deutsch enorm verständlich. Nicht Oper, sondern Musikdrama - so hatte sich das Wagner vorgestellt.

Bestes Beispiel: Alexander Schröder als Loge. Nie war dieser Tenor besser: Den Feuergott gibt er mit aasigem Sprechgesang als Outsider mit rotem Ziegenbart, als zynischen Verführer. Großartig Kwang-Keun Lee mit balsamisch kantablem Bariton als Wotan: ein machtkorrumpierter Gott im feinen Anzug. Und Roswitha C. Müller kann mit dieser herrlichen Mezzo-Stimme die Fricka auch an Staatsopern singen.

Young-Jun Ha zündet als Donner das "Heda Hedo", Joung-Woon Lee (Froh), Oxana Arkaeva (Freia), Claudia Vetter (als ins Bild projizierte Seherin Erda) stützen diese Aufführung so zuverlässig wie die Rheintöchter Edith Lorans, Katarzyna Jagiello und Gillian Crichton. Der Riese Fasolt ist mit dem Riesen Dirk Aleschus kolossal besetzt: mächtige Gestalt, mächtiger, etwas ungehobelter Bass. Sehr fokussiert, getragen Jeoung-Su Seo als Fafner.

Und Alberich - taucht ab. Mit Sauerstoffflasche und Flossen (treffliche Kostüme: Angela C. Schuett) sucht er den Grund des Rheins auf, eine effektvolle Unterwasserszene, die sich plötzlich in gleißendes Golddekor verwandelt. Der vom körperlich angeschlagenen Tomasz Kaluzny mit Bravour als sehr menschlicher Dämon gesungene Alberich leitet im weißem Hemd nicht die Schmiede des Nibelungenschatzes, sondern die schmutzige Müllabfuhr. Mime, trefflich besetzt mit Charaktertenor Hans-Günther Dotzauer, ist der Hausmeister des Betriebs. Das Geld als Abfallprodukt kapitalistisch machtgeilen Strebens: Zynischer lässt sich diese Welt nicht kommentieren.

Das märchenhafte Rhein-Idyll des Anfangs steht gegen das ausgeräumte Bühnenhaus des Theaters mit seiner Maschinerie als Schauplatz fürs technoide Nibelheim. Der unverdorbene Naturzustand weicht der Katastrophe. Und am Ende machen die Götter den Abflug, als feierliche Wagner-Prozession. Wie gesagt: "Ich und du, wir erben die Welt" - bald ist "Götterdämmerung". Dem Publikum aber dämmerts: Diese "Rheingold"-Inszenierung ist ein Ereignis.

Info Nächste Aufführungen: 23. Januar; 5., 11., 16. Februar. Karten: Tel. 0731/161-4444.


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Autor: JÜRGEN KANOLD | 15.01.2011

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