Vom Glauben abgefallen

Einst war das, was am Theater Ulm nun "Im Namen von" heißt, ein aufklärerisches Skandalstück. Das ist lange her. Was Andreas von Studnitz da auf die Bühne bringt, ist weder spannend noch erhellend.

MAGDI ABOUL-KHEIR |

"Der schlimmste Feind des Menschen ist die Freiheit. Furchtbar zu erkennen, dass es keinen Gott gibt, der uns leitet, kein System, das gültig wäre über unsern Tod hinaus." Was ist das für ein Prophet, der so spricht? Einer, der auch weiß: "Ohne heiliges Buch, egal wer daran rumgeschrieben hat, irrt der Mensch kriterienlos durchs Leben." So nützt der Prophet in dem Drama "Im Namen von" also den Glauben der Menschen aus, um ruchlos seine Macht zu mehren.

"Im Namen von": Wessen Namen aber? Studnitz' Werk basiert auf Voltaires "La fanatisme ou Mahomet le Prophète" (1741), von Goethe 1802 eingedeutscht. Voltaire hat vom Islam geschrieben und christlichen Dogmatismus gemeint. Bei Studnitz ist vorsichtshalber gar nicht von Mohammed und einer konkreten Religion die Rede - meint er jedweden religiösen Totalitarismus?

Nun, die Rede ist von Ungläubigen, die in der Sünde leben, von der Geringschätzung der Frauen, von Gotteskriegern - in Zeiten des IS und des islamistischen Terrors braucht man da keine Fantasie. Vom Himmel hängen weiße Stoffbahnen (Bühne und Kostüme von Mona Hapke): Diese Welt ist dabei, verschleiert zu werden. Die junge Frau, um die hier gerungen wird, verschleiert sich ja auch, wenn ein Mann naht. Also: Zu sehen ist eine Bedrohung durch den Islam, gemeint ist vielleicht mehr - wer weiß.

Da rückt ein selbsternannter Prophet gegen seine Heimatstadt vor, eine heilige Stadt, die ihn einst als Anarchisten verbannt hat. Statthalter Sopir will "nicht vor falschen Wundern niederknien", sich nicht unterwerfen. Ihn schaudert: "Wie verführbar ist der Mensch, wenn billig ihm Erlösung winkt."

Nun kommen zwei junge Menschen ins Spiel. Palmire, die Sopirs Herz anrührt, obwohl sie eigentlich eine Geisel, eine Sklavin ist - und die zum Propheten zurückmag, den sie verehrt. Und Séide, ein Offizier des Propheten, der sich zum Gefangenenaustausch anbietet.

Die Sache ist nun so: Der Prophet begehrt Palmire, Séide und Palmire lieben sich - und vor allem sind sie beide Kinder Sopirs, der sie für tot wähnt. Das nutzt der Prophet für eine grausame List: Séide soll Sopir töten und dann auch sterben - so wären zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Der Prophet macht den naiven Séide ("Ich höre Gottes Stimme. Ich gehorche") also zu seinem Werkzeug: "Mit eines Ungerechten Blut bespritzt, gehst du ins ewge Leben ein." Schon läuft alles aufs verheerende Finale zu.

Ränke, Kinderraub, Gift, Inzest, Vatermord: Was aufklärerische Demaskierung ideologischer Mechanismen sein soll, wird zum blutigen Familienrührstück. Das Private überlagert in diesem Holzhammer-Melodram auch sonst das Politische: Der Prophet und Sopir erscheinen durch Rache getrieben; die Machtlust des Propheten wird als Sublimierung sexueller Frustration gezeigt, Freud für Arme ist das; und wie die Protagonisten, wenn sie Familienbande ahnen, die Stimme des Blutes vernehmen - Stuss ist das. Im säkularen Mitteleuropa des Jahres 2015 liefert das keine Erkenntnisse. Aber gewiss ist das alles zeitlos gültig gemeint, daher benutzen die Figuren auch Handys, sprechen dann aber die Verben wie vor Jahrhunderten gebeugt hinein.

Zu den Schwächen des Stücks gesellt sich Studnitz' karge, spannungsarme Inszenierung. Wenige szenische Einfälle, dafür Textdeklamieren an der Rampe. Da helfen auch der Gitarre Mollakkorde nicht.

Das Ensemble kann an so einem Abend nicht viel rausreißen. Florian Stern spielt den übergelaufenen Heerführer Omar immerhin prima überheblich und opportunistisch, Gunther Nickles den Senator Phanor als geschäftsmäßigen Politiker, Jörg-Heinrich Benthien ist der sture, vom Kummer über die menschlichen Schwächen angefasste Statthalter Sopir, dem schließlich das Vaterherz bricht. Und Sidonie von Krosigk ist als Palmire glaubwürdig: Wie sie an so einer Welt leiden und verzweifeln muss, sich schließlich angeekelt dem Propheten entzieht - das ist stimmig.

Der Prophet wird von Wilhelm Schlotterer verkörpert: von Verletzung und Unruhe getrieben. Manchmal schaut er richtig teuflisch drein, aber den tyrannischen Massenverführer nimmt man ihm nicht ab, auch wenn der Palmwedel in seiner Hand kaputt geht.

Geradezu problematisch ist der Auftritt Dan Glazers als Séide. Ja, der Bursche soll gewiss naiv, tölpelhaft wirken, mit sich ringend zum Gotteskrieger werden. Aber diese mal mechanische, mal leiernde Sprache führt vor allem dazu, dass der Text oft kaum verständlich ist.

Erst Studnitz' arg dürftiger "Sommernachtstraum" auf der Wilhelmsburg, nun dieses nichtige "Im Namen von" - beim nicht vorhandenen Barte des Intendanten: Da kann der Theaterfreund schon mal vom Glauben abfallen.

Info Die nächsten Vorstellungen: 7., 8., 14., 17., 20., 23. und 30. September. Karten: 0731/161 44 44.

Besonderes Gastspiel

Kulturwoche Israel Am Freitag hat am Theater Ulm mit der Premiere von "Die gläserne Wand" die zweite Kulturwoche Israel begonnen. Am Montag, 19.30 Uhr, ist dabei ein besonderes Gastspiel im Podium zu sehen: "Der Pfau von Silwan" des Arab-Hebrew Theatres Yaffo. Das ist ein kleines Off-Theater, das in einem alten Gemäuer seine Heimat hat. Alma Ganihars Stück spielt im konfliktträchtigen Ost-Jerusalemer Stadtteil Silwan: Archäologische Ausgrabungen führen zum Streit zwischen dort wohnenden arabischen Familien und jüdischen Archäologen und Siedlern - beide Seiten erheben Anspruch auf ein altes Gebäude. Imi Anschluss an die Aufführung gibt es ein Publikumsgespräch.

SWP

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