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Vesperkirche Ulm: Wo man für 1,50 Euro gut satt wird

Die Vesperkirche hat zum 19. Mal geöffnet, und wieder ist sie proppenvoll. Wer sind die Leute, die dort preiswert zu Mittag essen? Was hat sie in die Pauluskirche geführt? Wir haben einige Gäste befragt.

SVEA HUNDSDORF, ... | 0 Meinungen

Die Teller ihrer Sitznachbarn sind bereits geleert, als sich Andrea Flick mit ihrer Portion an den Tisch setzt. Kassler mit Sauerkraut und Püree stehen auf dem Speiseplan. Heute ist sie zum Essen hier, früher hatte sie schon beim Betrieb der Vesperkirche mitgeholfen. "Auch diesmal habe ich mich als Ehrenamtliche angeboten, aber da gabs schon genügend Helfer", erzählt sie. Manchmal bringt sie ihren fünfjährigen Sohn zu Essen mit. Eines ist ihr aber besonders wichtig. Sie strahlt: "Man darf sogar seine Hunde mitnehmen."

Trotz Essensausgabe und Tabletts erinnert die umfunktionierte Pauluskirche nicht an Kantine. Die Stimmung ist locker: Es wird sich zugerufen, herangewunken, Plätze werden frei gemacht. Neulinge finden sich ein wie der Student Marcel Kallwass. Seinen Sitznachbarn, Roland Reinicke, kennt er nur flüchtig "Ich habe ihn heute Morgen bei der Caritas kennengelernt. Da hat er mich eingeladen mitzukommen", schmunzelt Kallwass. Das Angebot sei eine gute Sache. "Doch für Arme sollte das Essen kostenlos sein", findet er. Viele könnten nicht mal die verlangten 1,50 Euro pro Mahlzeit bezahlen. Für Reinicke hingegen, der im betreuten Wohnen in Ulm lebt, ist es nicht das erste Mal in einer Vesperkirche. "Ich komme aus Ulm, besuche aber auch die Vesperkirche in Ravensburg. Am 28. Januar gehts dort wieder los."

Männer sitzen beim Kaffee. Sie treffen sich regelmäßig, immer am selben Tisch. Zwei davon sind seit Monaten arbeitslos, für sie ist die Vesperkirche Neuland. Von 11 bis 15.30 Uhr haben sie einen warmen Ort, an dem sie mit Freunden und Bekannten beisammen hocken. Doch die Zeit so zu verschwenden, das bringt auch Nachteile für sie mit: "Die Zeit fehlt uns, um weggeworfene Pfandflaschen zu sammeln und zu Geld zu machen."

Auch  Pfarrer Thomas Keller  von der Georgskirche ist häufiger Gast beim Mittagessen. "Ich bin ein sehr schlechter Koch", scherzt er. "Zwar brennt Wasser bei mir nicht an. Doch schon beim Spiegeleierbacken wirds kritisch." Die Mahlzeiten allein sind es freilich nicht, deretwegen er zum Nachbar-Gotteshaus herüberkommt. "Hier bewegen sich alle, ob arm, Normalverdiener und Wohlhabender auf der gleichen Ebene", hält Keller fest. Und wenn man am Tisch nebeneinander sitzt, dann begegnet man denen, die es materiell schwerer haben, auch würdevoll." Die Vesperkirche, sagt der katholische Pfarrer, werde kaum dazu betragen, Armut abzubauen. Sie sei aber ein starkes Zeichen, dass alle Menschen zusammengehören.

Siegfried Gut, Julia Rilli und Johanna Rapp haben das erste Mal den Weg zur Mittagsspeisung in der Pauluskirche gefunden. Gut war Soldat bei der Bundeswehr. Vor kurzem in den Ruhestand versetzt, ist er jetzt ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission aktiv. Dort engagiert sich auch Julia Rilli ehrenamtlich. Gemeinsam mit der St. Hildegard- Schülerin Rapp, die gerade ein Praktikum bei der Hilfsorganisation absolviert, haben sie sich das Angebot angeschaut. "Viele Leute, die wir betreuen, haben vom guten Essen geschwärmt, das man hier kriegt", berichtet Gut. "Und von den weißen Decken, die auf den Tischen liegen. Das alles muss man auch mal selber sehen." Schon beim Hereinkommen hat Schülerin Rapp zwei Klassenkameradinnen entdeckt, die bei der Essenausgabe mithelfen.

Heute haben auch die CDU-Stadträte Herbert Dörfler, Dr. Karin Graf, Siegfried Keppler, Barbara Münch und Winfried Walter an den Tischen Platz genommen. "Mindestens einmal im Jahr", erläutert Dörfler, "sind Leute aus unserer Fraktion hier präsent."

Ewald Höhning, der früher als "Dr Krettaweber von Ulm" durch die Stadt zog, hat sich zu seinen Bekannten an den Tisch gesetzt. Man fachsimpelt über Fußball und das, was sonst los ist in der Stadt. "Viel ist es aber nicht." Nach zwei Herzinfarkten, berichtet der 63-jährige Söflinger, wurde er in den Ruhestand versetzt. Das ist fünf Jahren her. "Bei 800 Euro Rente bleibt mir nicht viel zum Leben", bekennt er.

Sicher, an einigen Tischen finden sich auch Normalverdiener ein, die 4,50 Euro - hin und wieder plus kleine Spende - fürs Mittagessen bezahlen. Aber die meisten dürften zum Kreis der Ärmeren in der Stadt gehören, für die diese Einrichtung ein Segen ist. Selbst Wiblingern ist die Anfahrt nicht zu weit. Die Vesperkirche dauert bis 12. Februar.

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