Viele Quellen, wenig Wasser

Ulm.  Die Ulmer beziehen ihr Trinkwasser aus der Roten Wand. Innerhalb der Stadtgrenzen sprudeln zwar Dutzende Quellen. Eine wichtige Rolle zur Versorgung der Bevölkerung haben sie aber nie gespielt.

. Jahrhunderte lang hatten die Ulmer vom Grundwasser gelebt, das direkt unter ihren Häusern fließt. Einige der Brunnen, aus denen sie es schöpften, sprudeln noch heute: der Fischkasten auf dem Marktplatz, der Georgsbrunnen hinterm Münster, der Neptunbrunnen auf dem Judenhof. Gespeist wurden sie vom Wasser, das bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Brunnenwerken gefördert wurde. Fünf dieser Werke waren in die Stadtmauer eingelassen, das erste schon 1450. Zwei existieren noch heute. Am Seelengraben steht das Glockenbrunnenwerk. Das Werk beim Zundeltor ist als Museum hergerichtet.

Kernstück der Werke sind große Wasserräder, welche von der Strömung des außen die Mauer entlang fließenden Stadtgrabens in Bewegung gesetzt wurden. Die Räder trieben die Pumpen, die Nass aus dem Untergrund der Stadt in Wassertürme förderten. Von dort aus wurde es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts in die öffentlichen Brunnen und die wenigen privaten Hausanschlüsse verteilt.

Von der Donau und dem aus der Blau gespeisten Stadtgraben umschlossen fand sich im alten Ulm kaum Platz für Quellen. "Tatsächlich ist nur eine bekannt", berichtet Ulrich Burst, der Wasserexperte bei den städtischen Entsorgungsbetrieben. Sie sprudelte am südlichen Rand das Marktplatzes in Richtung Metzgerturm und speiste den Brunnen "Bei den alten Röhren". Von dieser Quelle - seit 1914 liegt sie trocken -, hatte schon Ulms erster Stadtchronist, Felix Fabri, im 15. Jahrhundert erzählt. Er führte auch zu einer anderen Quelle, die heute am Rand der Markungsgrenze in Obertalfingen zu finden ist. In jenem "Gesundbrunnen" hatten unter vielen anderen schon in den 1490er Jahren Herzog Eberhard der Jüngere von Württemberg samt Gemahlin gekurt. Eitel Eberhard Besserer ließ sie später fassen. Ihr Wasser wurde in ein Kesselhaus geleitet. Burst ist eine weitere Quelle am heutigen Rand der Innenstadt bekannt. Sie entspringt auf halber Höhe des Safranbergs und speiste das Alber-Kästle an der Heidenheimer Straße. Vor einigen Jahren wurde dieser Brunnen von der linken an die rechte Straßenseite vor das Studentenwohnheim verlegt. Doch heute plätschert dort nichts mehr. Dies Quellwasser wird wohl sofort in die Kanalisation verbannt - wie viele andere Quellen auch. Die meisten der 71 Quellen auf Ulmer Markung sind allerdings an den Alb-Hängen zu finden. In Höhenlagen zwischen 500 und 550 Metern.

Eine Quelle, was versteht man unter dem Wort? "Eine Quelle ist ein Ort, an dem Grundwasser auf natürliche Weise austritt", sagt Kathrin Haas von der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt. Quellen bilden den Übergang zwischen Grund- und Fließwasser. Nicht Wasser führende Schichten wie Lehm verhindern, dass das Grundwasser vollends versickert. Oft entstehen Quellen dort, wo diese Schichten bis nah an die Erdoberfläche heranreichen.

Auf Ulmer Markung sind auch ausgefallene Quelltypen zu finden. Hungerquellen oder intermittierende Quellen, die zeitweise nicht schütten. Sickerquellen, bei denen Grundwasser in zahlreichen kleinen Wasseradern an die Oberfläche tritt, die das Erdreich durchtränken und einen Quellsumpf bilden. Karstquellen, die nach Niederschlägen stark schütten und in Trockenperioden fast versiegen. Oder auch Quelltuff. "Eine solche Quelle findet man beispielsweise an der Böfinger Halde," berichtet Haas. Das Wasser dort ist so stark von gelöstem Kalk durchsetzt, dass der sich an Pflanzen ablagert, die dort im Wasser stehen, und sie mit einer feinen Kruste überzieht.

"Südwestlich von Donaustetten stößt man auf einen ganz anderen Quelltyp", schildert Haas weiter. Einen Hochstaudensumpf mit Grau-, Purpur-, Mandel-, Silber- und Korbweiden, Pappeln, Birken, Mädesüß, Gelb- und Blutweiderich sowie Rohrgräsern. Ein Hangquellmoos und seltenes Kleinseggenried, das verschiedenen Tiergruppen wie Schmetterlingen und Amphibien, aber auch einer seltenen Orchidee wie dem Sumpf-Stendelwurz Lebensraum bietet, findet sich im Gewann Lange Weidach bei Söflingen.

Die Stadtverwaltung hat vor kurzen alle Quellen erfassen lassen. Manche sind in Brunnenbecken gefasst wie die an der nordwestlichen Ecke des Forts Oberer Kuhberg oder das Rehbrünnele im Maienwäldle bei Söflingen. Andere dienen Landwirten als Tiertränke. Eine wichtige Rolle zur Versorgung der städtischen Bevölkerung hatten die Ulmer Quellen jedoch nie gespielt.

Noch heute fließt in Ulm Grundwasser aus den Wasserhähnen. Das stammt aus dem Auwald "Rote Wand" an der Illermündung. Dort wurden die ersten Brunnen 1905 gebohrt. Heute sind in der "Roten Wand" insgesamt 15 bis zu 18 Meter tiefe Brunnen in Betrieb, aus denen täglich etwa 40 000 Kubikmeter Grundwasser ins städtische Netz gefördert wird.


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Autor: JÜRGEN BUCHTA | 15.05.2010

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